In 80 Jahren um die Welt

©Alciro Theodoro da Silva
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Jazzlegende Gunter Hampel blickt zu seinem runden Geburtstag zurück auf ein buntes Leben als freier Geist und begnadeter Musiker.

„Du bist aus Niedersachsen in die Welt gegangen und hast eine neue Musik erfunden, die Welt mit neuen Tönen bereichert.“ Der Neutöner, den Gerhard Schröder 1997, seinerzeit Ministerpräsident, anlässlich der Verleihung des Niedersächsischen Staatspreises mit diesen Worten würdigte, ist Gunter Hampel. Anfang August hat Göttingens ,Jazz­Botschafter in der Welt‘ seinen 80. Geburtstag gefeiert, das Göttinger Jazzfestival wird dieses Jahr 40. Zwei runde Jubiläen, zwei gute Gründe, den Lebens­ und Improvisationskünstler Gunter Hampel zu besuchen.

Der Hausherr bittet in den ersten Stock: „Unten kann ich niemanden reinlassen, da ist alles voll mit meinen Sachen, Bänder, Platten, Instrumente.“ Hampel, den hoch aufgeschossenen, schlaksigen Körper fast ganz in Schwarz gehüllt – schwarzer Kapuzenpulli überm weißen T­Shirt, schwarze Daunenjacke, ebenso Hose und Sportschuhe –, geht die schmale Treppe voraus und führt in ein kleines, spartanisch möbliertes Zimmer. Eine Handvoll Stühle verteilt sich im Raum, auf einem Tisch eine Art Collage aus LPs, CD­Hüllen und Zeitungsartikeln, in einem Regal Fotos, die Hampel mit Jazz­Legenden wie Thelonious Monk zeigen, an den Wänden lehnen zahlreiche, von Hampel gemalte Bilder, Leinwände in den unterschiedlichsten Formaten. Hier lebt offensichtlich ein Kreativer, der sich um Konventionen wenig schert. So, denkt man, muss es vielen Uneingeweihten beim Hören von Free Jazz gehen: Wenn es eine Ordnung gibt, so ist sie zumindest auf Anhieb nicht zu erkennen.

Hampel bietet Wasser und das Du an. Er duze ja ohnehin eigentlich jeden: „Es sei denn, die wollen das nicht – aber wer kann meinem Charme schon widerstehen.“ Beim Anflug eines schelmischen Grinsens in den markanten Gesichtszügen glaubt man Hampel sofort, dass er da zwischen Journalisten, die er eben erst kennengelernt hat, und Ministerpräsidenten keinen Unterschied macht. „Wenn ihr Kaffee trinken wollt, müsst ihr den selbst mitbringen, ich hab nur Wasser“, hatte Hampel bereits am Telefon vor gewarnt – den Grund werden wir später noch erfahren.

Erst das Klavierspielen, dann das Laufen gelernt

Als er 1937 in Göttingen geboren wurde, mittenhinein ins nationalsozialistische Deutschland, dem Jazz als ,entartete Musik‘ galt, hätte auch die kühnste Fantasie nicht ausgereicht, sich Hampels späteren Lebensweg zum weltweit anerkannten Künstler auszumalen, der vielfach – unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz – ausgezeichnet wurde. Doch die Gene und die Zeitläufte waren auf Hampels Seite. „Ich konnte noch gar nicht laufen, da saß ich schon bei meinem Vater auf dem Schoß am Klavier, und er hat mir gezeigt, wie das geht.“

Sowohl der Vater als auch der Großvater waren begeisterte Hobbypianisten, von ihnen hat Hampel die Musikalität geerbt. Mit sieben Jahren streifte der kleine Gunter, ein Akkordeon vor den Bauch geschnallt, durch das vom US­Militär eroberte Göttingen, in der Hoffnung, im Gegenzug für ein paar kleine Melodien von den Soldaten etwas Süßes oder einen Kaugummi zu bekommen. Statt Chewing Gum gab es eines Tages ein musikalisches Schlüsselerlebnis. Ein schwarzer GI holte eine Gitarre aus seinem Truck, hörte kurz zu und begann dann, mit dem Jungen mitzuspielen. „Der hat sich einfach auf sein Gehör verlassen und mit mir improvisiert. Das war neu für mich, so überwältigend“, schwärmt Hampel noch mehr als 70 Jahre später und fügt im selben Atemzug bedauernd hinzu: „Wir haben ja heute völlig vergessen, wie der natürliche Zugang zu Musik ist.“

Musik als kreatives Gemeinschaftserlebnis, das dadurch entsteht, das man aufeinander hört und spontan reagiert – das sollte später zur Maxime in Hampels Bands werden, die vielleicht auf dieser prägenden Kindheitserfahrung beruht. Diese Musik war gewissermaßen der Samen, der kurz nach Kriegsende in Göttingen auf fruchtbaren Boden fiel.

Doch mit dieser Passion seinen Lebensunterhalt zu verdienen, erschien in Hampels Jugend noch keine Option. Es galt die Devise: „Du musst noch einen Beruf haben, damit du überleben kannst.“ Weil Hampels Vater Dachdeckermeister war – er hat auch das Haus gebaut, in dem Hampel heute noch lebt – und sich wie der Großvater, ebenfalls Dachdecker, immer über die Statiker geärgert habe, sollte Sohn Gunter Statiker werden. Dem war allerdings schon nach kürzester Zeit klar, dass „diese Rechenknechterei“ nichts für ihn ist, und er schaute lieber eine Fakultät weiter bei den Architekten vorbei. Die hätten sich eher als Künstler verstanden – und der junge Hampel fühlte sich willkommen und begann ein Architektur studium. Abgeschlossen hat er es zwar nicht, „weil ich aus dem Studium dann schon in die ganze Jazz­Schiene reingeschlittert bin“. Doch Hampel sieht noch heute zwischen seiner Tätigkeit als Komponist – er hat nach eigenen Angaben über 3.000 Stücke geschrieben – und der Arbeitsweise eines Architekten Parallelen: „Wir fangen ja mit einer Struktur an. Wir machen uns Gedanken über den Aufbau, ähnlich wie ein Architekt.“

Zum Meilenstein geschlittert

Das anfängliche ,Schlittern‘ führte schon bald zu einem Meilenstein der deutschen Jazz­Geschichte: Die LP ,Heartplants‘ des Gunter Hampel Quintetts, 1964 aufgenommen und ein Jahr später veröffentlicht, gilt heute als erste deutsche Free­Jazz­Platte. „Ich hab noch die Originalpressung. Da musst du heute 300 Euro zahlen, wenn du die haben willst“, sagt der Bandleader und freut sich über den eigenen Marktwert. Die aus dem Herzen wachsenden Pflanzen, die Hampel und die Seinen auf der Platte zum Klingen brachten, markierten einen ersten Emanzipationsversuch von den amerikanischen Vorbildern. Das wurde von diesen auch bald anerkannt und etablierte Hampels Ruf über die Landesgrenzen hinaus. 1966 spielte das Quintett – im Wechsel mit dem legendären Schlagzeuger Kenny Clarke – eine Woche lang im Pariser Club Blue Note. Vor ausverkauftem Haus, wie sich Hampel erinnert, „weil die Franzosen diese deutschen Dämonen hören wollten“. Der eine Generation ältere Clarke hörte dem stilistisch so ganz anders gearteten Jazz der jungen teutonischen Bilderstürmer eine Woche aufmerksam zu, ehe er Hampel am letzten Abend beiseite nahm und ihm sagte: „Du erweckst in mir meine Jugend wieder.“ Bald wurden auch andere Vertreter des Jazz­Establishments auf Hampel aufmerksam. So war etwa Benny Goodman, bekannt als ,King of Swing‘, von einem Konzert Hampels – und insbesondere von dessen Spiel auf der Bassklarinette – so begeistert, dass er es in seiner ,Benny Goodman Show‘ im US­Fernsehen ausstrahlte.

Die heute ikonische ,Heartplants‘­Session war anfangs keine durchweg positive Erfahrung: „Wir durften gar nicht die Stücke spielen, die wir spielen wollten.“ Das habe weitgehend der damals gerne als ,Jazzpapst‘ titulierte Autor und Produzent Joachim­Ernst Berendt diktiert. Diese und ähnliche Erfahrungen bewogen Hampel dazu, 1969 seine eigene Plattenfirma zu gründen, Birth Records. Seit ihm niemand mehr reinreden kann, hat Hampel seine Musik bis heute auf mehr als 150 Tonträgern dokumentiert – dort findet sich alles, vom unbegleiteten Solo bis zur Big Band.

Autodidakt und Selfmademan

Als Produzent und Labelchef Selfmademan, als Maler und Multiinstrumentalist Autodidakt: Hampel macht die Dinge gern ,my way‘. Sein Hauptinstrument ist das Vibrafon, das er als einer der Ersten mit vier Schlägeln gleichzeitig spielte. Ebenso eloquent drückt er sich auf Bass klarinette, Flöte und Baritonsaxofon aus. Er selbst sieht das ganz pragmatisch: „Wenn eine Komposition nach einem Saxofon verlangt, ja, dann spiel ich das halt.“

Dem wichtigsten Menschen in seinem Leben begegnete Hampel Mitte der 1960er­Jahre, als er die afroamerikanische Sängerin Jeanne Lee kennen und lieben lernte. Ihretwegen zog er 1969 nach New York: Auftakt einer sich über mehr als drei Jahrzehnte, bis zu Lees Tod im Jahr 2000, erstreckenden Lebens­ und Arbeitsbeziehung. Lees Stimme ist ein charakteristisches Merkmal auf den meisten in dieser Zeit entstandenen Hampel­Platten. Die gemeinsamen Kinder Ruomi und Cavana treten noch heute gelegentlich als Tänzer bzw. Sängerin mit ihrem Vater auf.

New York, das Mekka des Jazz, wurde aber nicht nur der Liebe wegen zum Lebensmittelpunkt, sondern „weil mich vor allem interessiert hat, wo der Jazz herkommt“. Er sei dieser Musik „erst dadurch auf den Grund gestiegen, dass ich mit all den Schwarzen gespielt“ habe, wobei die Beziehung zu einer anerkannten schwarzen Sängerin die Akzeptanz bei der afroamerikanischen Musiker­ Community sicher erleichterte. Führende Kreativköpfe der US­Szene wie der Saxofonist Anthony Braxton oder der Gitarrist Bill Frisell spielten in Hampels New Yorker Formationen – Zeichen der Wertschätzung, die sich der Immigrant aus Göttingen auch im Mutterland des Jazz erspielte. Das Paar Lee/Hampel lebte in der Bronx, „damals eine der gefährlichsten Gegenden, wenn man diese Hautfarbe hat“, erinnert sich Hampel und kneift sich in die Wange. Noch heute hat er ein Apartment im East Village von Manhattan gemietet, in dem sein Sohn lebt.

Auch wenn New York rund drei Dekaden lang sein Lebensmittelpunkt war, so hat Hampel über all die Jahre die Verbindung zu Göttingen nie aufgegeben. Seit dessen Anfängen 1978 war er immer wieder auf dem hiesigen Jazzfestival zu hören, zuletzt im Jahr 2009. Zum 40. Jubiläum wird Hampel nun wieder einmal live in der Heimat zu erleben sein.

Spielen ohne Scheuklappen

So selbstbewusst sich Hampel als Jazzmusiker versteht, so fremd sind ihm Berührungsängste mit anderen Stilen. Er arbeitete ebenso selbstverständlich mit Komponisten zeitgenössischer Musik wie etwa Hans Werner Henze zusammen, wie er mit der Hip­HopCombo Jazzkantine tourte oder mit Smudo von den Fantastischen Vier auftrat. Auch mit dem Mann, der die Gitarre revolutionierte, wollte Hampel zusammenspielen: „Den Jimi Hendrix habe ich schon 1966 nach einem Konzert in Rotter dam kennengelernt. Wir sind da mit einem Bus voll bildschöner Frauen hingefahren, die natürlich alle ein Auge auf Jimi geworfen hatten.“ Hendrix‘ allzu früher Tod mit nur 27 Jahren verhinderte jedoch die geplante Zusammenarbeit.

Hampel hat stets nicht nur über den Tellerrand des Jazz, sondern der Musik insgesamt hinausgeblickt. Bis heute tritt er immer wieder mit Tänzerinnen und Tänzern auf. „Wir haben alle ein Zentrum in uns, die einen im Kopf, die anderen im Herzen oder eben in der Hüfte“, sagt er dazu. Bewegung biete die Möglichkeit, schneller eine Kommunikation mit anderen Menschen herzustellen, meint Hampel und fügt unter Hinweis auf die Bedeutung des Tanzens in afrikanischen Kulturen hinzu: „Der Tanz ist etwas, das uns Menschen beflügelt.“

Darum, Menschen Flügel zu verleihen, ihnen zu helfen, das Zentrum in sich zu entdecken und ihre Kreativität zu entfalten, sollte es eigentlich auch in der Erziehung im Allgemeinen und im Kunst­ und Musikunterricht im Besonderen gehen. 1972 hatte die damalige sozialliberale Bundesregierung rund 150 Kreative aus der ganzen Bundesrepublik nach Bonn eingeladen, um in experimentellen Workshops mit Kindern neue Ideen für den Schulunterricht zu entwickeln. „Ich habe einen Basketball mitgenommen und hatte sofort die Aufmerksamkeit der Kinder“, erinnert sich Hampel, als sei es die natürlichste Sache der Welt, sich erst Bälle zuzuwerfen und dann musikalische Ideen. Die Veranstaltung endete mit einer Wettbewerbspräsentation der erarbeiteten Konzepte, aus der Hampel als Sieger hervorging. Er erhielt den Auftrag, seine musikpädagogischen Ideen in einem Lehrbuch für den renommierten Schott­Verlag zu Papier zu bringen. Doch eine eher intuitive Herangehensweise in ein theorielastiges Regelwerk zu verwandeln, aus dem eben noch mit spielerischer Leichtigkeit Erreichten verbindliche Handlungsanweisungen abzuleiten? Nichts für Hampel. Alles Dogmatische, alles allzu streng Reglementierte war und ist seine Sache nicht.

Kindliche Kreativität, lebenslanges Lernen

So kam zwar das Buch nicht zustande, der Bonner Wettbewerb aber war dennoch eine Initialzündung. In den vergangenen 45 Jahren hat Hampel Hunderte von Workshops für Kinder und Jugendliche gegeben, in denen er versucht, ihnen sowohl den Zugang zu ihrer individuellen Kreativität zu erleichtern als auch den Spaß am gemeinsamen Improvisieren und dem so kollektiv Erreichbaren zu vermitteln. Vor 17 Jahren entdeckte er auf diesem Weg zwei junge Talente, die noch heute mit ihm spielen: den Saxofonisten Johannes Schleiermacher und den Schlagzeuger Bernd Oezsevim, die nicht nur mit dem Bandleader zusammen das Gunter Hampel European Trio bilden, sondern sich seitdem auch sonst als gefragte Musiker in der deutschen Jazzszene etabliert haben. Bei beiden hatte Hampel auf Anhieb das Gefühl: „Die wollen nicht nur meine Energie haben, sondern bringen auch selbst Energie ein. Das ist eine Begabung, die manche selbst entdecken, die manchmal aber auch einen Weckruf von außen nötig hat – deshalb
mache ich ja die Kinder­Workshops.“

Inzwischen gibt Hampel auch Workshops für Flüchtlinge. Ihm geht es schließlich um universelle Prinzipien. Wichtigste Voraussetzung sei die Bereitschaft, Neues lernen zu wollen: „Lernen ist ein ganz wichtiger faktor, um kreativ sein zu können. Du darfst nicht denken, dass du schon alles weißt – dann weißt du gar nichts. Jeder Tag – auch jetzt mit 80 – ist jedes Mal wieder ein Neuanfang. Wenn man das versteht, kann man mit seinem Leben viel kreativer sein.“

Lodernde Flamme in der Bibliothek

Hampel versteht sich dezidiert als spirituellen Menschen. Für ihn habe „das alles hier“ natürlich eine Bedeutung: „Die Ägypter, die Chinesen, die Kelten, die alten Stämme hatten noch einen anderen Zugang zum Universum. Bei uns ist das alles verloren gegangen, wir sind solche Vernunftsmenschen geworden“, sagt er. Die deutsche Kultur habe sich
über die Welt verbreitet, weil sie spirituelle Inhalte habe: „Johann Sebastian Bach hat heute immer noch seine Bedeutung, weil er eine spirituelle Ausstrahlung hat.“ Eine solche Bedeutung reklamiert Hampel auch für seine eigene Musik wie für den Jazz überhaupt. Der sei „eine Bibliothek, aus der man herauslesen kann, wozu wir Menschen fähig sind, wo wir herkommen, wo wir hingehen“. Wichtig sei ihm „das Bewusstsein, das man erlangt, wenn man diese Musik spielt oder zuhört, wenn plötzlich eine Flamme lodert.“ Kunst und Musik als Grenzüberschreitung, als Möglichkeit, Zustände zu erreichen, die sonst nicht erfahrbar sind – darum geht es Hampel. Einmal, erzählt er, sei er zu einem Powwow auf einem Hochhaus eingeladen gewesen, einem jener rituellen Zusammenkünfte der amerikanischen Indianer, bei denen diese durch gemeinsames Singen, Tanzen und Trommeln bisweilen tranceartige Zustände erreichen. Er habe selbst gesehen, „wie die buchstäblich über dem Hochhaus geschwebt sind“.

Das klingt, im wahrsten Sinne des Wortes, abgehoben. Doch Spiritualität bedeutet nicht Weltfremdheit. Im Gegenteil: Hampel hat durchaus bodenständige Interessen, ist etwa leidenschaftlicher Fan von Borussia Dortmund, die er auf seiner Website als „perfekte Inkarnation einer wirklichen Jazzband“ preist. Er erzählt, dass er in seiner Jugend selbst bei Göttingen 05, das ebenfalls die Vereinsfarben schwarz­gelb hatte, kickte, und beginnt, vom dynamischen Offensivfußball, wie ihn Jürgen Klopp und Thomas Tuchel spielen ließen, zu schwärmen – beim neuen BVB­Coach Peter Bosz ist er sich da noch nicht so sicher. Sie hätten gezeigt, dass es vor allem auf Teamarbeit ankomme. „Das ist auch mein Ding.“ Tatsächlich lassen sich auffällige Parallelen zwischen Fußball und Jazz finden: In beiden Fällen gibt ein Trainer bzw. Bandleader die Spielweise vor, entwirft eine Taktik respektive Kompositionen. Die gilt es dann jeweils durch ein möglichst genaues Aufeinanderreagieren, in faszinierende Spielzüge oder mitreißende Musik umzusetzen. Und bei allem Teamgeist sind es doch jeweils meist die individuellen Solisten, die mit ihren kreativen Geistesblitzen das Publikum begeistern.

Hampels eigenes Fitnessgeheimnis – kein Gramm Fett scheint seine 1,90 Meter zu belasten – ist indes nicht Sport. Seit ihn der holländische Schriftsteller Simon Vinkenoog 1966 in Amsterdam in ein makrobiotisches Restaurant mitnahm, schwört er auf die Prinzipien makrobiotischer Ernährung. Deshalb trinkt er beispielsweise keinen Kaffee, isst kein Schweinefleisch, meidet Nachtschattengewächse wie Kartoffeln. Hampel kann ausführlich über die jahrtausendealten Erkenntnisse dozieren, die man in China über die Zusammenhänge von Ernährung und Krebsprävention sowie von Essen und innerem Gleichgewicht gewonnen hat. Oder kurz und knapp: „Es gibt Essen, das dich aufrichtet, und es gibt Essen, das macht dich zum Sklaven.“

Etwas schaffen, das Menschen guttut

Und zum Sklaven machen lassen wollte sich der Weltbürger Gunter Hampel in seinem Leben, das er unter dem Titel ,My Gunter Life‘ gerade in Buchform zu bringen versucht, nie. Vielleicht kann man also schon bald detailliert nachlesen, wie sich dieser radikale Individualist von Göttingen aus durchs Leben improvisiert hat: als sein eigener Bandleader und Labelchef, als Erwecker kindlicher Kreativität, als gesundheitsbewusster Fußballfan. Und dabei stets bemüht, dem eigenen spirituellen Credo gerecht zu werden: „Die Aufgabe des Künstlers ist, etwas zu schaffen, das den Menschen guttut.“

 

Zur Person
Gunter Hampel, am 31. August 1937 in Göttingen geboren, lernte als Kind zunächst Klavier und Akkordeon, später kamen Flöte, Bassklarinette und sein Hauptinstrument Vibrafon hinzu. Seine Musik ist auf mehr als 150 LPs, CDs und DVDs zu hören, von denen die meisten in seinem eigenen Label Birth Records erschienen. 33 Jahre lang war er mit der US-Sängerin Jeanne Lee liiert, aus der Beziehung gingen zwei Kinder hervor. Hampels künstlerisches Schaffen wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt, u. a. mit der Ehrenmedaille der Stadt Göttingen, dem Deutschen Jazzpreis – der höchsten Auszeichnung ihrer Art – sowie mit dem Niedersächsischen Staatspreis und dem Bundesverdienstkreuz.

Zum Autor

Reinhold Unger (58) lernt als Kind Akkordeon, sein eigentliches Interesse gilt aber bald der Gitarre. Über den Gitarristen John McLaughlin entdeckt er mit 14 den Jazz. Seit 30 Jahren berichtet er u.a. für die Münchner Tageszeitung tz über Konzerte und besucht Jazzfestivals im deutschsprachigen Raum. Seit 2016 schreibt er auch für das Fachmagazin Jazzthetik. 2014/15 ist er Mitübersetzer von zwei Büchern über die legendären Jazzlabels Verve und Blue Note. Gunter Hampel hört Unger erstmals 1980 mit dessen Galaxie Dream Band live, seitdem u.a. mit den All Stars, dem Coming Age Orchestra und zuletzt mit Hampels aktuellem Trio. Für das Porträt besuchte er Hampel in Göttingen, weil er „neugierig war, wie der Mensch hinter der eigenwilligen Musik so tickt“.