Kanal statt Pumpen und Teich

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Text von: redaktion

Rund 12 Millionen Euro kostet die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) ein für die Region spektakuläres Bauprojekt. Es ist eine Investition in die Zukunft: Ein 1,2 Kilometer langer, unterirdischer Kanal soll künftig das Regen- und Grundwasser vom Gelände des Universitätsklinikums Göttingen ableiten. Mit dem neuen Regenwasser-Kanal sichert die UMG langfristig eine störungsfreie Entwässerung ihres Areals.

Der Kanalbau ist eine der zentralen Voraussetzungen für den geplanten Neubau des Universitätsklinikums in den Baustufen 1A (Neubau Bettenhaus eins) und 1B (Neubau eines OP-Traktes mit Intensivstationen). Am Donnerstag, 15. Mai 2014, beginnen die Vorbereitungen für die Hauptbaustelle am Versorgungsgebäude des Uniklinikums. Die Arbeiten rund um den Kanal einschließlich Rückbau dauern bis in den Herbst 2015. Im Sommer nächsten Jahres soll der neue Regenwasser-Kanal in Betrieb gehen.

Wie wichtig eine funktionierende Oberflächenwasserentsorgung für die UMG ist, hat im Sommer 2013 ein Störfall gezeigt: Defekte Pumpen hatten zu einer kritischen Situation geführt: Durch einen technischen ‚Infarkt‘ hätten sie beinahe die Stromversorgung im Bettenhaus eins mit seinen Intensivstationen lahm gelegt. Der neue Kanal ersetzt die veralteten Pumpenanlagen aus den 70er Jahren und löst das bisherige Regenrückhaltebecken vor dem Bettenhaus eins ab.

„Wir haben alle möglichen Alternativen geprüft. Ein unterirdischer Kanal mit einem natürlichen Gefälle von mindestens zwei Metern auf 1.000 Meter Länge ist eine ideale Lösung. So kann das Wasser aus eigener Kraft fließen. Wir brauchen dann keine Pumpen mehr“, sagt Detlef Benezé, Leiter des Bauprojekts Regenwasserkanal im Baumanagement der UMG. Möglich wurde die Kanal-Lösung für die UMG nach Gesprächen mit dem Bauherrn der neuen Straße am Güterverkehrszentrum (GVZ), der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen mbH (GWG), und den Göttinger Entsorgungsbetrieben (GEB). Der Regenwasser-Kanal der UMG konnte dadurch so geplant werden, dass er in den ebenfalls neu gebauten Entwässerungskanal des GVZ mündet. Bei den Planungen wurden die Qualitäts- und Standardvorgaben der Göttinger Entsorgungsbetriebe berücksichtigt. Der Kanal wird nach der Fertigstellung den Göttinger Entsorgungsbetrieben übergeben. Die GEB werden den Kanal künftig betreuen und warten.

DIE KANAL-TRASSE

Umfangreiche Vorarbeiten waren nötig, um einen optimalen Verlauf für die Kanal-Trasse festzulegen: Geologische Untersuchungen für die nötigen Informationen über die Gesteinsschichten, die durchtunnelt werden sollen. Auch musste ein möglichst gerader Weg durch die Schichten bis zum Zielpunkt gefunden werden. Die Bohrungen finden in Tiefen zwischen zehn und 13 Metern statt. „Das ist eine Tiefe, bei der wir sicher sein können, auf keine unentdeckte Weltkriegsbombe oder einen Blindgänger zu stoßen. Die Bohrtrasse liegt mehrere Meter unterhalb der maximalen Einsinktiefe solcher Bomben von etwa fünf Metern bei den in Göttingen vorkommenden Bodenverhältnissen“, sagt Projektleiter Benezé. Kampfmittelsondierungen haben ergeben: die gewählte Trasse ist frei von Bomben.

Die geplante Trasse des UMG-Regenwasser-Kanals sieht so aus: Sie führt vom Gelände des Universitätsklinikums weitgehend unter öffentlichem Grund in Richtung ‚Grüner Weg‘ und von dort unter dem Gelände der Firma Novelis hindurch bis zum Anschlusskanal in der neuen Straße des GVZ. „Mit unserer Wunschtrasse wäre Schluss gewesen, wenn sich Novelis nicht so kooperativ gezeigt hätte. Ohne das Entgegenkommen von Novelis wäre das Projekt für uns so nicht zu machen gewesen. Für diese Unterstützung sind wir Novelis sehr dankbar“, sagt Sebastian Freytag, Vorstand Wirtschaftsführung und Administration der UMG.

DER REGENWASSERKANAL

Der Kanal verbindet über eine Strecke von 1.210 Metern das Pumpwerk vor dem Bettenhaus eins am Universitätsklinikum mit einem Anschluss des Entwässerungskanals des neuen GVZ. Von dort aus wird das Regenwasser in die Lutter geleitet. „Die Aufnahmekapazitäten des Kanals sind auf die Zukunft hin ausgelegt. Bei der Planung haben wir berücksichtigt, dass die versiegelte Fläche durch die geplanten Neubauten auf dem Gelände des Universitätsklinikums größer sein wird als bisher. Auch sind extreme Wetterlagen mit plötzlich sehr großen Regenmengen bereits in die Berechnungen eingegangen“, sagt Manfred Fiedler, Leiter Kanalplanung und Sanierung der Göttinger Entsorgungsbetriebe (GEB). Der Kanal besteht aus drei Kanalabschnitten mit unterschiedlichen Durchmessern (1,4 Meter, 1,6 Meter und 2,0 Meter). Dabei dient der längste Abschnitt (zwischen Klinikum und Grüner Weg) mit einer Länge von 650 Metern und einem Innendurchmesser von zwei Metern künftig als Rückstauraum und ersetzt das heutige Rückhaltebecken. Hier kann Wasser zurückgehalten werden, das nicht sofort in die Lutter abgelassen werden darf. Ein Drosselbauwerk im Bereich ‚Grüner Weg‘ reguliert die Wassermengen.

DAS BOHRVERFAHREN

‚Gebohrt‘ wird mit einer 70 Tonnen schweren Micro-Tunnel-Maschine rund um die Uhr, außer an Sonn- und Feiertagen. Da die Bohrung über zehn Meter tief unter der Erde verläuft, bekommen Anwohner keine Lärmbelästigung mit. Dabei presst sich die Tunnelmaschine vorwärts. Pro Stunde kommt die Maschine etwa 50 Zentimeter voran und schafft so einen Vortrieb von rund 13 Metern pro Tag. Um ein Tunnelelement einzusetzen, wird ein Vortrieb von zwei bis drei Metern benötigt. Insgesamt müssen für die gesamte Kanalstrecke etwa 400 Tunnelelemente gesetzt und miteinander verkoppelt werden. Ein Tunnelsegment wiegt bis zu 15 Tonnen. Ein jeweils speziell auf das vorliegende Gestein eingestellter Bohrkopf zerkleinert das Material. Mit Hilfe eines natürlichen, aus Tonmineralien bestehenden Schmiermittels (Bentonit) wird der Abraum verflüssigt und über Leitungen abtransportiert.

VERONIKA, PETRA UND JOHANNA ALS NAMENSPATINNEN

Tunnelbauer pflegen ihre Tradition. In Erinnerung an die Schutzpatronin der Bergleute, die Heilige Barbara, suchen die Ingenieure für ihre Bohrköpfe traditionell weibliche Paten. Das gilt auch für die drei Bohrköpfe, die beim Bau des UMG-Kanals zum Einsatz kommen. Als Namenspatinnen haben sich bereit erklärt: Veronika Frels, Vorsitzende des Göttinger ‚Förderverein für das Palliativzentrum der Universitätsmedizin Göttingen‘, Petra Burghardt-Tonkowski, Ehefrau des Novelis-Geschäftsführers Eric Tonkowski, und Johanna Barton, Göttinger Gänseliesel 2013/2014. Die drei Bohrköpfe für den UMG-Kanalbau tragen also die Namen Veronika, Petra und Johanna.

BAUSTELLEN

Entlang der Kanal-Trasse entstehen vier Baustellen mit den nötigen Start- und Zielgruben für die Tunnelarbeiten an den Standorten Klinikum, GVZ und Grüner Weg.

Universitätsklinikum: Auf dem Gelände des Uniklinikums werden ab Mitte Mai 2014 zwei Baustellen eingerichtet: Auf der zentralen Großbaustelle westlich des Versorgungsgebäudes entsteht eine große Doppel-Startgrube. Von hier aus startet Ende August 2014 die erste Tunnelbohrung in Richtung Pumpwerk nahe des Bettenhauses eins. Eine zweite Bohrung in Richtung ‚Grüner Weg‘ ist von hier aus für Anfang 2015 geplant. Eine weitere Baustelle mit der Zielgrube für die erste Bohrung wird am Bettenhaus eins in der Höhe des Pumpwerks eingerichtet.

Für die Start- und die Zielgrube am Klinikum müssen jeweils 13 Meter tiefe Baugruben ausgehoben und befestigt werden. Dies geschieht mit Hilfe eines etwa 22 Meter hohen und zirka 100 Tonnen schweren Bohrpfahlgeräts. Gearbeitet wird auf der Großbaustelle täglich rund um die Uhr. Eine etwa zehn Meter hohe und 68 Meter lange Wand aus Überseecontainern dient als Lärmschutz. Die Arbeiten auf der Baustelle vor dem Bettenhaus eins werden im Tagbetrieb zwischen 07:00 und 20:00 Uhr stattfinden. Damit wird die Nachtruhe der Patienten nicht gestört.

Bushaltestelle ‚Klinikum‘ verlegt: Für die Großbaustelle auf dem Klinikumsgelände wird ab Ende Mai 2014 die Busspur auf dem Gelände des Klinikums vorübergehend (bis etwa September 2015) verlegt. Die Bushaltestelle für die Buslinien acht und zwölf in Richtung Bahnhof bekommt einen neuen Standort. Die Bushaltestelle für die Linien in Richtung Weende / Papenberg bleibt, wo sie ist.

GVZ: Auf dem Gelände des Güterverkehrszentrums haben die Arbeiten für das Erstellen einer Startgrube bereits begonnen. Von hier aus erfolgt von September 2014 bis Jahresbeginn 2015 der zweite Bohrvorgang in Richtung ‚Grüner Weg‘.

Grüner Weg: Im Bereich ‚Grüner Weg‘ entsteht eine Doppel-Zielgrube. Hier treffen die Tunnelabschnitte aus Richtung GVZ und aus Richtung Klinikum aufeinander. Der Grüne Weg ist während der Bauarbeiten bis Anfang Oktober 2015 für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Die Anwohner wurden bereits schriftlich und in einer Bürgerversammlung