©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Als Steffen Baumbachs kleine Nichte vor einigen Jahren an Krebs verstarb, startete der Triathlet seine Initiative für das Elternhaus für das krebskranke Kind. In der Corona-Krise organisierte er den ersten Göttinger Sololauf. Damit und mit den bisherigen Spenden knackte er gemeinsam mit anderen Sportbegeisterten die 100.000-Euro-Marke.

Es war eigentlich ein ganz normaler Tag im Januar, als die Familie vor genau zehn Jahren die Diagnose der fünfjährigen Anneke erfuhr: Gehirntumor. Im ersten Moment unfassbar. Es folgten Monate voll Hoffnung und Verzweiflung, bis das Mädchen im Oktober desselben Jahres verstarb. Steffen Baumbach war der Onkel der kleinen Anneke. Für ihn, aber vor allem für seine Schwester, die Mutter des kleinen Mädchens, folgte eine Zeit der unendlichen Trauer. Niemand kann verstehen, warum solches Leid geschieht. Und am Ende muss man einen Weg finden, mit einem solchen Schicksalsschlag zu leben.

Steffen Baumbach ist selbst zweifacher Vater – und so holte ihn der Alltag schnell wieder ein. Dennoch wurde sein Wunsch, etwas zu tun, immer größer. Er wuchs über drei Jahre, bis Baumbach auf eine Idee kam. Zum damaligen Zeitpunkt arbeitete er noch in der Fitnessbranche und trainierte jedes Jahr hart für Wettkämpfe wie den Ironman. „Ich dachte mir, ich könnte doch nach jedem Training 50 Cent in ein Sparschwein stecken und das gesammelte Geld nach einem Jahr einem gemeinnützigen Verein spenden“, erzählt der Triathlet davon, wie die Idee entstand, die seinem Leben wieder einen neuen Lichtblick schenkte.

Er teilte diese Idee unter dem Motto ‚Jedes Training zählt‘ auf Facebook, lud Freunde ein, auch ihr Schweinchen alljährlich zu schlachten, und war überrascht, wie viel Unterstützung er innerhalb kürzester Zeit von seinen Trainingskollegen und Freunden bekam. Bereits 2014 überreichte er seinen ersten Scheck dem Elternhaus des Vereins für das krebskranke Kind in Göttingen. „Heute sind die Spendenaktionen ein Teil meines Lebens“, sagt Baumbach. Überall, wo Ausdauerwettbewerbe in Göttingen stattfinden, sind er und ein Team von Mitstreitern dabei. Sie tragen Trikots mit der Aufschrift ‚Jedes Training zählt‘ – ob beim Göttinger Frühjahrsoder Altstadtlauf, bei der Tour d’Energie oder beim Volkstriathlon. Auch als vor vier Jahren durch einen verwaisten Vater die Initiative für den Göttinger Lichterlauf entstand, war Baumbach sofort mit an Bord – ein ungewöhnliches Lauferlebnis rund um den Kiessee mit beeindruckenden Lichteffekten und Musikdarbietungen, bei dem jährlich mehrere Tausend Hobbysportler, den Rundweg am Ufer für den guten Zweck meistern.

„Ich brauche Ziele im Leben, sonst kann ich nichts schaffen“, erklärt der 51-Jährige mit Nachdruck seinen Antrieb, den er lange Zeit für selbstverständlich hielt. Baumbach ist bescheiden geblieben – trotz seines Bekanntheitsgrades in Göttingen und all dem, was er bereits erreicht hat. Dass dies weit mehr ist als die Summe, die dank seiner Initiative inzwischen jedes Jahr für das Elternhaus gespendet wird, war ihm nicht bewusst, bis ihm eines Tages auch der Vorstand des Vereins dafür dankte. Denn die Presse, die über seine Aktionen berichtet, die Reichweite über Facebook und sein Trikot, das er auf jedem sportlichen Event trägt, schaffen ein öffentliches Bewusstsein, das das Schicksal der Familien krebskranker Kinder in die Gesellschaft rückt.

„Als ich die ersten Male in das Elternhaus ging, habe ich immer gehofft, dass ich keinem betroffenen Elternteil begegne – ich hatte solche Berührungsängste“, sagt der Familienvater. „Das ist heute vollkommen anders.“ Heute weiß er, dass dieses Haus auf der einen Seite ein Rückzugsort ist, dass aber auf der anderen Seite dort auch gelacht wird, dass sich die Eltern abends in der Küche treffen und gemeinsam kochen. Er weiß, wie das Elternhaus in Mainz seiner Schwester durch die schwere Zeit geholfen hat. „Was dort für die Eltern geleistet wird, ist vielen Menschen außerhalb gar nicht bewusst“, so Baumbach, „und das ist fatal.“

Denn auch wenn es einen Dachverband des Vereins für das krebskranke Kind gibt, so ist jedes Elternhaus autark und auf Spendengelder angewiesen. Und da trifft es soziale Einrichtungen wie diese besonders hart, wenn durch gesellschaftliche Krisen, wie jetzt durch Covid-19, das Engagement zu spenden plötzlich zurückgeht. Wenn dann noch alle Veranstaltungen, an denen Steffen Baumbach und sein Team Spenden erlaufen hätten, abgesagt werden, entsteht eine weitere Lücke.

„Das konnte ich einfach nicht akzeptieren und habe mir wochenlang Gedanken gemacht, was ich auf die Beine stellen könnte“, erzählt Baumbach – und natürlich ist ihm etwas eingefallen: Dank Baumbach fand in diesem Jahr über das Pfingstwochenende der erste Göttinger Sololauf statt. ‚Wenn man nicht zusammen laufen darf, dann eben allein und dennoch für einen guten Zweck‘, so sein Motto. Ähnlich wie beim Göttinger Lichterlauf spendeten die Teilnehmer, die sich eine Startnummer – für alle war dies die ,2020‘ – auf der eigens dafür eingerichteten Webseite holten, einen Betrag pro gelaufenen Kilometer an das Elternhaus. Und da Baumbach ja immer ein Ziel benötigt, stand dieses auch bereits zu Beginn der Aktion fest: eine Spendensumme von genau 13.395 Euro. Denn damit und mit den bisherigen jährlichen Einnahmen durch ‚Jedes Training zählt‘ hat er die 100.000-Euro-Marke geknackt. „Ich überlege nach dem unglaublichen Erfolg, ob dies nicht ein Format ist, das wir in den kommenden Jahren fortsetzen können.“

Steffen Baumbach wird also auch in Zukunft noch so einige Trainingskilometer laufen, fahren und schwimmen – und damit den Kampfgeist noch vieler Menschen anstacheln, seinem Beispiel zu folgen. Er möchte die Spendensumme am liebsten jedes Jahr steigern. „Mein Anspruch ist: Der Scheck muss groß sein“, sagt er noch mit einem Lächeln. Auch seine eigene Familie hat er bereits ‚angesteckt‘. In seiner Küche stehen vier Sparschweine: eines für ihn, eines für seine Frau und jeweils eins für seine beiden Söhne, sieben und zwölf Jahre alt. Auf die Frage, wie er in diesem Jahr die Chancen für den beliebten alljährlichen Göttinger Lichterlauf, der am 3. Oktober stattfinden sollte, sieht, antwortet er: „Der findet statt! Vielleicht wird es ein anderes Format werden, aber der Kiessee wird beleuchtet sein, und neue Spenden werden das Elternhaus erreichen – da bin ich mir sicher.“