Jagdfieber

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Marco Böhme

faktor hat sich ein Bild von der Jagd gemacht – eine Reportage über einen Tag im Wald.

Eins kurz vorweg: Ich bin weder ein großer Tierschützer noch plagen mich große moralische Bedenken, dass Tiere zum Verzehr getötet werden. Als Kind allerdings habe ich mich als „Ein Herz für Tiere“-Leser sehr über Tierquälerei aufgeregt.

Vor Monaten habe ich meinem Freund Hasso Werk, Göttinger Rechtsanwalt, erzählt, dass ich gern an einer Jagd teilnehmen würde. Er verspricht, mich mal mitzunehmen und hält Wort. Ich bin am 22. November 2008 zu seiner Hubertusjagd in Potzwenden eingeladen. Eigentlich, so werde ich an diesem Tag lernen, findet die Hubertusjagd bereits am 3. November statt. Aber aus organisatorischen Gründen, u.a. weil dieser Tag auf einen Wochentag fiel, wird sie an dem besagten Samstag nachgeholt.

Schon Tage vorher steigt die Aufregung. Ich bin neugierig auf das, was mich erwartet. Es ist meine erste Jagd. Um 6.30 Uhr stehe ich auf. Ich bin putzmunter, aber nach vier Stunden Schlaf fühle ich mich doch ein wenig gerädert. Ich esse eine Schüssel Müsli und trinke schnell einen Kaffee. Dann ziehe ich eine lange Unterhose, eine Jeans und eine weitere Hose an, über dem langärmligen Unterhemd trage ich eine Wolljacke und einen Fleecepulli. Eine Mütze und Handschuhe sollen mich vor der Kälte schützen. Am Vorabend hatte es kräftig geschneit.

Pünktlich treffen der Fotograf Ciro und ich um 7.45 Uhr am Schützenhaus in Macken rode ein. Wir begrüßen ein Dutzend grün gekleideter Herren, die ein orangenes Band am Hut haben. Hasso als Jagdleiter ist trotz meiner Erwartung ein paar Minuten zu spät. Als ich die Heerschar Kinder in seinem VW-Bus sehe, wundere ich mich, dass er überhaupt schon da ist. Neben seinen eigenen vier Sprösslingen (Leonie, Johanna, Max und Anna) sitzt da noch eine ganze Handvoll. Später erzählt er, der schon als Kind von seinem Großvater mit zur Jagd genommen wurde: „Ich nehme die Kinder ganz bewusst mit, damit sie ein normales Verhältnis zur Jagd bekommen.“

Um kurz nach 8 Uhr geht es langsam los. Ich ziehe mir eine orange farbene Weste an, da ich an der Jagd als so genannter „Treiber“ teilnehme. Über diese grelle Signalfarbe freue ich mich, habe ich doch keine Lust, mit einem Jagdtier verwechselt und daher „erlegt“, also erschossen, zu werden. Meine Aufgabe und die der ca. ein Dutzend anderen Treiber, zur Hälfte aus Kindern bestehend, ist es, größere Tiere wie Rehe, Wildschweine und Füchse aufzuscheuchen und sie den Jägern in Sicht- oder besser in Schussweite zu bringen. Ich habe leichte Skrupel und denke an Bambi, den kleinen Walt-Disney-Hirschen, der in jungen Jahren seine Mutter bei einer Jagd verliert. Bei dem Film habe ich früher als Kind Rotz und Wasser geheult.

Auf einem alten Traktor sitzend werden wir Treiber vom Treffpunkt am Schützenhaus in Mackenrode in den Wald in Potzwenden gefahren. Hasso hat nichts dem Zufall überlassen und die 21 Jäger, darunter eine Frau, nach einem ausgeklügelten Plan im Wald verteilt. Schon Wochen vorher hat er mit der Familie und Freunden die Plätze ausgemacht, störende Äste beseitigt und die so genannten Ansitze aufgebaut, von wo aus die Jäger schießen werden. Das ist bereits die achte Jagd dieser Art, die er veranstaltet.

Bevor wir an diesem Morgen überhaupt anfangen mit unserem Job, ertönt schon ein Schuss. Es ist 8.58 Uhr, die Jagd hat begonnen. Wir Treiber, verstärkt durch einen Dackel und die zwei schwarzen Labrador-Hunde Frodo und Lilith, stapfen durch den verschneiten Wald. Nach 50 Metern teilt sich die Gruppe. Während die eine Gruppe mit den Hunden das Wild aufscheuchen soll, ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass dieses nicht am Rand ausbüxt. Alle anderen sammeln einen großen Ast auf, was ich schließlich auch tue.

Ich weiß gar nicht so recht, ob ich den brauche, um besser durch den Schnee zu laufen, um damit Krach zu machen oder mich vor einem eventuell heranstürmenden Wildschwein zu schützen. Gelegentlich liest man davon, dass diese Tiere den eher aussichtslosen Kampf gegen den Menschen „gewinnen“. Mittlerweile sind weitere Schüsse gefallen; ich sehe etwas Graues schnell wegrennen, was ich für ein Wildschwein halte, aber sicher bin ich mir nicht. Marianne, eigentlich Bläserin und später für die Musik zuständig, ruft uns zu, dass da vorn ein Reh sei. Dann sehe ich das Tier in ca. 100 Meter Entfernung, das über die Straße hinweg zu einem Feldstück hoppelt. Es ist entwichen. Ich empfinde das als kleine Niederlage.

Immer mehr dicke Schneeflocken fallen vom Himmel. Unter meinen Sohlen knarzt es. Dieser Samstagmorgenspaziergang im verschneiten Wald gefällt mir, mal völlig abgesehen, dass ich Teil einer Jagdgesellschaft bin. So viel frische Luft habe ich schon lange nicht mehr bekommen. Wir streifen immer weiter durch den Wald, teilweise durch dichtes Unterholz. Immer wieder schlagen mir Äste ins Gesicht. Mittlerweile habe ich drei selbst gebastelte Stöcke an Bäumen kaputt gehauen, um Krach zu machen und damit die Tiere aufzuscheuchen. Meine Füße werden langsam kalt, da Schnee in meine Wanderschuhe gelangt ist.

Nun treffen wir auf unseren Fotografen, der mit einem der Jäger ein Reh sucht, was angeschossen wurde. Hasso schaut sich die Blutspuren an, die in der Jägersprache leicht euphemistisch „Schweiß“ genannt werden, verfolgt sie ein paar Meter weit und sagt dann: „Wir suchen es nachher mit dem Hund.“ Das tun wir dann eine knappe halbe Stunde später wirklich, aber ohne Hasso. Mittlerweile ist es kurz nach 11 Uhr. Angeführt von Max, Hassos 12-jährigem Sohn, zwei weiteren Treibern und Frodo gehen wir einen Forstweg entlang. An einem Baum, auf dem eine große, gelbe „4″ gemalt wurde, klettern wir in den Wald.

An einem Ansitz sammeln wir Ciro ein. An der Stelle mit den Baumstämmen, wo Hasso die Spur des Rehs verloren hat, beginnen wir erneut mit der Suche. Die Uhr zeigt 11.17. Frodo, obwohl kein Jagdhund, spürt das junge Reh auf und verfolgt es in hohem Tempo durch das Unterholz. Ich glaube, dass das Reh entkommen ist, aber jetzt sehe ich es, wie es unter einem grünen Farnschirm sitzt. Bisher war die Jagd für mich sehr abstrakt, nun bin ich mittendrin.

Frodo leckt mit seiner Zunge über das Reh, ein großes Loch klafft in dessen braunen Fell. Der kleine Kopf bewegt sich hin und her. Ich denke an Bambi. Anders als Ciro, der sich abwendet, gucke ich hin. Ich möchte es sehen. Mich hat das Jagdfieber gepackt. Es ist 11.20 Uhr. Frodo zieht an den Gedärmen, die aus dem kleinen Körper heraus hängen. Ich empfinde Mitleid mit dem Tier und habe zugleich großen Respekt. Es fühlt sich komisch an, zu wissen, dass da gleich vor mir ein Geschöpf sein Leben aushaucht.

Da die Jäger eigentlich ihren Stand nicht verlassen dürfen, überlegen wir, was zu tun ist. Max würde das Tier gern erlösen, er nimmt sein Messer in die Hand – aber er traut sich nicht, was ich gut verstehe. Er darf es auch ohne Jagdschein gar nicht. Hier ist jetzt keine Spur mehr von Jagdfieber, sondern der Gedanke kreist darum, das Leiden dieses Lebewesens schnellst möglich zu beenden. Einige Minuten vergehen.

Christian, der das Reh angeschossen hatte, kommt näher, das braune Gewehr in der Hand. Es ist 11.29 Uhr. Er nimmt sein Zielfernrohr ab, was ich Sekunden später in der Hand halte. Er stapft durch den Schnee weiter auf das Reh zu, bleibt in ca. anderthalb Metern Entfernung stehen. Er nimmt das Gewehr hoch und dann wieder runter, er hat wohl ein Problem beim Laden. Einen Atemzug später drückt er nun doch ab. Bumm. Das Reh zuckt, ich habe das Gefühl, es wehrt sich noch einmal gegen das Unausweichliche. Es bewegt sich immer noch. Der Jäger zückt sein Messer und sticht zu – in Herz und Lunge, wie er mir erzählt. Nun ist es 11.36 Uhr, Christian schleift den leblosen Körper über den Schnee hoch zu einem dicken Baum an seinem Ansitz. Er ärgert sich über seinen schlechten ersten Schuss.

Ciro hat seinen Blick nun aufgerichtet und fotografiert wieder. „Das macht keiner gern, aber es gehört dazu“, sagt Christian und meint das Ausnehmen des Tieres. Ich bin überrascht, dass das Reh nicht mehr viel Blut in sich hat. Es dauert keine vier Minuten, und es ist ausgenommen. Christian macht sich die Hände mit Blättern und Schnee sauber.

„Wenn es geschossen ist, sehe ich es als Lebensmittel.“ Minuten später erzählt er in seinem Volvo-Geländewagen, dass er gern kocht. „Jagd ist Essen“, erklärt er uns. Für Ciro ist das anders. „Wenn ich mein Essen selbst töten müsste, wäre ich Vegetarier.“ Es ist kurz vor 12 Uhr, die Jagd ist vorbei.

Am Schützenhaus liegen zwei junge Rehe und ein kleiner Fuchs auf grünen Tannenzweigen, eine „Strecke wird gelegt“, wie ich lerne. Ich bin etwas enttäuscht, kein Wildschwein zu sehen. Dann wird es noch mal spannend. Zwei Männer bringen mit einer Schubkarre Nachschub, es sind zwei weitere Rehe, eins davon sieht ziemlich zerrupft aus.

Reinhard Bodenburg, der kein Glück hatte, erklärt mir, wie viele andere der Jäger später auch, dass der Erfolg einer Jagd nicht unbedingt davon abhängig ist, ob etwas erlegt wurde. Er genieße die Ruhe bei einer Jagd. Dem Anwalt und Notar seien dabei schon Lösungen für schwierige Fälle eingefallen. Später erfahre ich, dass bei der Revier übergreifenden Jagd die Nachbarförsterei elf Wildschweine schießt. Insgesamt ein guter Erfolg für die Jagdgesellschaft. Es gibt noch ein paar Dankesworte von Hasso Werk, Bläser spielen. Die sind extra aus Hamburg angereist. Um 13 Uhr wird zum Halali, also zum Ende der Jagd, geblasen.

Anschließend gibt es Würstchen und Kasseler mit Grünkohl und Kartoffeln. Ich schieße noch mit einem Kleinkalibergewehr auf eine 50 Meter entfernte Scheibe. Zwei Schüsse treffen die Scheibe, allerdings nur knapp am Rand. Einer landet im Schwarzen. Nach einer längeren Pause, in der ich mich zu Hause ausruhe und lange warm dusche, gehen wir zur Hubertusmesse nach Seeburg. Die Hamburger Bläser erfüllen die Kirche sehr stimmungsvoll. Im Graf Isang essen wir dann in großer Runde beim „Schüsseltreiben“ selbst geschossenes Wildschwein, und ich höre viel Jägerlatein. Um kurz nach 24 Uhr geht es endlich nach Hause. Nach einem langen Tag schlafe ich schnell ein, mein letzter Gedanke gehört dem kleinen Reh, kurz bevor es getötet wurde.

Fazit: Meine erste Jagd fand ich insgesamt sehr spannend, zu einem kleinen Teil auch grausam mit Bambi. Aber das Töten gehört zur Jagd dazu.