Kein Weg zurück

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

Ich könnte nie wieder nach Göttingen zurückkehren“, sagt Hans-Ulrich Pauer. Dabei hatte der heutige Facharzt für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie Südniedersachsen bis 2004 kaum verlassen.

Denn er ist in Göttingen geboren und aufgewachsen. „Und ich habe es gern gemocht, hier zu leben“, sagt Pauer, der an der Georg- August-Universität sein Medizinstudium absolvierte und hier seinen Berufseinstieg fand. Den Wunsch, in die Welt hinauszugehen, habe er aber schon immer gehabt. Bevor es soweit war, traf er jedoch noch auf den Humangenetiker Wolfgang Engel. „Er ist mein akademischer ‚Ziehvater‘ und hat mich für die Humangenetik und Reproduktionsmedizin begeistert.“

Am Göttinger Institut für Humangenetik erwarb Pauer deshalb die Zusatzbezeichnung für Medizinische Genetik. 2004 verließ er Göttingen in Richtung USA. Hier forschte er zwei Jahre lang an der Harvard Medical School in Boston. 2006 kehrte er zurück, habilitierte bei Günter Emons, dem Leiter der hiesigen Universitätsfrauenklinik, und ließ sich in München nieder. Dort arbeitet er im Kinderwunschzentrum an der Oper. Der Kontakt nach München war über einen Kollegen aus gemeinsamen Nachtdienstzeiten am Uniklinikum Göttingen entstanden.

Die Freunde hatten schon damals beim Espresso während der Nachtschicht festgestellt, dass sie „nicht noch mit 50 in den Kreißsaal laufen wollten“. Als sich 2006 die Chance bot, stieg Pauer in das Kinderwunsch- und Hormonzentrum in München ein. Das Arbeiten als freier Facharzt sei deutlich entspannter als der Schichtbetrieb im Klinikum. Man müsse als niedergelassener Facharzt zwar mehr und effizienter arbeiten, habe dafür aber keine 36-Stunden- und Wochenenddienste mehr – „ein unglaublicher Zugewinn an Lebensqualität“.

Damit zeigt sich ein erster wichtiger faktor, warum Pauer lieber in der Metropole bleibt, als zurückzukehren. Einen ähnlichen Job würde er in Göttingen kaum finden. In München existieren allein fünf Kinderwunschpraxen. „In den großen Zentren ist die gesellschaftliche Entwicklung, erst in höherem Alter Kinder zu bekommen, schon viel weiter fortgeschritten“, erklärt Pauer.

Da es in höherem Alter zunehmend schwieriger wird, Kinder zu bekommen, sind in Großstädten mehr Menschen auf medizinische Unterstützung angewiesen. Pauer hilft dabei, die Kinderwünsche zu erfüllen. Das Kinderwunschzentrum an der Oper bietet dort Hilfe an, wo ein akutes Problem eine Schwangerschaft erschwert. Außerdem können Frauen in jungen Jahren eigene Eizellen einfrieren lassen, um später die gleichen Chancen auf eine Schwangerschaft zu haben wie zur Zeit der Entnahme der Eizellen.

Das nutzen heutzutage immer mehr Frauen, wie Pauer erklärt: „Das biologisch ideale Alter, um Kinder zu bekommen, liegt bei Frauen zwischen 25 und 30 Jahren, und da sind viele noch mit Ausbildung oder Berufseinstieg beschäftigt.“ Die Möglichkeit des Einfrierens gebe der Frau mehr Sicherheit für die Lebensplanung. Für ihn persönlich kann er sich keine schönere Aufgabe vorstellen, als Paaren den Kinderwunsch zu erfüllen: „Es ist jedes Mal ein sehr bewegender Moment, wenn es – oft nach Jahren des Wartens und der Hoffnung – endlich geklappt hat.“

Der Job ist allerdings nicht das Einzige, was Pauer von München überzeugt. Er mag außerdem den hohen Freizeitwert. „Skifahren geht quasi gleich um die Ecke, und es gefällt mir, dass München eine gewachsene Stadt mit echtem und vor allem großen Stadtkern ist“, sagt er. Was er aber am meisten vermissen würde, ist das kulturelle Angebot. „Die unzähligen Kleinbühnen und Clubs sind wirklich wunderbar“, sagt Pauer und räumt dabei ein: „Ok, das Angebot ist nicht zu vergleichen mit Berlin, denn im Vergleich zu Berlin nimmt München eine Stellung ein wie Göttingen zu München.“

Das bedeute nicht, dass das Angebot in Göttingen schlecht sei, wie der 48-Jährige betont. Gern geht er noch heute ins Apex, in dem er sich schon in der Studienzeit sehr wohl fühlte. „Aber aufgrund der Größe kann Göttingen die Abwechslung einfach nicht bieten.“ Das gelte auch in Sachen Restaurants. Hier hat Pauer unter anderem im Preis-Leistungs-Verhältnis Unterschiede ausgemacht. Diese ergäben sich aus seiner Sicht aus der Konkurrenzsituation. „In München muss das Verhältnis von Preis zur Qualität immer stimmen, sonst gehen die Gäste woanders hin, in Gebieten wie Südniedersachsen scheint dieser Zwang manchmal zu fehlen.“

Obwohl München in vielen Bereichen die Nase vorn hat, kann die bayerische Landeshauptstadt laut Pauer in einem Punkt nicht mit Göttingen mithalten: „Cron & Lanz ist für mich die beste Konditorei überhaupt, dahinter kann sich sogar Dallmayr verstecken.“ Deshalb vergeht auch kaum ein Besuch, ohne dass Pauer bei Cron & Lanz einkehrt. Denn obwohl der Mediziner hier nicht mehr leben möchte, besucht er Göttingen gern mehrere Male pro Jahr, um Familie und Freunde zu treffen. „Dann bin ich auch sehr gern hier, denn für mich als Besucher ist die Stadt einfach traumhaft.“ Sie sei äußerst beständig und verändere sich nur recht langsam.

„Für mich als Rückkehrer ist es natürlich wunderbar, immer fast alles wieder so vorzufinden, wie ich es kenne“, sagt Pauer. „Für die Stadt selbst wäre es wohl manchmal besser, sich schneller weiterzuentwickeln.“ Ein gewichtiger Punkt, an dem Göttingen noch Potenzial hat, ist ihm bei der letzten Anreise per Auto aufgefallen. „Egal ob über die Kasseler Landstraße oder die Hannoversche Straße, die Einfahrt nach Göttingen ist nicht besonders ansehnlich.“ Hier könnten sich die Zufahrtsstraßen durchaus ein wenig mehr dem Erscheinungsbild der wunderbaren Innenstadt anpassen. Dann würde Pauer sicher noch lieber in seine Heimatstadt zurückkehren: „Aber nur als Besucher, denn das Leben in der Großstadt gefällt mir einfach zu gut.“

Mehr zum Thema im Artikel ‚Auf Eis gelegt‘.