©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Rupert Fabig

Das HöhlenErlebnisZentrum in Bad Grund bietet einen spannenden Zugang zu einer Tropfsteinhöhle und ungewöhnliche Einblicke in das Leben eines Familienclans vor 3.000 Jahren.

Wer ein Korallenriff sehen möchte, braucht nicht extra in die Südsee reisen. Und um sich einmal nach Madagaskar zu begeben, ist auch kein Besuch des Animationsfilms im Kino nötig. Kindern wird es dennoch gefallen, wenn sie ins HöhlenErlebnisZentrum zur Iberger Tropfsteinhöhle kommen. Ihnen, aber auch Ahnenforschern, Biologen, Geschichtsbegeisterten und … – ach, machen Sie sich einfach selbst auf nach Bad Grund, es lohnt sich. Der Ausflugstipp hat es nämlich in sich.

Aber wie war das nun mit Madagaskar und den Korallen? „Der Iberg im Oberharz war vor gut 385 Millionen Jahren noch ein Korallenriff, das sich auf der Höhe des heutigen afrikanischen Inselstaats befand. Die Kontinental verschiebung macht’s möglich“, erzählt uns Sylvia Fröhlich, die uns fachkundig auf dem Weg hinein in die spannende Unterwelt führt. Teil eins des Ausflugsziels: die Iberger Tropfsteinhöhle, die hinter dem Museum oben im Berg liegt. Die Reise des brachialen, heute massiven Kalkbergs lässt sich auf dem rund 160 Meter langen, freigesprengten Weg ins Innere des Berges anhand eines Zeitstrahls anschaulich nachvollziehen. Darauf abgebildet sind Pflanzen, Tiere, Dinosaurier und geohistorische Ereignisse, die der Iberg alle überdauert hat.

Wer die kleine, aber feine Tropfsteinhöhle betreten möchte, muss vorab allerdings eine gut 30- minütige Führung buchen – und sollte sich angemessen kleiden. Denn dort ist es kühl und hin und wieder auch ganz schön nass. Die zum Teil 17-prozentige Steigung hin zur Höhle und die steilen Treppen dort sollten nicht dafür sorgen, dass der Blick von den Wänden abschweift. Fröhlich weist nicht nur auf die beeindruckenden sogenannten Wandsinter aus Kalk und die mächtigen Tropfsteine sowie an beleuchteten Stellen wachsende Algen und Moose hin – die hier eigentlich nicht hingehören. Sie zeigt uns auch Fledermäuse, die in winzigen Spreng löchern schlafen – „und auch bitte nicht gestört werden dürfen“, so Fröhlich. Offiziell überwintern 15 bis 20 Tiere in der Höhle und im Zugangsstollen, die Dunkel ziffer schätzen Experten zehnmal so hoch.

Entstanden sei die Iberger Tropfsteinhöhle im Gegensatz zu ,handelsüblichen‘ Höhlen durch die äußerst seltene Verwitterung des Eisenerzes Siderit, das sich im Kalk gebildet hatte, erklärt die Höhlenführerin. Für Besucher zugänglich gemacht wurde sie bereits 1874. Zuvor betrieben Bergleute in den Höhlen des Ibergs schon früh Eisenerzabbau. Bereits die Mönche des Klosters Walkenried verhütteten das Eisen, womöglich ist der Eisenabbau aber noch viel älter. „Das Vorhandensein von Eisen ist übrigens eine Erklärung für den Namen des Berges“, erläutert die Biologin. „Aus Eisenberg könnte der Isenberg und schließlich der Iberg geworden sein.“

Das Eisen hat auch Großteile der imposanten Tropfsteine bräunlich gefärbt. Sie wirken friedlich und beruhigend, zugleich ist die stellenweise rutschige Höhle positiv aufregend und spannend. Millionen Jahre Bio- und Erdgeschichte haben sich hier an den Höhlenwänden verewigt – nicht nur für Forscher hochinteressant sind die versteinerten Fossilien uralter Meeresbewohner. Kinder wiederum dürften die Märchen der geheimnisvollen und mittlerweile versteinerten Zwerge begeistern, die um den Höhlenbach herum leben sollen. Unter anderem führt der Rundgang vorbei an der Zwergenorgel, deren Musik nur diejenigen hören, die niemals gelogen haben. Sofern Sie dort nichts vernehmen, kann ich Ihnen mitteilen, dass sie äußerst abstrakt und mystisch klingt. Laut der Sage war die Unterwelt einst das Reich des gütigen Zwergenkönigs Hübich.

„Wirklich Aufsehen erregt das HöhlenErlebnisZentrum allerdings durch seine ehemaligen realen Bewohner des Südharzrandes“, erzählt uns dann die Museumsleiterin Ortrud Krause auf dem Weg zum zweiten Teil des Erlebniszentrums: Das Museum am Berg widmet sich erstaunlichen Forschungsergebnissen, die in der europäischen Höhlenarchäologie bisher einzigartig sind. „Vor fast 3.000 Jahren wohnte offenbar ein bronzezeitlicher Familienclan nahe dem Lichtenstein bei Osterode am Harz“, so Krause. Die Lichtensteinhöhle diente dem Clan als Familiengrab.

Geradezu sensationell: Forscher der Georg- August-Universität Göttingen ermittelten dank der außer ordentlich gut erhaltenen Knochen und DNA bereits 70 Individuen, inklusive Verwandtschaftsbeziehungen. Noch heute sind wahrscheinliche Nachfahren der Lichtensteiner belegt. „Die Übereinstimmung der DNA ist so hoch, dass bei einem hypothetischen Vaterschaftstest quasi Alimente verlangt werden könnten“, betont die Museumsleiterin begeistert. Was im Übrigen ins Bild passt, denn einige der männlichen Lichtensteiner hielten es womöglich mit der ehelichen Treue nicht so genau – belegt durch Kinder von unterschiedlichen Frauen. Krause geht allerdings davon aus, dass es sich eher um eine zweite Ehe handelt, da auch diese Familie im Familiengrab bestattet wurde. Der im Museum präsentierte Stammbaum ist der weltweit älteste, der genetisch belegt ist. Mitglieder der Familie sind mithilfe der DNA- Analyse lebensnah rekonstruiert, die vielfältigen Funde im Grab deuten auf ein vergleichsweise hoch entwickeltes Leben hin.

„Wir haben auch das ganze Höhlengrab der Familie hier im Museum originalgetreu nachgebaut“, erklärt Krause noch zum Ende und deutet stolz auf eine unter der Decke hängende moderne Konstruktion. Kuschlig warm und ziemlich eng ist es innen. Klein und Nicht-zuGroß können sogar hindurchkriechen – ein beeindruckendes Erlebnis, wenn es auch nicht allzu lange dauert. Wer sich das komplette Museum inklusive der Trickfilme und Hörstationen sowie sämtliche Ausstellungsstücke ansehen möchte, sollte locker drei Stunden einplanen. Und: Warum nicht? Es ist gewonnene Zeit.