Im Windschatten

Text von: Sebastian König

faktor porträtiert den Wirtschaftsstandort Northeim, der in unmittelbarer Nähe zu Göttingen viele erfolgreiche Unternehmen beherbergt.

Nur rund 20 Kilometer nördlich von Göttingen liegt die Stadt Northeim. Im Windschatten des Oberzentrums hat sich der Wirtschaftsstandort in den vergangenen Jahrzehnten zu einer tragenden Säule der Region entwickelt.

Northeim genießt dieselben infrastrukturellen Vorteile wie Göttingen, ist aber deutlich ländlicher geprägt. Mit kleinen und mittelständischen Unternehmen ist der Standort breit aufgestellt.

Starke Wurzeln

Wie erfolgreich es sich in Northeim wirtschaften lässt, zeigt unter anderem die Thimm-Gruppe. Als einer der führenden Systemlieferanten für Verpackungslösungen in Deutschland, Tschechien und Rumänien hat sie ihren Umsatz in den vergangenen zehn Jahren auf circa 300 Millionen Euro verdoppelt.

Das 1949 gegründete Familienunternehmen bietet Transport- und Verkaufsverpackungen aus Wellpappe sowie Verkaufsaufsteller und Verpackungssysteme aus verschiedenen Materialkombinationen an. Über eine europäische Vertriebsallianz zählen auch internationale Großabnehmer zum Kundenstamm. „Unsere Kunden erhalten bei uns einen Full Service von der Beratung und Entwicklung kundenindividueller Lösungen über die Herstellung bis hin zur Konfektionierung und Anlieferung“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung Mathias Schliep.

Ökologie und Ökonomie

Um den Erfolg weiterhin zu sichern, setzt das Familienunternehmen neben der Entwicklung intelligenter Verpackungslösungen vor allem auf starke Wurzeln; so wie in der Unternehmenszentrale in Northeim. „Die Region ist als Lebensraum für Familien ausgezeichnet geeignet. Hier finden wir qualifizierte und engagierte Mitarbeiter, die mit ihrer Kreativität unsere Kunden begeistern.“ Die Familienfreundlichkeit hat allerdings auch eine Kehrseite. „Denn was für Familien attraktiv ist, ist für Hochschulabsolventen nicht unbedingt ebenso reizvoll.“ Berufseinsteiger suchen ihr Glück eher in den Metropolregionen.

„Deshalb ist es umso wichtiger, die Bildungsqualität in allen Schulbereichen deutlich zu verbessern, um das vorhandene Potenzial vor Ort noch besser auszuschöpfen“, erklärt Schliep. Thimm selbst bildet bundesweit 94 Azubis aus und feilt ständig an der Verbesserung der Ausbildungsqualität. Darüber hinaus bekennt sich das Unternehmen klar zum Standort Northeim. Erst kürzlich entstand in der Königsberger Straße ein neues Bürogebäude mit 1.700 Quadratmetern Fläche.

In direkter Nachbarschaft zu Thimm unterhält seit 1964 die ContiTech AG einen Standort. Als einer der größten Arbeitgeber der Region beschäftigt das Unternehmen in Northeim 1.700 der weltweit 22.000 Mitarbeiter. Zum Portfolio zählen Transportbänder, Druck tücher, Schläuche und Schlauchleitungssysteme sowie Produkte, die Fahrzeuge komfortabler und sicherer fahren lassen. In Northeim werden maßgeschneiderte Lösungen für Fördergurtsysteme im Bergbau gefertigt.

„Hier entwickeln wir aktuell Fördergurte, die klimafreundlicher arbeiten, weil sie beim Betrieb bis zu 20 Prozent weniger Energie verbrauchen“, sagt Hans-Jürgen Duensing, Werkleiter ContiTech Northeim, und ergänzt: „Unser Erfolg beruht auf einer gewinnbringenden Symbiose aus Ökologie und Ökonomie.“ Dies unterstreicht auch ein Durchbruch bei der ökologischen Herstellung von Drucktüchern. Hier gelang es ContiTech als weltweit erstem Unternehmen, klimaneutral zu produzieren. Ein neuartiges Herstellungsverfahren reduziert die CO²-Emissionen um 70 Prozent. Der verbleibende CO²-Ausstoß wird durch die Unterstützung eines Aufforstungsprojekts in Panama ausgeglichen.

Die Region spielt für ContiTech eine wichtige Rolle, denn hier leben gut ausgebildete und zuverlässige Mitarbeiter, die für den Unternehmenserfolg ausschlaggebend seien. Allerdings stellt Duensing zunehmend Schwierigkeiten bei der Rekrutierung junger Führungskräfte außerhalb Northeims fest. Es sei schwer, die vielen Vorteile des privaten Lebensraums wie günstige Lebenshaltungskosten und die Nähe zu den kulturellen Zentren Hannover, Braunschweig und Göttingen zu vermitteln. „Deshalb gilt es, die Investitionen in die Bildung zu intensivieren.“

Hohe Flexibilität

Bei der zukünftigen Versorgung mit Fachpersonal sieht auch Uwe Friedrich, Geschäftsführer der Dr. Demuth GmbH – Derisol Lackfarbenfabrik, ein Problem auf die Region zukommen. „Für uns besteht vor allem die Schwierigkeit, dass Northeim nicht unbedingt als Chemiestandort bekannt ist“, so Friedrich. Hier konkurriert das mittelständische Privatunternehmen mit traditionellen Chemie-Standorten wie Düsseldorf, Leverkusen oder Frankfurt.

Dennoch ist es gelungen, sich im Geschäftsfeld Industrielacke für die metallverarbeitende Industrie einen Platz zu erobern. Dabei hat sich Derisol vor allem auf umweltfreundliche Produkte im High-Solid und im wässrigen Bereich spezialisiert. In letzterem Bereich wurde ein Shopprimer entwickelt, mit dem man Marktführer in Europa ist. „Die von uns entwickelten so genannten ‚Shopprimer’ sind nahezu einzigartig in Europa“, erklärt Friedrich. Dabei handelt es sich um einen Konservierungsanstrich, der im Stahlhandel zum Einsatz kommt. Der Stahl wird dadurch während des Transports und der anschließenden Lagerung geschützt, um Rostbildung zu vermeiden. „Die Besonderheit ergibt sich durch die Verwendung eines wässrigen Bindemittels. Dadurch sind nur minimale Lösungsmittel enthalten, was die Umwelt schont“, so Friedrich.

Besonders im Bereich umweltfreundliche Anstrichsysteme plant das Unternehmen auch in Zukunft weitere Investitionen. Denn der Schutz der Umwelt gewinnt, auch durch strengere gesetzliche Auflagen, immer mehr an Bedeutung. „In diesem Bereich erlässt die EU immer wieder neue Gesetze, deren Umsetzung besonders für mittelständische Unternehmen wie uns sehr schwer und kostenintensiv ist.“ Hier setzt Friedrich aber auf die hohe Flexibilität, die kleinere Unternehmen wie Dr. Demuth den Großen voraushaben.

Geeigneter Standort

Diesen Vorteil der kurzen Reaktionszeiten und des kurzen Weges hat auch die Papiersackfabrik Rockenfeller stets zu nutzen gewusst. Das 1932 gegründete Unternehmen ist eines von nur noch neun seiner Art im gesamten Bundesgebiet – wobei Rockenfeller eines der letzten verbliebenen Unternehmen in privater Hand darstellt. „Dass wir uns gegen die großen Konkurrenten behaupten konnten, liegt vor allem an unserer breit gefächerten Ausrichtung“, erklärt Geschäftsführer Alfred Rockenfeller, der das Unternehmen in dritter Generation führt.

Je ein Drittel der produzierten Säcke geht an die Baustoffindustrie, die Lebens- und Futtermittelbranche sowie an die Chemieindustrie. „Durch diese Streuung werden wir von Krisen einzelner Branchen nicht so stark getroffen“, so Rockenfeller. Darüber hinaus hat sich das Unternehmen auf kleinere und mittlere Aufträge spezialisiert und so die Abhängigkeit von Großkunden reduziert.

Zwar beliefert Rockenfeller Kunden in ganz Deutschland – der Schwerpunkt liegt aber in der Mitte und dem Norden Deutschlands. All diese Maßnahmen zeigen deutlich die nachhaltige Philosophie, welche die meisten Familienunternehmen innehaben. „Für mich gilt es, Arbeitsplätze zu sichern und das Unternehmen für die kommenden Generationen zu erhalten.“

Dass Northeim dazu der geeignete Standort ist, steht für den Geschäftsführer außer Frage. „Wir sind hier in der Mitte Deutschlands mit einer hervorragenden Autobahnanbindung. Außerdem muss einmal deutlich gesagt werden, wie wertvoll es ist, in einem sicheren Land wie Deutschland zu wirtschaften.“ Eine Sicherheit, die aber auch ihre Schattenseiten habe, wie Rockenfeller mit Blick auf die teils ausufernde Bürokratie feststellt. Zwar bremst der Bürokratieapparat an einigen Stellen die Entwicklung – in Northeim hält es aber die Unternehmen kaum vom erfolgreichen Wirtschaften ab.

Gesunder Mix

„Die Wirtschaftskrise haben die Stadt und der Landkreis gut überstanden und stehen schon in den Startlöchern, um den Aufschwung kraftvoll zu nutzen“, sagt die Landtagsabgeordnete Frauke Heiligenstadt. Mit einem gesunden Mix aus kleinen und mittelständischen Unternehmen bietet Northeim dazu eine gute Basis. Durch eine weitere Annäherung an das Oberzentrum Göttingen und eine engere Vernetzung in Südniedersachsen könnte die Stadt zudem profitieren. Vorausgesetzt, alle Entscheidungsträger überwinden ihre Ängste vor dem Verlust ihrer Individualität und arbeiten gemeinsam an Problemlösungen zum Wohle der Gesamtregion Südniedersachsen.