Kaffee, Klüngel, Kapital

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Text von: Christian Vogelbein

Ein nicht ganz geheimer Bund von Netzwerkern aus der Region hilft sich seit einiger Zeit, um voneinander zu profitieren.

Die Sonne zeichnet am Horizont einen schwachen Streifen von dem, was einmal ein Tag werden will. Der Regen zieht Fäden durch das Scheinwerferlicht, für Januar ist es an diesem Donnerstag überraschend mild. Im Haus von Stefan Ebbecke brennt schon Licht. Es sind jene Stunden, in denen der Volksmund voller Gold ist. Der Handwerker kennt diese Binse, der Unternehmer kennt sie auch. Ebbecke ist beides: Tischlermeister. Die Frühe des Morgens will er nutzen, um zu netzwerken. Gemeinsam mit anderen Unternehmern aus Göttingen bei einem Frühstück: Hier geht es nicht um Brötchen, hier geht es um den wirtschaftlichen Erfolg aller – und damit im besten Fall um richtig viel Geld.

Stefan Ebbecke ist auch um kurz nach sechs Uhr schon auf Zack. Das moderne Haus, in dem er zusammen mit Frau und Kind wohnt, ist Heimat und greifbares Marketing zugleich. Die Küche: glattes Design, hoch technisiert und mit raffinierten Details. Ebbecke liebt seine Arbeit, liebt die Struktur und Disziplin – und das kann jeder Besucher in kürzester Zeit spüren. Seine Art ist bisweilen ansteckend, und das will er sich als einer der ersten im neuen Göttinger Netzwerk zunutze machen. Der erhoffte Lohn: ein zusätzliches Auftragsvolumen mit fünfstelligem Umsatz. In einer Stunde ist der Tischlermeister einer von 20 Initiatoren, so nennen sich die Unternehmer, die in der Stadt gemeinsam eine neue Untergruppe des BNI aufbauen – des Business Network International. Ziel soll es sein, dass sich Menschen branchenübergreifend vernetzen und gegenseitig bei ihren Kunden und anderen Firmen weiterempfehlen – in etwa wie eine kapitalistische Bruderschaft, streng durchgeplant, strukturiert und abhängig von absoluter Disziplin. Oder gar wie eine Sekte? Der Initiator muss lachen. „Das denkt der eine oder andere bestimmt. Aber es gibt keine okkulten Rituale oder so etwas.“ Stefan Ebbecke warnt vor der Abreise:

„Wir gehen sehr persönlich miteinander um. Das ist wichtig für das gegenseitige Vertrauen. In der heutigen Gesellschaft wirkt das auf manche befremdlich.“

Das wöchentliche Frühstück lassen sie sich rund 1.000 Euro im Jahr kosten. 870 Euro für die Mitgliedschaft, 150 Euro im ersten Jahr als Aufnahmegebühr. Das Frühstück kostet – zumindest für die Göttinger Gruppe im Hotel Rennschuh – neun Euro. Was klingt wie ein nettes Beisammensein, ist in Wirklichkeit jedoch harte Arbeit. Es gibt Wurst, Käse und frische Brötchen auf dem Teller. Eigentliches Ziel ist aber der Blick über den Tellerrand hinaus: neue Entscheider, neue Branchen kennenlernen und ihre Bedürfnisse für den eigenen Vorteil nutzen.

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