©Luka-Gorjup
Text von: Lea van der Pütten

Karge Räume mit schweren Eisentüren, muskelbepackte Wärter und Prügeleien im Aufenthaltsraum – diese Bilder haben wohl viele im Kopf, wenn sie an ein Gefängnis denken. Doch die Realität sieht anders aus. Die Auszubildende zur Justizvollzugsfachwirtin Lina Al Kayed* räumt mit den Vorurteilen rund um ihren Beruf auf und erzählt, wie der Alltag im Gefängnis wirklich aussieht.

Als Lina Al Kayed* in der 10. Klasse einen Vortrag von einem Anstaltspastor über die Justizvollzugsanstalt (JVA) Rosdorf hörte, wusste die damals 16-Jährige sofort: „Genau dieser Ort könnte etwas für mich sein.“ Natürlich auf absolut freiwilliger Basis. Nach ihrem Fachabitur mit Schwerpunkt Sozialpädagogik an einer Berufsschule bewarb sich Lina dann schließlich vor zwei Jahren auf eine Stelle als Tarifangestellte in der JVA. Nach dem erfolgreichen Bestehen des Deutsch- und Sporttests sowie des Vorstellungsgesprächs nahm die junge Frau ihre Arbeit auf. „Ich weiß noch, dass alles sehr aufregend war“, erzählt Lina. „Ich hatte aus Filmen und Dokumentationen doch wirklich Extremvorstellungen von der Arbeit im Gefängnis – aber es war alles ganz anders als erwartet. Wir pflegen hier einen sehr freundlichen und professionellen Umgang mit den Gefangenen.“ Nach zwei Jahren als Angestellte ergab sich für Lina dann innerhalb der JVA die Möglichkeit, eine zweijährige Ausbildung zur Justizvollzugsfachwirtin zu durchlaufen, und somit die Chance, die Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Dazu musste sie jedoch zunächst noch den fehlenden Teil des Eignungsauswahlverfahrens bestehen, der sich aus Rechtschreibungs-, Grammatik- und Psychologiefragen zusammensetzt – und dann startete die Abiturientin quasi noch einmal von Anfang an.

Heute befindet sich Lina im ersten Monat ihrer Ausbildung. „Das ist schon sehr ungewohnt“, erzählt die leidenschaftliche Boxerin. „Vorher habe ich bereits alleine eine ganze Station betreut. Jetzt als Auszubildende bin ich immer die zweite Frau – trage zum Beispiel kein Pfefferspray mehr und arbeite generell weniger eigenständig.“ Auf einer Station in der JVA Rosdorf leben rund 21 Gefangene. Aber Lina lernt in ihrer Ausbildung nicht nur den Stationsdienst noch einmal von Grund auf kennen, sondern durchläuft alle Abteilungen der JVA, wie etwa den medizinischen Dienst, den Besuchsdienst, den Verwaltungsdienst oder auch die Kammer, wo die persönlichen Sachen sowie die Gefängnisausstattung der Gefangenen aufbewahrt werden. „Generell sind wir als Justizvollzugsfachwirte für die Beaufsichtigung, Kontrolle, Freizeitgestaltung und Versorgung der Gefangenen zuständig“, erzählt Lina und fasst damit ihre Aufgaben zusammen.

Am Bildungsinstitut lernt Lina parallel zum praktischen Teil die gesetzlichen Grundlagen kennen und erhält Einführungen in die Bereiche Vollzugs- und Strafrecht, Psychologie, Pädagogik und Sport. Aber auch allgemeinere Fächer wie Politik oder Deutsch stehen auf dem Stundenplan. Diese theoretischen Grundlagen kann Lina dann in den verschiedenen Haftbereichen Untersuchungshaft, Strafhaft, Sozialtherapie oder auch Sicherheitsverwahrung umsetzen. Zu ihren konkreten Aufgaben gehören der Aufschluss einschließlich einer Vollzähligkeitskontrolle, die Begleitung der Gefangenen zu ihren Arbeitsstellen sowie deren Beaufsichtigung, aber auch die akustische und optische Überwachung bei Telefonaten oder Besuchen von Angehörigen. Auch die Post- oder Antragsbearbeitung, die Beratung der Gefangenen oder die Sauberkeit auf den Stationen gehören zum Tätigkeitsbereich eines Justizvollzugsfachwirtes.

„Man muss den Beruf schon lieben und leben. Der Risikofaktor ist mir immer bewusst – aber wer Angst hat, ist hier fehl am Platz“, sagt die junge Auszubildende und bringt damit die Herausforderungen auf den Punkt. „Doch man lernt von Tag zu Tag. In den zwei Jahren, in denen ich jetzt schon in der JVA arbeite, bin ich definitiv über mich hinausgewachsen, bin in Stress- oder Provokationssituationen handlungs- und entscheidungsfreudiger geworden.“ Und die Arbeit im Gefängnis bringe auch schöne Momente mit sich, wenn zum Beispiel die Gefangenen aus aller Welt auf einen zukommen und ihre Geschichten erzählen. „Das zeigt schon ein besonderes Vertrauen mir gegenüber, und das ist schön“, sagt Lina. „Prinzipiell muss man sich immer den Unterschied zwischen Täter und einer Straftat vor Augen führen. Es sind nicht alles schlechte Menschen, man sollte die Geschichten dahinter kennen und sich keine Vorurteile erlauben.“

*Aus datenschutzrechtlichen Gründen haben wir den Namen verändert.

Wie läuft die Ausbildung an der JVA ab?

Die zweijährige Ausbildung setzt sich aus mehreren Abschnitten zusammen: einem Einführungsmonat in der Einstellungsanstalt, dem anschließenden, dreieinhalb Monate dauernden Grundlehrgang am Bildungsinstitut des niedersächsischen Justizvollzuges in Wolfenbüttel, weiteren 14 Monaten in der berufspraktischen Ausbildung in der JVA und schließlich dem dreieinhalbmonatigen Fachlehrgang am Bildungsinstitut mit der Abschlussprüfung. Es folgt für gewöhnlich die Übernahme in das Probebeamtenverhältnis und schließlich die Beamtenstellung auf Lebenszeit.

Was sollte man als potenzieller Auszubildender mitbringen?

•Durchsetzungskraft
•Belastbarkeit
•Einsatzbereitschaft
•mündliche und schriftliche Ausdrucksstärke

Was ist für eine Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten Voraussetzung?

•die deutsche oder eine EU-Staatsbürgerschaft
•Alter zwischen 20 und 40 Jahren (in Ausnahmen älter)
•ein bestandenes Eignungsauswahlverfahren
• einen Real- oder Hauptschulabschluss mit einer förderlichen Berufsausbildung

Ausbildungsgehalt
1. Lehrjahr: 1.600 Euro
2. Lehrjahr: 1.600 Euro
Einstiegsgehalt: 2.412,70 Euro (brutto)