Kann man Literatur leben?

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Göttingens weltweit renommierter Literaturprofessor Heinrich Detering über Pläne zum Grass-Archiv, ein glückliches Leben im Elfenbeinturm und darüber, wie er es schafft, seine Träume zu verwirklichen

2006. Ein Mann wandert durch die Straßen. Jeden Tag. In alle Himmelsrichtungen. Er hat hier eine Gastprofessur an der Washington University of St. Louis und unterrichtet morgens – dann hat er frei. Seine gesellschaftlichen und universitären Verpflichtungen blieben in Deutschland. Und so streift er durch die Stadt am Mississippi, bis in die hässlichsten Winkel und entlegensten Ecken: „Vermutlich war ich der einzige Verrückte, der das ganze Stadtgebiet wochenlang zu Fuß durchlaufen hat“, sagt Heinrich Detering, Literaturprofessor an der Universität Göttingen. Dieser fremde Ort, der ihm angenehm war und an dem er ungestört sein konnte, steht für eine Phase, „in der Einfälle zu Texten, auch zu Gedichten, wie von selbst kamen und ich jeden Tag geschrieben habe“, erzählt der 58-Jährige. „Lyrik schreibt man nicht einfach zwischendurch und mal eben nach Feierabend. Gedichte melden sich, wenn man empfangsbereit ist.“ Es sind Auszeiten wie diese, die auch für einen Professor, der sich täglich mit Literatur umgibt, einen besonderen Wert besitzen. Einem Wissenschaftler zudem von internationalem Ruf und mit zahlreichen Auszeichnungen, bedeutenden Ämtern und einer Vielzahl an Publikationen.

Und so schreibt Detering – neben seiner akademischen Laufbahn – bis heute Dichtung und übersetzt Poeten wie Hans Christian Andersen. Nicht nur durch eine Biographie von 2011, sondern vor allem durch die Übersetzung von dessen Märchen und Gedichten zählt er inzwischen zu den meistgefragten Experten zu diesem Thema. Die Arbeit an solchen Texten sei übrigens eine gute Entschädigung, wenn mal keine Zeit ist für Eigenes. „Das Übersetzen von Gedichten ist eine kreative Arbeit nach Vorlage“, sagt er und lacht, „ein bisschen so wie Malen nach Zahlen.“

Eine Thermoskanne mit heißem Wasser steht auf dem Tisch in seinem Büro im Grimm-Haus des Seminars für Deutsche Philologie bereit. Daneben eine kleine Kiste mit Teebeuteln in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Detering trinkt grünen Tee, immer, konzentriert und fokussiert auf das Hier und Jetzt. Das passt zu dem Menschen, der jede Frage ausführlich und gewissenhaft beantwortet. Meist muss er nicht lange überlegen, seine Sätze sind dennoch von sprachlicher Genauigkeit und von Gewicht.

Die Liste seiner Publikationen ist lang, die Liste seiner Fans sicher auch. Denn er ist nicht nur unter den Studierenden beliebt – was die vollen Hörsäle bei seinen Vorlesungen beweisen –, sondern er besitzt darüber hinaus die Gabe, Menschen für Literatur zu begeistern. Von außen betrachtet, scheint es, als habe Detering, der seit 2011 als Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung vorsteht, eine Mission zu erfüllen: Literatur zum Leben erwecken. Auf alle ihm möglichen Bühnen trägt er seine eigene Begeisterung, um andere zu infizieren: ob als Professor an der Uni mit Klassikern der Weltliteratur oder beim Göttinger Literaturherbst mit den Gedichten und ‚Lyrics‘ von Bob Dylan oder aber vor der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Kopenhagen – dann auf Dänisch.

Detering beobachtet in den letzten Jahren eine Veränderung, erzählt er, und speziell bei seinen Studierenden „eine tief greifende, noch nicht zu Ende gekommene Veränderung: Sie betrifft den Verlust der historischen Dimension. Das finde ich beunruhigend“, sagt der Professor. Eigentlich habe er lange nicht so lernwillige und gut vorbereitete Studierende wie derzeit gehabt – eigentlich. Aber auch lange nicht mehr Studierende mit so wenigen Vorkenntnissen, die vor der eigenen Lebenszeit liegen. „Die mediale Überforderung ist allgegenwärtig. Da sind Generationen wie Siegfried Lenz oder Günter Grass eine vollkommen unbekannte Vorgeschichte. Lessing ist schon in solche Zeitentiefen verschwunden, dass es Mühe macht, ihn wieder ins Bewusstsein zu holen.“ Einen kleinen Vorzug jedoch besitze dieser große Verlust, so seine Erfahrung. „Als akademischer Lehrer kann ich erstaunlich leicht durch Neuigkeit Interesse wecken, zum Beispiel ,Nathan der Weise‘ neu zu lesen. Oder Goethe – von dem oft kaum mehr als der Name bekannt ist. Goethe ist ein Phänomen. Goethe geht immer.“

Die Wissenschaften im Allgemeinen, aber besonders die Geisteswissenschaften müssen sich oft dem Vorwurf als Bewohner des Elfenbeinturms stellen. Was wie eine Grobheit daherkommt, kann aus Deterings Sicht auch ganz anders interpretiert werden: „Ich sehe den Elfenbeinturm als einen Schutzraum – ohne unmittelbaren Erfolgs- und Nutzendruck –, um Gedanken zu entwickeln und mit Texten zu experimentieren, von denen man noch nicht genau weiß, ob etwas Interessantes herauskommen wird oder nicht.“

Es ist ein Thema, was auch für ihn, der 2009 mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet wurde – dem mit 2,5 Millionen Euro dotierten, wichtigsten deutschen Forschungsförderpreis –, eine wichtige Frage aufwirft. Nämlich, wie eine tief greifende Auseinandersetzung mit Literatur noch zeitgemäß ist und wie Institute wie das seine vermeiden können, zum Selbstzweck zu werden. „Ich glaube zutiefst, dass wir nur dann für andere wichtig werden können, wenn wir nicht dem nachlaufen, von dem wir denken, dass es für andere Menschen von Interesse sein kann. Wir müssen selbst anbieten, was wir für andere interessant machen können“, so Detering. Anfang der 1990er-Jahre – während seiner Promotionszeit – schrieb er für das Feuilleton der FAZ. „Ich war darauf aus gerichtet, Gegenstände der Literatur vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart an wohlwollen de Leute ohne besondere Fachkenntnis zu vermitteln.“ Seine erste Rezension handelte von dem Briefwechsel des alten Christoph Martin Wieland mit Sophie Brentano. „Also ein ganz historischer, man könnte sagen, ein spröder Gegenstand, der sich bei näherem Hinsehen als eine Art fontanischer Liebesroman erweist. Die Jahre bei der FAZ hatten sicher einen guten Einfluss auf meine akademische Arbeits- und Schreibweise.“ So fand er letzten Endes im direkten Kontakt mit Lesenden auch den Weg aus dem Elfenbeinturm: Besonders gern spreche er bei öffentlichen Ringvorlesungen. „Es ist eine Freude, wenn Leute aus der Stadt kommen, um zu erfahren: Was war im Dreißigjährigen Krieg literarisch los? Wie hängen Charles Dickens und die deutschen Realisten zusammen? Das stärkt das Gefühl, auch am Schreibtisch mit potenziellen Lesern im intellektuellen Kontakt zu stehen. Und es hilft, eigene Gedanken zu klären. Das kann man gar nicht hoch genug schätzen.“

Er ist ein Menschenfischer. Wenn er über Literatur spricht, sind ihm seine bald 60 Jahre nicht anzusehen. Er hat, vielleicht durch die wachen Augen und sein einnehmendes Lächeln, noch immer etwas Jugendliches an sich. Das macht ihn auf den ersten Blick sympathisch. Vielleicht sehen Menschen, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, genau so aus: neugierig auf das, was kommt, und mit wachem Blick für das Hier und Jetzt. Auf die Frage, ob er heute überhaupt noch Freizeit kenne, antwortet er: „Aber dies hier ist ja meine Freizeit. Mein Studium lang hätte ich mir gewünscht, so ungefähr das zu machen, was ich jetzt mache. Und habe nicht geglaubt, dass das einmal Wirklichkeit werden würde.“

Und er meint es ganz sicher so, wie er es sagt. Die Trennung zwischen Beruf und Privat ist bei ihm wie eine grüne Grenze. Besonders deutlich wird dies bei seiner leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit den lyrischen Songs Bob Dylans. Bereits seit seiner Jugend ist er ein Bewunderer des Sänger-Dichters. Inzwischen hat er eine Biografie, drei Bücher der ‚Lyrics‘ und mit ‚Die Stimmen aus der Unterwelt‘ eine Auseinandersetzung mit dem Werk Dylans veröffentlicht. Als Bob Dylan für den Literaturnobelpreis nominiert wurde, war Detering einer der Ersten, die in Deutschland um eine Stellungnahme dazu gebeten wurden. Als renommierter Literaturwissenschaftler, der sich öffentlich zu seiner Leidenschaft für die Popkultur bekennt und zum Beispiel durch ,Stimmen aus der Unterwelt‘ an Dylan- Texten aufzeigt, dass Literaturwissenschaft durchaus eine zeitgenössische Relevanz besitzt.

Es liegt auf der Hand: Schon während seiner Schulzeit war Detering ein leidenschaftlicher Leser. Doch was liest ein renommierter Literaturprofessor heute eigentlich privat? „Zur Zeit zum Beispiel Sachen wie die Känguru Chroniken. Sie sind ein lustiges Beispiel dafür, welche Wege Literatur heute gehen kann.“ Immerhin hat es der Autor der Chroniken, Marc-Uwe Kling, mit seinen Texten von einem Podcast im Radio über insgesamt drei Buchveröffentlichungen bis hin zu Theateraufführungen geschafft. ,The times they are a-changin.‘ Während seiner Studienzeit, so erinnert sich Detering, sei die mediale Ablenkung noch nicht so groß gewesen wie heute, und so habe man mehr Zeit zum Lesen gehabt, sich gegenseitig auch Texte vorgelesen, die einen beschäftigt haben. Eine Garantie für eine Hochschulkarriere war das natürlich nicht. Im Gegenteil, es sah auch zu Deterings Promotionszeit mit akademischen Aussichten eher bescheiden aus. Die Konkurrenz war groß. So schien ihm, während er an seiner Habilitation arbeitete, über lange Zeit die Zukunft sehr ungewiss. Selbst, dass er bei Albrecht Schöne studierte – einem Großmeister der deutschen Literaturwissenschaft – und bei ihm eine Assistentenstelle bekam, war noch keineswegs eine Garantie für eine künftige Professur. „Es war einfach auch viel Glück dabei“, sagt er heute. Aber damals konnte er nicht ahnen, welche entscheidende Rolle es spielen würde, dass er, während er an seiner Dissertation schrieb, noch ein neues Studienfach – Skandinavistik – begann. Das war ein bisschen seiner Liebhaberei für nordische Autoren geschuldet – am Ende trug es aber dazu bei, dass er seine erste Professur mit 34 Jahren in Kiel erhielt. Die Nähe der Stadt zu Dänemark und ein junger Germanist, der nicht nur Hans Christian Andersen verehrte: Wer hätte besser auf die ausgeschriebene Professur passen können? 2005 kehrte Detering von Kiel nach Göttingen zurück, und hat hier bis heute einen Lehrstuhl für Neuere deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft inne.

Im Vergleich zu den akademischen Metropolen wie München oder Berlin ist Göttingen recht beschaulich, auch mit Blick auf die Menge an kulturellen Angeboten. Doch kann gerade die Begrenzung an Möglichkeiten dazu führen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Göttingen bietet mir heute eine solche akademische Freiheit, wie ich sie mir nicht schöner vorstellen kann“, sagt Detering, gießt konzentriert heißes Teewasser nach und schaut dann nachdenklich aus dem Fenster. „Das Ganze hat sicher auch mit der Kleinstadt zu tun. Hier herrscht so etwas wie eine akademische Wohngemeinschaft. Wenn ich jemanden aus einem benachbarten Fach etwas fragen will, gehe ich zehn Minuten und spreche mit ihm – und fahre nicht zwei Stunden mit der S-Bahn.“

Auch mit Günter Grass saß er viele Stunden zusammen – „beim Tee und von Pfeifenrauch umhüllt“. So schreibt der Professor es in seinem neuesten Buch, das erst im Juni dieses Jahres im Steidl Verlag erschienen ist: ‚In letzter Zeit: Ein Gespräch im Herbst‘ – zwischen Günter Grass und Heinrich Detering. Er kannte den Literaturnobelpreisträger seit den neunziger Jahren persönlich und sprach mit ihm, auch über seine Arbeit als Illustrator seiner Bücher.

Und damit ist das Thema Grass noch längst nicht abgeschlossen: Zwischen Gerhard Steidl, der Universität und Detering gibt es Gespräche über mögliche Auswertungen der archivalischen Schätze. „Dabei spielt eine große Rolle, dass der Grafiker Grass ja zuallererst als Buchgestalter gewirkt hat – wem fällt beim Titel ‚Die Blechtrommel‘ nicht gleich sein berühmter Buchumschlag ein?“, erzählt Detering in Bezug auf eine mögliche Ausstellung im geplanten Grass-Haus in der Göttinger Innenstadt. „Vom ersten Gedichtband über die Radierungen zum ‚Butt‘ und zu den ‚Hundejahren‘ hat Grass seine Bücher eben nicht nur geschrieben, sondern – im starken Sinne des Wortes – auch ‚gemacht‘, gestaltet.“

Über vieles kann man mit Detering reden. Über Thomas Mann ebenso wie darüber, warum man beim Thema Kreativität nicht an Friedrich Schiller vorbeikommt. „Kreativität ist der Versuch, mit Mitteln des Spiels eine existenzielle Frage zu beantworten“, sagt Detering und zitiert Schiller: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Damit hat Literatur von selbst einen Bezug zum eigenen Leben. „Das ist das, was ich gern meinen Studierenden vermitteln möchte: Es geht nicht nur darum, Daten zu lernen. Diese Texte haben tatsächlich alle etwas damit zu tun, wie wir unser Leben führen, wie wir die Welt erleben“, sagt Detering.

Literatur kann wegweisend sein. Für Menschen, die mit ihr leben wollen, sogar wegbegleitend. Und so kann es passieren, dass ein Jugendtraum sich Jahrzehnte später kurz vor seiner Erfüllung befindet: „Ich weiß noch, wie ich 1982 vor dem Auditorium stand, unterwegs zu einer Vorlesung, und mir der Gedanke kam, wie schön es wäre, wenn man irgendwann einmal eine Gesamtausgabe von Irmgard Keun machen könnte“, so Detering zu einer heute fast vergessenen Autorin (1905–1982). Die dreibändige Gesamtausgabe, die er zusammen mit einer ehemaligen Doktorandin herausgibt, ist soeben erschienen. „Wenn die Ausgabe jetzt fertig ist, könnte ich mich noch einmal an die Ampel vor dem Auditorium stellen und ein paar Rotphasen abwarten und das Gefühl auskosten, dass dieser Traum unwahrscheinlicherweise in Erfüllung gegangen ist.“ Wieder einer.

Literatur, so fühlt es sich am Ende an, ist etwas, was auf wundersame Weise Menschen berühren kann – und das ein Leben lang. Literatur zu leben, heißt im Grunde also nichts anderes, als sich auf das einzulassen, was zwischen zwei Buchdeckeln auf uns wartet. „Wir können lesend die Welt aus den Augen von Personen sehen, die wir selber nicht sind. In den Standpunkt eines anderen eintreten, ohne den eigenen Standpunkt aufzugeben“, sagt Detering. Aber eigentlich sagt er es nicht einfach nur mit Worten, er sagt es mit seinen Augen, seinen Gesten, seiner Stimme. Und es sagt nicht nur der Professor, es spricht ebenso der Student von damals, der schon immer Literatur liebte und bis heute lebt.

Zur Person
Heinrich Detering, geboren 1959, ist seit 2005 Professor für Neuere deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft am Seminar für Deutsche Philologie der Uni Göttingen und seit 2011 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er gilt als einer der einflussreichsten Literaturwissenschaftler Deutschlands und veröffentlichte eine Vielzahl an Studien und Gedichtbänden: 2012 erschien ‚Old Glory‘, 2014 ‚Drei Erscheinungen‘ und 2015 ‚Wundertiere‘. Sein Werk wurde bereits mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wie beispielsweise dem Leibniz-Preis und dem Andersen-Preis. Detering ist verheiratet und hat drei Kinder.

Göttinger Literaturherbst
Beim diesjährigen Göttinger Literaturherbst – vom 13. bis 22. Oktober – ist Detering sogar gleich doppelt vertreten: Am 16. Oktober widmet er sich einen Abend lang den Gedichten und ‚Lyrics‘ von Bob Dylan, und am 17. Oktober steht die 27-bändige Gesamtausgabe von Heinrich Bölls Schaffen im Zentrum des Gesprächs mit Ralf Schnell. Weitere Infos zum Literaturherbst gibt es unter: www.literaturherbst.com