“Industrie ist nicht alles“

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Text von: redaktion

Der Northeimer Unternehmer Wolfgang Hermann im Interview: “Die mittelständischen Unternehmen in Northeim sind die Seele der Wirtschaft“.

Herr Hermann, was macht den Wirtschaftsstandort Northeim interessant? Schauen Sie, zunächst haben wir eine sehr gute Verkehrsinfrastruktur. Northeim liegt direkt an der A7, als große Magistrale eine der wichtigen Verkehrswege und Nord-Süd-Verbindungen überhaupt. Dazu kommt die Bahnstrecke mit dem gemeinsamen ICE-Bahnhof Göttingen. Die Entfernungen zu den Flughäfen in Hannover und Paderborn sind schnell zu überwinden. Was wollen wir mehr? Davon profitieren wir alle, egal ob Northeimer oder Göttinger. Außerdem denke ich an die traditionsreiche Georg-August-Universität, die zu den wenigen Exzellenzuniversitäten in Deutschland zählt. Nimmt man noch die TU Clausthal hinzu, gibt es zwei hochinteressante Universitäten in der Region, die den unternehmerischen Wissensdurst stillen können. Das ist auch für Northeim ein wirklicher Standortvorteil, der, so denke ich, nicht optimal genutzt wird.

Wie kann das verbessert werden? Wir haben in Northeim und im Landkreis einen sehr innovativen Mittelstand. Doch bisher nimmt er die Chance kaum wahr, sich seine Innovationen durch die Universität Göttingen oder auch die TU Clausthal absichern zu lassen. Vielfach fehlt die entsprechende Vernetzung. Da sind, meiner Meinung nach, sowohl der Mittelstand als auch die Hochschulen gefragt. Die Inhaber kleinerer Betriebe haben sehr oft Berührungsängste, die es abzulegen gilt. Und die Universitäten müssen lernen, die Sprache der kleinen Unternehmen zu sprechen, um dann auf sie zu zugehen. In den meisten Fällen haben die Professoren nur die Großindustrie im Visier. Da würde ich mir wünschen, dass sie in ihrem Hinterkopf eine kleine Fabrik- oder Dienstleistungshalle einrichten und dabei die „Kleinen“ mit einbeziehen. Wenn sich die Unis und der Mittelstand bewegen, entstehen die Netzwerke, die nötig sind.

Sie haben den innovativen Mittelstand angesprochen. In welchen Bereichen sehen Sie Northeim besonders gut auf gestellt? Da fällt mir als gutes Beispiel die Verpackungsindustrie ein. In Northeim und im Landkreis gibt es einige mittelständische Firmen, die Qualität auf zum Teil internationalem Niveau abliefern. Dazu gehören unter anderem die Firma Thimm, die Rockenfeller Papiersackfabrik oder die Firma ETT Verpackungstechnik in Fredelsloh.

Sehen Sie es als Nachteil für den Standort Northeim, dass die große Industrie fehlt? Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin froh, dass viele erkannt haben, dass Industrie nicht alles ist. Sichere Arbeitsplätze gibt es vor allem bei den personen- und inhabergeführten Mittelständlern. Da zählt die persönliche Ebene noch. Als die wirklichen Unternehmer übernehmen diese Mittelständler Verantwortung für ihre Mitarbeiter und das Unternehmen, tragen das finanzielle Risiko auf ihren Schultern. Und das machen die Northeimer Unternehmer gut, viele sind sehr erfolgreich. 75 Prozent aller Arbeitnehmer in der Region sind in Unternehmen mit weniger als 200 Mitarbeitern beschäftigt, und dieser Mittelstand bildet 85 Prozent der Auszubildenden in der Region aus. Das ist die Seele der Wirtschaft.

Ist der Standort Northeim benachteiligt im Vergleich mit dem regionalen Oberzentrum Göttingen? Das denke ich nicht. Northeim ist mindestens genauso wichtig wie Göttingen. Mit Blick auf die seit Jahren geringere Arbeitslosenquote sehe ich Northeim sogar eher im Vorteil. Der Kleine kann im Schatten des Großen ebenfalls groß werden. Erfolgreiche Unternehmen in kleineren Städten belegen diese These.

Immer wieder werden Stimmen laut, die behaupten, es gäbe wechselseitige Vorbehalte der Göttinger und der Northeimer Unternehmer. Haben Sie, der in beiden Landkreisen tätig ist, diese Erfahrung auch gemacht?Wenn überhaupt, sind das Einzelfälle. Die Mehrheit der Unternehmer hat doch nur das Interesse, ihre Waren und Dienstleistungen – egal, ob in Northeim oder in Göttingen – gut zu präsentieren und zu auskömmlichen Preisen zu verkaufen. Jeder braucht doch den Anderen. Ich denke, man sollte nicht zu viel reden und diskutieren, sondern machen. Lamentieren bringt uns nicht voran.

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: Wolfgang Hermann

Text: Tobias Kintzel Foto: Sebastian Mauritz