Katastrophenalarm in Holzminden

© ANTAGON THEATERAKTION
Text von: redaktion

Zu Pfingsten findet das 12. Internationale Straßentheater-Festival in Holzminden statt. faktor blickt hinter die Kulissen.

Noch herrscht Ruhe in den schmalen Gassen und auf dem Marktplatz von Holzminden. Niemand ahnt, dass hier bald eine Atomkatastrophe passieren wird. Der Zeitpunkt lässt sich jedoch genau vorhersagen: Pfingsten 2013.

Sorgen muss sich deshalb aber niemand. Das Inferno findet nur im Stück ‚Gingko‘ der Aktionstheatergruppe Antagon aus Frankfurt am Main statt. Die Compagnie ist eine von fast 20 Gruppen, die beim Internationalen Straßentheater- Festival in Holzminden dabei sein wird.

Die niedersächsische Kreisstadt veranstaltet das dreitägige Treffen zum zwölften Mal im Zwei-Jahres-Rhythmus – wie immer Open Air und kostenlos. Dann wird es eng in den Straßen und auf den Plätzen.

100 Theaterkünstler, Artisten, Musiker und Tänzer werden um die 40 Vorstellungen geben.

Wer als Theatergruppe dabei sein will, muss sich zunächst bei Nicole und Jürgen Ruppert bewerben. Das Ehepaar führt in Isernhagen bei Hannover ein Kulturbüro, begleitet das Festival seit den Anfängen zu Beginn der neunziger Jahre und gilt als Kenner der internationalen Straßentheater- Szene. In diesem Jahr gingen mehr Bewerbungen ein als je zuvor.

„Fast 200 Gruppen aus der ganzen Welt“, erzählt Nicole Ruppert, „hofften auf ein Engagement.“ Sogar aus Südkorea und Afrika meldeten sich Interessenten. Der Grund für Ruppert: „Das Festival ist bekannt für seine Qualität und seine Uraufführungen. Und Holzminden hat sehr schöne Plätze.“

„Die Stadt an der Weser veranstaltete eines der ersten Straßentheater-Festivals in Deutschland und hat international einen Namen“, betont auch Martina Kästner, Projektverantwortliche der Stadt Holzminden.

1991 trafen sich zum ersten Mal Theatergruppen an der Weser. Bis zum Jahr 2000 spielten die Ensembles noch ohne festes Honorar, erinnert sich Kästner. Damals wurde ein Preisgeld ausgelobt, eine Fachjury begutachtete die Aufführungen. Heute wählt allein das Publikum seine Favoriten aus, und jede Gruppe bekommt ein Honorar.

Niemand könne es sich heute mehr leisten, gratis aufzutreten, sagt Kästner. „Wir wollten kein Dumping-Festival.“

Gleichzeitig habe die Stadt Holzminden im Laufe der Jahre weniger Steuern eingenommen. Ohne den Hauptsponsor, die Braunschweigische Landessparkasse, den Landschaftsverband Südniedersachsen und die Holzmindener Firmen sei die Veranstaltung nicht zu finanzieren.

Wie es in den nächsten Jahren weitergehe, sei noch offen. Immerhin gibt es seit zwei Jahren einen Förderverein für das Festival. Dieser soll mit Mitgliedsbeiträgen einen finanziellen Beitrag für das Event leisten.

Vorsitzende Marlies Grebe wünscht sich jedoch noch mehr Zuspruch, die Zahl der Unterstützer liege aktuell bei ca. 45. Für den ländlichen Raum, mit immer weniger Einwohnern und leeren Kassen, sei so ein Ereignis besonders wichtig.

„Es ist bei uns das einzige überregionale Kultur-Festival“, stellt Grebe fest. Mittlerweile gibt es in einigen Orten in Deutschland ähnliche Straßentheater-Treffen wie in Holzminden – z.B. in Detmold oder Görlitz.

Gleichzeitig, berichtet Kästner, sei die Szene auch international in den vergangenen Jahren gewachsen. Vor allem Frankreich fördere seine Compagnien, aber auch Spanien, Italien und die Niederlande brächten gute Gruppen hervor.

Das Programm für 2013

In Holzminden musste eine Auswahlkommission aus Kulturbüro, Stadtverwaltung und Politik im Vorfeld über das Programm für 2013 entscheiden: Vier Compagnien werden die aufwändigen Abendveranstaltungen – zumeist mit Feuerwerkstechnik – abdecken.

Tagsüber sollen 14 Gruppen aus Portugal, Slowenien, Spanien, den Niederlanden, Italien, Frankreich und Deutschland die Straßen und Plätze Holzmindens bespielen. „Das geht von Walk-Acts, also einzelnen Künstlern, die durch die Straßen laufen, bis zur großen Parade“, erklärt die Projektverantwortliche Martina Kästner.

Neu sei das Familienprogramm am Sonntag. Theater für Kinder habe es zwar immer gegeben, dieses Mal sollten die kleinen Besucher aber einen Ort – den Kaufmannsgarten – ganz für sich haben. „Sie sollen mitmachen und mitsingen können“, so Kästner.

Wichtig bei der Auswahl sei gewesen, dass die Gruppen ihre Stücke für den öffentlichen Raum entwickelt hätten. Kästner bemerkt: „Wir möchten keine Aufführungen, die genauso gut auf der Bühne stattfinden könnten.“

Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Gruppen sollen das Publikum einbinden. Darauf freut sie sich besonders: In einem Stück zum Thema alternde Gesellschaft werden Bewohner aus einem Altenpflegeheim entfliehen und Holzminden unsicher machen.

In einem anderen werden rosa ‚Aliens‘ mit den Festival-Besuchern auf Tuchfühlung gehen, Küssen nicht ausgeschlossen. Ernst hingegen wird das bereits erwähnte Stück ‚Gingko‘ der Gruppe Antagon beginnen: Am Anfang steht der Atombomben- Abwurf auf Hiroshima 1945. Die Menschen müssen mit der Katastrophe umgehen, das knappe Wasser aufteilen, sich gegenseitig helfen.

„Dann rennen Monsterbabys auf die Bühne“, verrät der Schauspieler Julian Böhme. Gerade seit der Katastrophe von Fukushima sei ihr Stück sehr aktuell geworden. Böhme faszinieren die großen Fragen dahinter: Wie geht der Mensch mit der Natur um? Wie die Personen miteinander in der Krise?

Hoffnung spende der Gingko-Baum, der auch dem Stück den Namen gab: Sein verkohlter Stumpf soll als erster zu neuem Leben erwacht sein.

Am Abend steht Böhme ein anstrengendes Programm bevor: Vier schnelle Kostümwechsel und kraftraubende Akrobatik an einem 16 Meter hohen Turm. Dabei ist Antagon ähnlich international wie das Festival selbst – die 15 Schauspieler stammen aus acht Nationen, unter anderem aus Russland, Brasilien, Polen und Finnland. Es tritt weltweit auf – von Mexiko bis Taiwan.

Nicht nur das Reisen liebt Böhme, das Straßentheater an sich hat für ihn einen großen Reiz: Auch denjenigen direkt auf der Straße zu erreichen, der eigentlich nur schnell Einkaufen gehen wollte.

„Es ist spontaner, ein bisschen wilder und unmittelbarer, und man erreicht Menschen mit kritischen und poetischen Aussagen.“ Darauf hofft und freut er sich auch in Holzminden im Mai 2013.

Weitere Infos sowie das aktuelle Programm unter www.strassentheater-holzminden.de