Kampfansage an die Branche

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Eine Revolution im Versicherungswesen möchte die Göttinger myLife Lebensversicherungs AG anstoßen. Netto-Tarife sollen den Verbrauchern höhere Auszahlungssummen sichern.

Seriosität strahlt sie aus, die alte Villa im Göttinger Ostviertel, in der die myLife Lebensversicherung ihren Sitz hat. Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit möchte der Vorstandsvorsitzende Michael Dreibrodt aber vor allem mit seinen Angeboten vermitteln. Dafür ist es ihm auch nicht zu riskant, die alten Vergütungsmodelle in Frage zu stellen und dem seit Jahrzehnten praktizierten Provisionsmodell den Kampf anzusagen. Für ihn auch ein Schritt, das in der Finanzbranche durch viele Krisen und Skandale geschrumpfte Kundenvertrauen zurückzugewinnen.

faktor: Herr Dreibrodt, die Versicherungsbranche kämpft gegen ihren schlechten Ruf, worauf ist dieser begründet, und welches Konzept setzen Sie dagegen?

Dreibrodt: Es muss ein Umdenken stattfinden, weg vom reinen Verkauf von Versicherungen hin zur fairen Partnerschaft zwischen Versicherern, Beratern und Kunden. Das Negativimage begründet sich auf Skandalen sowie auf der von den Verbrauchern erlebten Intransparenz der Produkte. Hier gilt es, das Vertrauen zurückzugewinnen. Wir tun dies mit verständlichen, provisionsfreien Produkten, der Aufführung aller Kosten und setzen auf eine objektive, faire und kundenorientierte Beratung in Form der Honorarberatung.

Wie positionieren Sie sich in diesem schwierigen Marktumfeld?

Wir sind wohl der Anbieter in Deutschland, der seinen Kunden die breiteste Palette an Netto-Tarifen, das heißt, Tarife ohne einkalkulierte Provisionen und vertriebliche Abschlusskosten, anbietet. Diese Nische werden wir auch in Zukunft zum Wohle unserer Kunden besetzen.

Die Idee des ‚Netto-Vorteils‘ zeigt große finanzielle Vorteile für den Versicherten. Bedeutet das gleichzeitig, dass der Vermittler auf seine Provision verzichtet?

Nein, die Vermittlung von Netto- Produkten erfolgt über Honorarberater. Hierbei vereinbaren Berater und Kunde das Honorar flexibel. Dies sichert, dass der Berater nur den Interessen des Kunden verpflichtet ist und keinen Provisionsinteressen unterliegt. Erfahrungsgemäß liegt der Stundensatz für Honorarberater etwa bei 150 Euro pro Stunde. Für eine umfassende Altersvorsorgeberatung sollte man etwa zehn Stunden einplanen.

Sie fordern vor allem Transparenz – wie gewährleisten Sie diese für Ihre Produkte?

Wir haben bereits im vorigen Jahr für alle unsere Rententarife die Gesamtkostenquote eingeführt. Der Kunde kann so ganz leicht ermitteln, was ihn die Versicherung kostet. Zudem haben wir ein Projekt gestartet, um unsere Versicherungsbedingungen noch verständlicher zu gestalten.

Welches sind für Sie die wesentlichen Aspekte der Kundenbetreuung?

Entscheidend ist die Servicequalität. Dazu gehört die Erreichbarkeit bei Fragen, die schnelle Bearbeitung der Anliegen und der persönliche Kontakt. myLife verzichtet auf die Anonymität von Call-Centern.

Wie finde ich als Verbraucher den zu mir passenden Versicherer?

Hier ist zunächst jeder Verbraucher selbst gefordert, sich entsprechend zu informieren und auch die Leistungen und Preise verschiedener Anbieter zu vergleichen. Durch das Internet ist dies relativ einfach möglich. Auch wenn die Vergleichsportale oft nicht so unabhängig sind, wie sie vorgeben. Außerdem gilt es, den Berater zu löchern. Devise: Immer weiter fragen!

Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich zu versichern – gibt es ein ‚zu spät‘?

Was die Altersvorsorge betrifft, gilt: je früher, desto besser. Denn bei langer Laufzeit kann man auch mit kleinen Beiträgen viel erreichen. So früh wie möglich sollte man auch eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen. Denn in jungen Jahren ist man noch bei guter Gesundheit.

Steht die Versicherungsbranche – vor allem innerhalb der EU – in internationaler Konkurrenz, oder zeichnet sich eine solche Entwicklung ab?

Die großen europa- und weltweit tätigen Versicherungen befinden sich schon seit eh und je im Wettbewerb. Innerhalb der EU zeichnet sich jedoch ab, dass die deutsche Versicherungsbranche mit ihrem starren Festhalten am Provisionsmodell noch einen eigenen Weg einschlägt. Die EUKommission möchte die Honorarberatung stärken, und in anderen EU-Ländern, wie Großbritannien oder in Skandinavien gibt es für komplexe Produkte auch keine Provisionsberatung mehr.

Wie sehen Sie Ihre Zukunftsaussichten vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der drohenden Altersarmut?

Die Auswirkungen dieser Entwicklung werden oft noch unterschätzt. Die meisten sorgen viel zu wenig für ihr Alter vor. Dabei werden die staatlichen Leistungen in Zukunft weiter sinken. Die Verunsicherung zeigt die Postbank-Studie: Es verlieren immer mehr Bürger die Lust am Sparen. Wenn wir diese Entwicklung nicht stoppen, wird die Altersarmut für viele Menschen ein ernstes Problem. Die Notwendigkeit von Vorsorgeprodukten wie Rentenversicherungen, die helfen, im Alter seinen Lebensstandard zu halten, wird also zunehmen. Mit Netto-Produkten, die in der Regel eine höhere Ablaufleistung erreichen, sehen wir uns gut gerüstet.

Sind Geldanlagen sicher vor weiteren Euro-oder Weltwirtschaftskrisen?

Dies lässt sich pauschal nicht beantworten. Anleger sollten auf eine breite Streuung ihrer Investments achten und Anlagen mit Garantien bevorzugen. Unser Produkt my- Life Aktiv beispielsweise bietet die Möglichkeit, in Fonds zu investieren und bei Bedarf mit dem Kapital in eine garantierte Verzinsung zu wechseln. Hier kann der Kunde optimal auf Veränderungen an den Kapitalmärkten reagieren.

Welche Herausforderungen stehen Ihrer Branche in den nächsten Jahrzehnten bevor?

Die größte Herausforderung ist sicher der demografische Wandel, der unser Rentensystem vor kaum zu bewältigende Probleme stellen wird. Aber auch das Niedrigzinsumfeld wird für unsere Branche ein Thema sein. Zudem müssen wir ständig auf die fortschreitende Deregulierung und die Globalisierung der Kapitalmärkte reagieren. Wir sehen uns da aber mit unseren fortschrittlich ausgerichteten Produkten bestens aufgestellt.

Herr Dreibrodt, vielen Dank für das Gespräch.