KI in der Praxis: Was heute schon geht

Künstliche Intelligenz ist in aller Munde – und bei vielen Entscheidern in der Region längst Teil des unternehmerischen Alltags. faktor stellt einige Best-Practice-Beispiele aus Südniedersachsen und dem Umland vor.

»Künstliche Intelligenz transformiert die gesamte Biopharmabranche und beschleunigt unser Kerngeschäft.« Oscar-Werner Reif

Es gibt kaum eine Branche, in der KI-Anwendungen heute nicht zumindest erprobt werden. Was bei manchen als Hype verschrien ist, unterstützt andernorts bei der Optimierung von Prozessen, bei der Reorganisation von Betriebsabläufen – oder schlicht bei der Steigerung der Effizienz im Unternehmen. Künstliche Intelligenz bietet unzählige Chancen, birgt aber hier und da auch gewisse Risiken. Wie gehen Entscheider aus der Region damit um? Welche KI-Tools nutzen sie bereits aktiv, woran arbeiten sie, was ist in Planung? Wir haben uns im faktor-Gebiet umgehört, gezielt nachgefragt – und sehr spannende Antworten erhalten.

Der UX-Experte: Patrick Harms
Zum Beispiel von Patrick Harms, Professor für ­„Usability“ an der Technischen Hochschule Nürnberg und Geschäftsführer der SimPaFee UG in Göttingen, mit der er vor einigen Jahren eine Bar-App für das Stadtgebiet entwickelt hat. Früher wirkte Harms auch an der Georg-August-Universität, unter anderem am Institut für Informatik. Inzwischen ist er unter anderem Mitglied im Arbeitskreis „Künstliche Intelligenz“ der German User Experience Professional Association (gUPA).
Und genau in diesem Bereich – User Experience (kurz: UX) – sieht Harms für KI-Anwendungen großes Potenzial: „User Experience Design setzt sich aus vielen unterschiedlichen Methoden zusammen, die jeweils an bestimmten Stellen im Designprozess ihren Platz haben, und nahezu jede dieser Methoden lässt sich mittlerweile durch KI unterstützen“, sagt Harms. Es gebe bereits KIs, die eigenständig Interviews führen, per Chatbot statt im persönlichen Gespräch, und die Ergeb­nisse anschließend auswerten. Auch beim Generieren von Nutzerschnittstellen passiere vieles inzwischen auto­matisch. „Wie weit echte Vollautomatisierung am Ende wirklich tragen kann, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die ersten Bausteine sind jedenfalls klar erkennbar“, sagt Harms.
Dass UX-relevante Experten wie Designer, Entwickler, Produktmanager oder Marketingspezialisten demnächst arbeitslos werden, sieht Harms nicht: „Auf ­keinen Fall. Diese Berufe werden sich verändern, sicher auch verschieben und sie werden effizienter ausgeführt werden. Aber kein einziger dieser Berufszweige wird komplett verschwinden.“
Der KI-Experte ist übrigens nicht nur Fan, sondern auch Kritiker der neuen Möglichkeiten: „Das Kernproblem ist die Validität der Ergebnisse und die Tatsache, dass viele sich darüber gar keine Gedanken machen, weil sie nicht tief genug im Thema stecken“, findet er. „Heute ­wissen wir noch nicht genau, wie generative KI eingesetzt, also wie sie konkret geprompted werden muss, damit zum Beispiel Interviewauswertungen tatsächlich belastbar werden. Und selbst wenn wir das im Griff hätten, bleibt die Folgefrage offen: Wie überprüfen wir automatisiert, ob ein KI-generiertes Ergebnis wirklich gut ist?“
Dazu komme ein altes Missverständnis: UX werde häufig mit „etwas hübsch machen“ verwechselt. In Wirklichkeit gehe es aber um viel mehr – etwa um das gewählte Wording, die richtigen Elemente an der richtigen Stelle oder um die Struktur eines Ablaufs. „Wenn jemand mit einer KI eine Oberfläche generiert, die einigermaßen schick aussieht, glaubt er schnell, das Ziel sei erreicht. Ist es aber nicht“, betont Harms. 
Ein Vergleich aus dem Handwerk verdeutliche dies: Wenn ein Elektriker sagt, dass eine bestimmte Verkabelung das Haus in Brand setzen wird, glaube man das sofort. Wenn UX-Fachleute auf Probleme hinweisen, glauben Außenstehende ihnen laut Harms oft nicht – weil viele Menschen meinen, sie hätten ein gutes Bauchgefühl für gute UX. „Genau das ist der Punkt: Würde eine KI die Stromleitungen verlegen, wären wir alle skeptisch. Wenn eine KI dagegen eine Nutzerschnitt­stelle generiert, die schick aussieht, gehen wir wie selbstverständlich davon aus, dass auch die UX dahinter stimmt. Dieses Missverständnis nach außen aufzulösen, halte ich für unsere größte Herausforderung.“
Kritisch wird Harms also vor allem dann, wenn Menschen die Ergebnisse einer KI nicht mehr fundiert bewerten können. „Und richtig heikel wird es, wenn KI für Aufgaben eingesetzt wird, von denen die Person eigentlich keine Ahnung hat – also genau dort, wo das fachliche Urteilsvermögen fehlt.“

Der Handwerker: Rocco Funke
Fachliches Urteilsvermögen kann Rocco Funke in jedem Fall vorweisen. Als der Diplom-Ingenieur 2021 die Vier-Tage-Woche in seinem Unternehmen einführte, war das zunächst keine Digitaloffensive. Der Geschäfts­führer des Eichsfelder Leckortung- und Bautrocknungs-­Service (ELBS) in Hundeshagen nahe Worbis suchte nach einem anderen Arbeitsmodell – effizienter, plan­barer und familienfreundlicher. Nach den Corona-­Jahren wollte er Abläufe neu ordnen und zugleich mehr Zeit für seine Familie gewinnen. „Wie es sich heute ­darstellt, war es nicht geplant“, sagt der 54-Jährige rück­blickend. Heute sieht er die Entscheidung als wichtigen Wendepunkt für den Betrieb.
Schnell wurde klar: Ein Arbeitstag weniger funktio­­niert nicht durch mehr Tempo an den verbleibenden Tagen. „Einen Tag einfach zu streichen, ist nicht die ­Lösung“, sagt Funke. Stattdessen begann ELBS damit, Prozesse grundlegend zu überarbeiten und stärker zu ­digitalisieren. Künstliche Intelligenz spielt dabei inzwischen eine zentrale Rolle.
Ein erster Schritt war die Neugestaltung der Webseite samt neuem Kontaktformular. Dahinter arbeitet heute ein KI-gestütztes System, das Kundenanfragen automatisiert verarbeitet. Wer online seine Angaben eingibt, erhält auf Basis dieser Daten direkt ein individuell erstelltes Projektangebot. Für Kunden verkürzt sich damit die Zeit zwischen Anfrage und Entscheidung deutlich.
Der Einsatz der Technologie beschränkt sich bei ELBS nicht nur auf die Kommunikation mit Kunden. Im Unternehmen entstehen derzeit weitere digitale ­Module, die Verwaltungs- und Organisationsaufgaben vereinfachen sollen. Dazu gehören Anwendungen für die E-Mail-Ablage oder Buchungsvorgänge ebenso wie ein KI-Assistent für die Einsatzplanung.
Künftig sollen Mitarbeiter direkt vor Ort per Tablet zusätzliche Handwerker anfordern und ihre Projekte realisieren können. Die KI erstellt dafür auf Grundlage des jeweiligen Einsatzortes und der benötigten Leistungen passende Vorschläge. Für Funke ist genau das der entscheidende Punkt: Der Einsatz von KI soll den Arbeitsalltag ­vereinfachen, nicht Personal ersetzen. Die digitale Unterstützung schaffe Freiräume, reduziere 
den Abstimmungsaufwand und beschleunige viele ­Routineprozesse.
Die technischen Veränderungen wirken sich inzwischen direkt auf die Organisation des Unternehmens aus. ELBS arbeitet heute in einer „echten“ Vier-­Tage-Woche – ohne regelmäßige Nachtschichten oder Sonntagsarbeit. Möglich werde das vor allem durch klarere Prozesse und einen höheren Grad an Eigenverant­wortung im Team.
Trotz aller Automatisierung bleibt aber auch Funke beim Thema KI pragmatisch. Die Technik könne vieles erleichtern und ökonomischer machen, sagt er. „Blind überlassen sollte man ihr aber nicht alles.“ Für ELBS ist Künstliche Intelligenz deshalb vor allem ein Werkzeug, um Arbeitsabläufe sinnvoll zu unterstützen.

Der Industriebetrieb:
Bornemann Gewindetechnik
Arbeitsabläufe sinnvoll unterstützen – das ist auch ein wesentlicher Antrieb von Moritz von Soden, Geschäftsführer des Gewindeherstellers Bornemann Gewindetechnik aus Delligsen im Landkreis Holzminden, 20 Kilo­meter nördlich von Einbeck. „Anfangs ging es vor allem darum, KI als Werkzeug im Büroalltag zu verstehen: Texte strukturieren, E-Mails vorbereiten, Recherchen beschleunigen, Ideen sortieren. Das waren die nahe­liegenden ersten Anwendungen, wie wahrscheinlich in vielen anderen Unternehmen auch“, sagt von Soden. Später habe man sich die Frage gestellt, ob KI nicht auch ganze Prozessschritte entlasten könne – etwa bei der Vorqualifizierung von Anfragen oder im Umgang mit internationalen Website-Besuchern. Daraus seien dann die ersten KI-Agenten entstanden, die zum Beispiel Besucher der Bornemann-Internetseite tracken, in ihren Unternehmen nach zuständigen Einkäufern suchen und diesen dann automatisch Mails mit Informationen zusenden.
„Wir haben nicht von heute auf morgen ein fertiges System eingeführt. Es war und ist ein schrittweiser Lernprozess. Wir testen, verbessern, verwerfen Dinge auch wieder und schauen sehr genau, wo KI wirklich Nutzen stiftet und wo der Mensch klar überlegen bleibt“, differenziert von Soden. „Gerade der Mittelstand muss aus meiner Sicht stärker lernen, Dinge pragmatisch auszuprobieren, ohne Angst vor dem Scheitern zu haben.“
Die klassische Akquise habe sich bei Bornemann inzwischen deutlich verändert, berichtet von Soden: „Früher war Kaltakquise häufig ein relativ grober Prozess: Man identifiziert potenzielle Unternehmen, ruft an oder schreibt eine E-Mail und hofft, dass das Thema dort gerade relevant ist.“ Mit KI und Website-Signalen werde dieser Ansatz gezielter. Wenn mehrere Mitarbeiter eines Unternehmens die Website mehrfach besuchen und längere Zeit auf bestimmten Produktseiten verweilen,
sei das zunächst mal ein Hinweis auf mögliches Interesse: „Daraus wird noch kein Auftrag, aber es ist ein besserer Anknüpfungspunkt als ein völlig kalter Kontakt.“
Der KI-Agent helfe heute dabei, schneller zu recherchieren: Wer könnte in dem Unternehmen relevant sein – im Einkauf, in der Entwicklung oder in der Konstruktion? Welche Themen könnten für diesen Kontakt
interessant sein? Auf dieser Basis könne anschließend eine deutlich gezieltere Ansprache erfolgen. „Der große Vorteil liegt weniger darin, dass plötzlich jeder Kontakt ­erfolgreich ist. Der Vorteil liegt darin, dass wir unsere begrenzte Vertriebszeit auf die interessanteren Kontakte konzentrieren können“, erläutert der Geschäftsführer.
Wenn auf die automatisch generierte Mail keine Antwort eingeht, kommt bei Bornemann eine Telefon-KI namens „Anna“ ins Spiel: „Anna ist bei uns als nächster Schritt entstanden, weil wir gemerkt haben: Gerade international gibt es viele Situationen, in denen ein Erstkontakt sinnvoll wäre, aber intern fehlen dafür Zeit, Sprachkompetenz oder schlicht die Kapazität.“ Anna soll bei Bornemann nicht verkaufen und auch keinen Menschen ersetzen. Sie soll transparent als KI auftreten, kurz erklären, warum sie anruft, Interesse abfragen und bei Bedarf einen Kontakt zu einem menschlichen Ansprechpartner herstellen. „Das ist für mich ein wichtiger ethischer Punkt: Der Kunde muss wissen, dass er mit ­einer KI spricht“, betont von Soden.
Technisch basiert Anna auf einem modernen Sprach-KI-System der Firma TDM, kombiniert mit Telefonie- und Weiterleitungslogik, Webseitentracking und zum Teil auch mit Online-Marketing-Tools wie automatisierten Mailings. Entscheidend ist dabei weniger ein einzelnes Modell, sondern die Prozesslogik dahinter: Wann darf angerufen werden? In welcher Sprache? Wird die deutsche Uhrzeit berücksichtigt? An wen wird weiter­geleitet? Und wann wird bewusst nicht weitergeleitet?
„Wir haben Anna bewusst so gestaltet, dass sie sehr menschlich wirkt. Sie antwortet nicht steril oder mechanisch, sondern mit kleinen Pausen, manchmal mit einem leichten Zögern oder Stottern, einem ,mmh‘, wenn sie scheinbar nachdenkt. Man hört auch Atemgeräusche, und sie kann in passenden Momenten sogar lachen“, ­beschreibt der Chef. Das wirke beim ersten Kontakt durchaus etwas ungewohnt, vielleicht sogar ein wenig unheimlich – weil man merkt, wie nah diese Technologie inzwischen an natürlicher Kommunikation ist. „Gleichzeitig erleichtert genau das die Kommunikation enorm. Denn niemand möchte mit einer KI sprechen, die wie ein starrer Roboter klingt“, findet von Soden.
Bei Bornemann schauen sie auch sehr genau auf konkrete Reaktionen: Wird das Gespräch akzeptiert? Wird weitergeleitet? Gibt es Irritationen? Gibt es Rückmeldungen aus dem Vertrieb? Fühlt sich das alles für den Kunden hilfreich an – oder vielleicht doch eher aufdringlich?
Was Anna konkret kann, ist durchaus bemerkenswert: Sie kann Gespräche in verschiedenen Sprachen führen, Anliegen vorqualifizieren, Termine in Outlook buchen, Rückrufbitten aufnehmen und bei Bedarf an einen passenden menschlichen Ansprechpartner im Unternehmen weiterleiten. „Sie ist inzwischen deutlich mehr als nur eine Art digitale Telefonzentrale. Anna kann erklären, was Bornemann macht, welche Arten von Gewinde­spindeln wir herstellen und für welche Anwendungen unsere Produkte typischerweise eingesetzt werden. Sie kann auch erkennen, ob jemand aus dem Einkauf, der Konstruktion, der Entwicklung oder der Instandhaltung kommt und das Gespräch entsprechend einordnen“, erläutert von Soden.
Darüber hinaus könne Anna bereits leichte technische Beratungen übernehmen. Sie beantworte Fragen zu technischen Details, Werkstoffen, Schmierstoffen, Toleranzen oder grundsätzlichen Auslegungsfragen – „natürlich immer innerhalb der Informationen und Regeln, die wir ihr vorgeben“, betont der Geschäftsführer. In vielen Fällen könne sie damit schon sehr viel Vorarbeit leisten: technische Anforderungen abfragen, Rückfragen stellen, Informationen strukturieren und dem Kunden eine erste Orientierung geben.
Trotzdem gibt es für von Soden klare Grenzen: „Wirklich detaillierte technische Bewertungen, verbindliche Auslegungen oder Fragen zu sicherheitskritischen Anwendungen bleiben selbstverständlich bei unseren Fachleuten.“ Zudem soll Anna außerhalb der Geschäfts­zeiten keine Gespräche weiterleiten, keine Preise verhandeln, keine verbindlichen technischen Zusagen machen, keine Liefertermine versprechen und keine rechtlich bindenden Aussagen treffen. Dafür brauche es auch bei Bornemann weiterhin qualifizierte Fachleute.
Und die müssen sich deshalb auch keine Sorgen um ­ihren Arbeitsplatz machen. Jona Post ist bei Bornemann zum Beispiel im Marketing tätig, kümmert sich aber auch um die Umsetzung KI-gestützter Automationen und Prozessoptimierungen. Sie sagt: „Für uns ist KI kein Ersatz für Verantwortung oder eigene Ideen, sondern ein Werkzeug, das unterstützen kann. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, sinnvoll zu entscheiden, wo Automatisierung hilft und wo der Mensch bewusst die Führung behalten muss.“
Auch sie ist überzeugt, dass KI-gestützte Automatisierungen Kapazitäten freisetzen, die an anderer Stelle besser genutzt werden können: „Weniger operative Fleiß­arbeit bedeutet mehr Raum für Strategie und Planung, aber auch für aktiveren und direkteren Kundenkontakt. Das ist aus meiner Sicht besonders wichtig, weil genau dort menschliche Einschätzung, Kommunikation und Verantwortung weiterhin eine zentrale Rolle spielen.“

Die Stadtwerke:
Versorgungsbetriebe Hann. Münden
Sehr gute Erfahrungen mit einer Telefon-KI machen derzeit auch die Versorgungsbetriebe Hann. Münden (VHM), die sich mit der dort ansässigen Agentur Sorum professio­nelle Hilfe an Bord geholt haben, um den Kundenservice für die Zukunft fit zu machen.
Die Problemstellung war schnell umrissen: Telefonieren reißt Mitarbeiter aus dem Fokus, bindet Ressourcen für Routinefragen – und sorgt schlimmstenfalls für Frust auf beiden Seiten, wenn Anrufer in der Warteschleife quasi „verhungern“. Gemeinsam mit den VHM haben die Spezialisten von Sorum eine Telefon-KI namens „Luna“ entwickelt. Der Anspruch war, keinen statischen Anruf­beantworter einzuführen, bei dem man „die 1 drückt“, sondern einen intelligenten Voice-Agenten, der Dialoge versteht und auch selbstständig führen kann.
„Wir haben Luna darauf trainiert, Routineaufgaben komplett eigenständig zu übernehmen. Sie nimmt Zähler­stände entgegen, hilft bei Umzugsmeldungen oder passt Abschläge an“, erklärt Micha Müller-Zitzke, ­Geschäftsführer bei Sorum. Und sie tut das, während das menschliche Team Feierabend macht, im Meeting sitzt oder sich um komplexere Kundenanliegen kümmert.
Der Plan scheint aufzugehen – wie auch Marc Pfütz bestätigt, Geschäftsführer der VHM: „Wir gewinnen Zeit für persönliche Gespräche, wenn individuelle An­liegen im Mittelpunkt stehen, und wir entlasten unser Team.“
Ein weiterer Vorteil, der auf der Hand liegt: Luna ist an 365 Tagen im Jahr erreichbar, rund um die Uhr, ohne Warteschleife oder komplizierte Bandansagen. Besonders dann, wenn zur Jahresabrechnung hunderte Anrufe gleichzeitig eingehen, macht sich das für einen Versor- gungsbetrieb sehr schnell bezahlt.
Im Übrigen spricht Luna mehr als 30 Sprachen – von Englisch über Ukrainisch bis Arabisch. „Damit erreichen wir Menschen, die sich am Telefon sonst oft nicht trauen, ihr Anliegen zu schildern“, sagt Müller-Zitzke. Luna sei im Übrigen so gebaut worden, dass die Gespräche auf Hochsicherheitsservern in Deutschland laufen: „Es werden keine Audioaufnahmen dauerhaft gespeichert, sondern nur die relevanten Daten strukturiert übergeben.“ Damit sei Luna auch datenschutzkonform – ein Thema, das im Zusammenhang mit KI-Tools heute gerade auch durch den EU AI Act und die sich daraus ergebenden Pflichten immer mehr Relevanz bekommt.

Der konzern: Sartorius
Auch beim global agierenden Life-Science-Unternehmen Sartorius spielt Künstliche Intelligenz heute natürlich längst eine entscheidende Rolle. Konzernweit hat das Unternehmen mittlerweile mehr als 100 KI-Applikationen implementiert und arbeitet in großen Schritten an immer größeren Anwendungsbeispielen und Prozess­abläufen – bis hin zu autonomen Lieferketten und KI-­Engineering. Das Ziel dahinter: Mehr Automatisierung ▸ soll Kosten senken und Margen steigern, aber auch die Qualität und das Kundenerlebnis verbessern.
Das geschieht etwa durch einen jetzt schon funktionierenden 24/7-KI-Kundenservice, der derzeit in den USA erprobt wird, die automatisierte Bearbeitung von Kunden-­Mails oder digitalisierte Arbeitspläne im Fertigungsleitsystem. Mehr als 60 spezialisierte KI-Agenten sind inzwischen bei Sartorius im Einsatz. Und die sind – fast selbstverständlich – miteinander vernetzt. Torsten Müller, der bei Sartorius die Bereiche IT & Process und Operations verantwortet, beschreibt, wie das in der Praxis aussehen kann: „Angenommen, es kommt eine ­Order von einem Kunden rein. Der erste Agent prüft, wie wichtig diese Order im Vergleich zu anderen ist. Der zweite Agent schaut sich an, ob alle benötigten Materialien auf Lager sind. Der dritte Agent checkt die Produktions­kapazität. Und alle arbeiten als Team zusammen und kommunizieren miteinander.“ Schließlich werde dem Kunden ein exaktes Lieferdatum mitgeteilt, auf das er sich verlassen kann. Und das komme natürlich gut an.
Für Müller geht es letztlich auch darum, durch den Einsatz von KI ganze Prozesse regelrecht zu revolutionieren. Dabei spielt auch die sogenannte physical AI eine wichtige Rolle: Maschinen können und sollen Menschen unterstützen und wiederkehrende Aufgaben übernehmen. Die Mitarbeiter können sich dadurch anderen Aufgaben widmen.
Noch sichtbarer wird dieser Fortschritt bei den Produkten von Sartorius, die – so CTO Oscar-Werner Reif – das Potenzial haben, ganze Prozesse grundlegend zu verändern. Mit seinem Portfolio unterstützt das Unternehmen Kunden von der Wirkstoffforschung bis zur Produktion von Biopharmaka. „Bei unseren Biopharma-­Kunden hat KI das Potenzial, insbesondere die Entwicklung, aber auch die Herstellung neuer Therapien massiv zu verkürzen – so können diese schneller und kostengünstiger zum Patienten kommen“, sagt Reif.
Ein Beispiel dafür seien die Incucyte-Systeme, die in der Wirkstoffentwicklung zum Einsatz kommen: „Mit dem Incucyte untersuchen Forscher lebende Zellen über einen längeren Zeitraum hinweg, beispielsweise über zwei Wochen. Vereinfacht gesagt: Es gibt hier in Echtzeit laufend Bilder über ganz viele Proben hinweg. Die Datenmenge ist enorm.“ Früher hätten Forscher die Zellen einmal am ­Anfang angesehen – und dann wieder am Ende der Untersuchung. Was zwischendurch mit den Zellen passiert war, blieb unklar. „Mit den KI-Algorithmen, die wir entwickelt haben, ist es jetzt möglich, sich jede Aufnahme in Echtzeit anzuschauen und auf Änderungen zu überprüfen. Das heißt, man bekommt plötzlich eine ganz andere Aussage in diesen Systemen“, betont Reif.
Damit werde ein bislang punktueller Blick auf Zell­prozesse zu einem kontinuierlichen Verständnis – und Forschungsprozesse werden nicht nur transparenter, sondern auch deutlich effizienter. Dazu komme noch, dass KI die gesamte Dokumentation und Auswertung übernehmen kann – eine Arbeit, in die Forscher früher bis zu 70 Prozent ihrer Zeit investiert hätten.
Und Reif beschreibt ein weiteres Beispiel aus dem ­Sartorius-Portfolio – „Pionic“ genannt und als „Plattform der Zukunft“ beschrieben: eine Plattform, die in der Herstellung von Biopharmaka den Übergang zu kontinuierlichen Produktionsprozessen ermöglicht. „Sie müssen sich das ein bisschen wie Brötchenbacken vorstellen. Sie haben eine Rezeptur und bestimmte Para­meter wie die Temperatur oder die Lage der Brötchen im Ofen. Wenn Sie alles einhalten, wird das Brötchen immer halbwegs braun, nicht zu dunkel und nicht zu hell. Sie wissen aber nicht: Ist das wirklich das optimale Brötchen? Denn das hängt von weiteren Faktoren ab, etwa von der Qualität des Mehls. Mit KI bewegen wir uns nun weg von der reinen Rezeptursteuerung zu einer ­dynamischen Steuerung.“ Dabei werde ein Modell auf alle möglichen Messparameter hin trainiert – und darf diese im Rahmen der Vorgaben selbstständig verändern, also dynamisch steuern. „Keiner der Prozessexperten muss hier mehr eingreifen“, erklärt Reif.
Im Prinzip wird der KI also an einem bestimmten Punkt beigebracht: Vergiss jetzt die starre Rezeptur, übernimm die Steuerung. In verschiedenen Anwendungs- und Testumgebungen bei Sartorius hat genau ­diese dynamische KI-Steuerung von Prozessen bereits zu Produktivitätssteigerungen von 75 Prozent geführt.
Und so verwundert es nicht, dass auch Sartorius KI als Motor für Wachstum, Effizienz und Wettbewerbsvorteile betrachtet. Reif fasst das so zusammen: „Künstliche Intelligenz transformiert die gesamte Biopharmabranche und beschleunigt unser Kern­geschäft.“ ƒ

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