Im Dialog

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: redaktion

Göttingen sucht – faktor checkt: zwei Kandidaten für den Posten des Oberbürgermeisters aus der regionalen Wirtschaft im Gespräch.

Herr Köhler, Herr Rudolph, bevor wir uns gemeinsam der Zukunft zuwenden, werfen wir zunächst einen Blick zurück: Was hat sich unter der Ägide von Oberbürgermeister Wolfgang Meyer positiv entwickelt, und wo gibt es Ihrer Meinung nach Nachholbedarf? Rudolph: Göttingen hat unter Meyer viel in ein attraktives Krippen-, Kindergartenund Schulangebot investiert. Jetzt muss es aber gelingen, für Frauen und Männer die Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf noch zu verbessern. Das Entschuldungsprogramm hat er auch gegen Widerstände innerhalb seiner eigenen Partei durchgesetzt. Deutlichen Nachholbedarf gibt es bei der Vertretung Göttingens in Hannover und im Bund. Wir müssen stärker und selbstbewusster auftreten. Köhler: Da stimme ich mit Herrn Dr. Rudolph überein. Aus meiner beruflichen Erfahrung weiß ich, dass der Wohnungsmarkt ein drängendes Problem darstellt. Hier müssen Universität, Unternehmen und die Stadt noch enger zusammenarbeiten, um Wohnraum für Fachkräfte, Studenten und Auszubildende zu schaffen und um Fachkräfte anzuwerben. Rudolph: Leider fehlen in Göttingen attraktive Baugebiete und bezahlbare Wohnungen …Köhler: …aber erst mit der rot-grünen Landesregierung erhalten wir wieder Mittel für den öffentlich geförderten Wohnungsbau mit einem Gesamtetat von 40 Millionen Euro. Die Städtische Wohnungsbau wird 2014 zwei Neubauten mit 21 Wohnungen und 93 Studentenwohnheimplätzen beginnen. Es fehlen aber weitere Grundstücksflächen. Diese auszuweisen und zu planen wird circa zwei Jahre brauchen.

Welche wirtschaftlichen Stärken muss Göttingen ausbauen, welche Schwächen beseitigen? Wie kann man Fachkräfte und Investoren für den Standort Göttingen gewinnen? Köhler: Die Stärken der Stadt sind ihre gut aufgestellten medizinischen und wissenschaftlichen Bereiche. Das produzierende Gewerbe ist in unserer Stadt traditionell nicht so stark ausgeprägt, dennoch sind Handwerk und Industrie wichtig für die Ausbildung junger Fachkräfte. Denn es ist viel schwieriger, Fachkräfte hierher zu holen, als die vorhandenen Ressourcen zu nutzen. Für neue Fachkräfte gilt dasselbe wie für Investoren: Neue zu finden ist wie ein Sechser im Lotto. Rudolph: Dafür gibt es aber leider kein Patentrezept. Wir müssen gute Rahmenbedingungen schaffen. In dem neuen SüdniedersachsenInnovationsCampus (SNIC) werden wir die Kräfte der Hochschulen und Forschungsinstitute, der Kammern und Verbände sowie der Wirtschaftsförderungen in der Region bündeln. Das bringt für die Unternehmen einen großen Qualitätsfortschritt in der Zusammenarbeit. So binden wir auch Fach- und Führungskräfte.

Welche Auswirkungen hat der Südniedersachsenplan der Landesregierung für die Stadt Göttingen? Rudolph: Die Landesregierung hat uns einen Ball zugespielt, den es nun aufzunehmen gilt. Gemeinsam mit den Hochschuleinrichtungen, der Wirtschaft und den betroffenen fünf Landkreisen müssen wir sehen, wie wir die bescheidenen 50 Millionen Euro verteilt auf sieben Jahre sinnvoll einsetzen. Wer rechnen kann, bemerkt, dass das nicht gerade viel Geld ist. Aber wenn wir die regionalen Netzwerke gezielt fördern, kann Südniedersachsen zu einer Innovationsregion werden. Köhler: Diesen Plan verdanken wir der neuen Landesregierung. Es ist der erste südniedersächsische Regionalplan. Ich sehe aus städtischer Sicht die GWG und die SüdniedersachsenStiftung als wichtige Bestandteile zur Stärkung Südniedersachsen und Göttingens.

Wie wird sich die – oft angespannte – Zusammenarbeit mit dem Landkreis entwickeln, auch im Hinblick auf die Landkreisfusion? Köhler: Stadt und Landkreis Göttingen werden im Streit um Geldmittel immer wieder Reibungspunkte haben und ihre jeweils eigenen Interessen vertreten. Da der Landkreis übergeordnet ist, kämpft man nicht auf Augenhöhe – hier muss ein Regelwerk aufgestellt werden. Göttingen wird sich auch in Zukunft für die Region engagieren. Rudolph: Der Oberbürgermeister hat die Interessen der Stadt zu vertreten. Die Führungsrolle Göttingens ist akzeptiert, muss aber stärker betont werden. Was wäre der Landkreis ohne die Stadt?

Welche Bedeutung werden die Themen Umweltschutz und Energiewende in Ihrer Politik für Göttingen einnehmen? Köhler: Bei der Photovoltaik hat die Stadt große Fortschritte gemacht. Allein auf den Dächern der SWB sind Solaranlagen mit 1,3 Megawatt Leistung erstellt worden. Die Stadt spart durch ihr Energiemanagement Energiekosten ein. Auch die Umsetzung einer Passivhaussiedlung halte ich für förderungswürdig.Rudolph: Mit dem Klimaschutzkonzept und dem darin verankerten Ziel, bis 2050 klimaneutral Energie zu erzeugen, gehört Göttingen zu den Vorreitern auf diesem Gebiet. Das Ziel sollten wir anstreben, aber es darf nicht zu einem unumstößlichen Paradigma werden. Wir müssen stets flexibel auf aktuelle Entwicklungen eingehen. Ich setze sehr stark auf die Beratung der Privathaushalte durch die Energieagentur, denn es ist wichtig, den Dialog mit der Bevölkerung voranzubringen. Köhler: Eine wichtige beratende Rolle sollten dabei auch unabhängig beratende Handwerksbetriebe spielen.

Wie werden Sie als Oberbürgermeister den Wirtschaftsstandort Göttingen weiter fördern und attraktiver machen? Rudolph: Wirtschaft ist Chefsache. Regelmäßiger Austausch von Informationen zwischen den Unternehmen und ihren Netzwerken sowie der Universität ist ein wichtiger Baustein. Initiativen zum Arbeitgebermarketing müssen wir ausbauen. Zudem müssen wir Göttingen insgesamt viel aktiver mit seinen vielen ausgezeichneten Standortfaktoren nach außen vertreten und künftig mehr finanzielle Mittel für ein lebendiges Stadtmarketing einsetzen.Köhler: Ganz richtig. Gerade im Bereich des Stadtmarketings ist eine weitere Bündelung der Kräfte vonnöten. Wir müssen da auf die großen Ressourcen der Betriebe setzen. Universität, Wirtschaft und Stadt müssen gemeinsam nach außen auftreten. Schließlich investieren viele Unternehmen und Forschungseinrichtungen große Summen am Standort Göttingen.

Stichwort Stadtmarketing: Welche Rolle spielt Pro City dabei? Köhler: Eine sehr gute und wichtige, die besser ist als viele denken. Unsere Innenstadt hat eine enorme Frequentierung. Leider ist die relative Kaufkraft wegen der vielen Studenten verhältnismäßig gering. Die Geschäfte müssen an einem Strang ziehen, um die hohe Besucherzahl zu halten und optimal zu nutzen. Hier sind auch die großen Handelsketten gefordert, die vom Engagement von Pro City profitieren. Rudolph: Die von Pro City geschnürten neuen Werbungs- und Eventpakete stoßen bereits auf große Resonanz. Weitere positive Impulse für die Innenstadt sehe ich in der Initiative von Immobilieneigentümern zur Stärkung der City.

Ein weiterer Aspekt des Stadtmarketings ist der Profisport. Wie sollte die Unterstützung durch Wirtschaft und Stadt aussehen? Köhler: Profisport ist strukturell sehr wichtig für die Außenwirkung der Stadt. Wir müssen zu den Bundesliga-Basketballern stehen, aber auch die Tänzer sorgen für positives Echo weit über die Stadtgrenzen hinaus. Genauso wichtig ist es jedoch, den Breitensport zu fördern. 34.000 Göttinger sind im Stadtsportbund organisiert. Die Stadt kann natürlich nicht für die Etats der Vereine – ob Profi oder Amateur – aufkommen, aber wir müssen uns engagieren und möglichen Investoren verdeutlichen, dass dies ein wichtiger Standortfaktor ist. Rudolph: Ja, Bundesliga-Basketball ist in der Tat ein enorm hoher Imagefaktor für Göttingen – gleich nach der Universität. Er bietet Vorbilder für die vielen Breitensportler. Die Stadt Göttingen sollte als ersten Schritt die Hallenmiete für die Bundesliga- Basketballer erlassen. Ich denke, das wäre ein wichtiges Zeichen, dem weitere folgen müssen.

Wie sollte sich Ihrer Ansicht nach die Kulturvielfalt in Göttingen entwickeln? Rudolph: Ein breites kulturelles Angebot ist Lebensqualität. Wir müssen unser Augenmerk auf die Mosaiksteine der außergewöhnlich vitalen Kulturszene unserer Stadt legen. Besonders Schüler und Jugendliche sollen eingebunden werden. Deutsches und Junges Theater kooperieren in dem Bereich der Theaterpädagogik bereits vorbildlich. Finanzielle Förderung ist wichtig, und neue Ideen sind gefragt. Köhler: Die Stadthalle ist da ein gutes Beispiel – die Kernfrage lautet: Will man an dem Standort mit seiner positiven Strahlkraft auf die Innenstadt festhalten? Als nächstes sollte nicht die Frage nach den Investitionen stehen, sondern die Frage, was man braucht. Geld darf nicht die Phantasie zerstören. Wenn das aktuell mögliche Volumen überstiegen wird, braucht man einen sinnvollen Stufenplan. Nur so können wir es schaffen, uns nicht nur als Wissenschaftsstadt zu vermarkten, sondern auch als Sportund Kulturstadt.

Die letzten Wochen des Wahlkampfes laufen. Herr Köhler, Herr Rudolph, mit welchen Argumenten überzeugen Sie die Wähler, Sie zu wählen? Rudolph: Wir müssen das Göttingen- Gefühl, das ich seit über 20 Jahren täglich erlebe, noch stärker in das Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger rücken … Köhler: (lacht) Dieses Gefühl habe ich bereits seit 62 Jahren – also vier Jahrzehnte länger! Aber im Ernst: Ich denke ein Oberbürgermeister darf seine Geschäfte nicht von oben herab führen. Ich werde meine Wirtschafts- und Sozialkompetenz gebündelt einsetzen, um die Bürger zur Mitwirkung zu animieren. In Ideenwerkstätten sollen gemeinsame Lösungen erarbeitet werden. Wir wissen so vieles, handeln aber oft nicht. Dies zu ändern, sehe ich als meine Aufgabe. Rudolph: Als parteiloser Kandidat kann ich über Parteigrenzen hinweg Bürger, städtische Mitarbeiter und Parteivertreter ansprechen. Ich höre gut hin, wenn man mit mir spricht, und verfüge über ein großes Netzwerk. So kann ich Aufgaben ohne eine vorherige Festlegung angehen und gemeinsam mit den jeweiligen Akteuren nach sinnvollen Lösungen suchen.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Glück.