“Ich halte nichts von Hahnenkämpfen“

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Text von: redaktion

Der neue Göttinger Oberbürgermeister Wolfgang Meyer über die Rivalität zum Landkreis, die Zukunft der Wirtschaftsförderung und über den Bürokratieabbau.

Der neue Göttinger Oberbürgermeister Wolfgang Meyer über die Rivalität zum Landkreis, die Zukunft der Wirtschaftsförderung und über den Bürokratieabbau.

Herr Oberbürgermeister, Sie sind nun seit einigen Wochen im Amt. Was hat Sie bisher am meisten überrascht?

Überrascht hat mich die Zahl der Einladungen, die ein Oberbürgermeister bekommt. Gefreut habe ich mich über die Bereitschaft meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, über neue Wege nachzudenken. Gemeinsam haben wir ein Ziel: ein guter Dienstleister für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt zu sein.

Sie haben im Wahlkampf angekündigt, dass es im Rathaus eine Ansprechstelle für die Wirtschaft geben soll. Wird sich die Rolle der Wirtschaftsförderung GWG verändern?

An der Rolle der GWG wird sich nichts ändern. Wie im Wahlkampf angekündigt, werde ich in meinem direkten Umfeld ein Büro für Unternehmer und Wissenschaftler schaffen. Dieses Büro

koordiniert dann die unterschiedlichen Verwaltungsbereiche, beschleunigt zum Beispiel die Bearbeitung von Bauanträgen und sorgt dafür, dass Unternehmen leichter durch den „Behördendschungel“ finden. Die Anlaufstelle soll noch in diesem Jahr geschaffen werden. Ich werde allerdings keinen großen Apparat aufbauen, sondern mit dem bestehenden Personal auskommen.

Die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Landkreis ist nicht ideal. Wie wollen Sie das Verhältnis verbessern?

Für mich ist allein das Ergebnis entscheidend. Parteizugehörigkeit spielt dabei keine Rolle. Ich bin für jede sinnvolle Kooperation mit dem Landkreis und dem Landrat bereit. Von „Hahnenkämpfen“ halte ich überhaupt nichts. Landkreis und Stadt haben unterschiedliche Rollen. Ich bin der Oberbürgermeister des Oberzentrums, der Landrat ist für den Landkreis zuständig. Das schließt nicht aus, dass wir erfolgreich zusammenarbeiten. Es muss nur klar sein, wer für was verantwortlich ist.

Wird es bald eine gemeinsame Wirtschaftsförderung geben? Ist der Umzug der WRG zur GWG dazu ein erster Schritt?

Ich kenne keine Stadt, die ihre städtische Wirtschaftsförderung zugunsten einer regionalen auflöst. Solange ich Oberbürgermeister bin, werden wir eine eigene Wirtschaftsförderung haben.

GWG und WRG werden die kurzen Wege nutzen, zusammenarbeiten und sich ergänzen. Das bedeutet aber keinen Schritt zur Fusion.

Wie wollen Sie neue Unternehmen ansiedeln und wie den Bestand pflegen?

Dort, wo unsere Wirtschaft ein ausgewiesenes Profil hat und sich Synergieeffekte gleicher Branchen ergeben, lohnt sich eine aktive Neuansiedlungspolitik. Messtechnik, Biotechnologie, optische Industrie und Adaptronik sind hier die Themen. Die Entwicklung und Förderung von Unternehmensnetzwerken wie Measurement Valley und Hilfestellungen für junge innovative Unternehmen könnten der Schlüssel zum Erfolg sein. Daneben müssen wir die Aufmerksamkeit für den Standort Göttingen deutlich steigern. Die Präsenz auf der Expo Real in diesem Jahr mit Unternehmern aus der Region war ein erster richtiger Ansatz. Im Übrigen hat die Sicherung der bestehenden Arbeitsplätze Vorrang.

Welche Chancen sehen Sie im neuen Cluster Mobilität/Logistik?

Wir haben hier mit kompetenten Unternehmen die einmalige Chance, aus der zentralen Lage, der guten Verknüpfung Straße/Schiene und dem breiten Flächenangebot eine selbstbewusste Logistikregion zu entwickeln. Die Fertigstellung der A38 und des GVZ in Göttingen werden unsere Chancen zusätzlich erhöhen.

Beim neuen Cluster arbeiten die Stadt Göttingen und die Landkreise gut miteinander – das ist aber eine Ausnahme. Muss die Region nicht enger zusammenrücken?

Langfristig werden wir eine Region Südniedersachsen haben. Eine Region nach dem Modell Region Hannover kann man aber nicht durch Gesetz erzwingen. Sie muss wachsen, von den Akteuren gewünscht sein und für die Bevölkerung und Wirtschaft Vorteile bringen. Bis wir so weit sind, müssen wir versuchen, wenigstens gemeinsame Projekte in der Region zu entwickeln und zu beschließen. Die Landesregierung will Projekte, die regional abgestimmt sind. Schon deswegen muss die Region enger zusammenrücken.

„Manche Betriebe sind bürokratischer als wir, auch wenn sie was anderes behaupten“

Für viele Unternehmer arbeitet die Verwaltung ineffektiv. Wie wollen Sie Bürokratie abbauen? Wie können die Unternehmen noch schneller und serviceorientierter von der Stadt bedient werden?

Die Verwaltung ist nicht nur für Unternehmen da. Aber natürlich versuchen wir auch, unser Angebot für Unternehmen zu verbessern. Das Büro, das ich als Ansprechstelle einrichten werde, wird Verbesserungen schaffen. Im Übrigen bin ich kein Freund von Bürokratie und fordere meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ständig auf, weniger zu schreiben, mehr zu telefonieren und die Vorgänge schlank zu halten. Leider wird nicht registriert, dass diese Verwaltung bei gedeckelten Personalkosten und ständig zunehmenden Aufgaben jetzt deutlich mehr zu leisten hat als früher. Trotzdem bemühen wir uns, als Dienstleistungsunternehmen auf die Wünsche unserer Kunden einzugehen. Übrigens: Manche Betriebe sind bürokratischer als wir, auch wenn sie was anderes behaupten.

Göttingen bezeichnet sich als „Stadt, die Wissen schafft“. Die Verbindung zwischen Stadt und Universität könnte jedoch deutlich besser sein. Wie wollen Sie dieses „Nebeneinander“

konkret verändern?

Dies von Ihnen bezeichnete Nebeneinander kann ich so nicht wahrnehmen. Ich gebe Ihnen recht, dass die Zusammenarbeit und das Gespräch miteinander noch deutlich intensiviert werden muss. Aber eine Abstimmung in zentralen Fragen hat es auch in den vergangenen Jahren schon gegeben – dies ist mir übrigens in meinen vielen Gesprächen mit Vertretern aus der Wissenschaft und den Hochschulen immer wieder bestätigt worden. Wichtig ist zukünftig allerdings, dass die Stadt stärker und nachdrücklicher die Interessen der Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen in Absprache mit ihnen vertritt und mit eigenem Handeln verfolgt. Dazu sind wir auf einem guten Weg. Ich habe mich intensiv für den Ausbau der Studienplätze in Göttingen eingesetzt und die Weichen für die Beteiligung der Stadt an einem aktiven Marketing für den Studienort Göttingen zusammen mit allen Hochschulen gestellt.

Altes Stadtbad, Nikolaiviertel etc. – welche Pläne haben Sie für die Innenstadt?

Wir haben ein Sanierungskonzept für das Nikolaikirchviertel, das die erhaltenswerte Bausubstanz berücksichtigt, die Kleinteiligkeit der vorhandenen Bebauung aufnimmt, die Situation am

Nikolaikirchhof bewahrt und dennoch attraktive Ladenflächen ermöglicht. Dieses Konzept hat auf der Expo Real viele Interessenten gefunden. Auf dem Stadtbadgelände wird sich in 2007 hoffentlich etwas tun. Kein ECE, aber ein erster Bauabschnitt, der eine attraktive Wegeverbindung über den Leinekanal Richtung Waageplatz sowie Gastronomie in der alten Mühle bzw. an und über dem Leinekanal vorsieht. Parallel dazu wird die Firma New Yorker das Sparkassengebäude attraktiv umbauen und die Stadt die Situation im Stumpfebiel verbessern.

Dies wird zusätzliche Kundenströme in die nördliche Fußgängerzone ziehen.

Die Stadt Göttingen will die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Wie soll die Stadt familienfreundlicher werden?

Göttingen ist schon sehr familienfreundlich. Wir liegen im bundesweiten Vergleich, bezogen auf Krippen-, Hort- und Kitaplätze, schon sehr weit vorn. Was wir zusätzlich benötigen, sind noch weitere Krippenplätze und noch variablere Öffnungszeiten. Ich wünsche mir zusätzliche Betriebskindergärten und vor allen Dingen Ganztagsschulen. Daran werden wir in 2007 arbeiten. Deutschland ist das einzige Land, das es sich leistet, mittags seine Schulen zu schließen und die Schülerinnen und Schüler auf die Straße zu stellen. Außerdem brauchen wir familienfreundliche, also bezahlbare Baulandpreise, um die Abwanderung junger Familien aufs Land zu verhindern. Insgesamt brauchen wir ein Klima in der Stadt, das erkennen lässt, dass Kinder hier willkommen sind. Daran müssen wir alle arbeiten, und dann profitieren wir auch alle davon.

Zur Person:

Seit dem 1. November 2006 ist Wolfgang Meyer (SPD) Oberbürgermeister der Stadt Göttingen. Der Jurist war seit 1991 bereits als Stadtrat und Rechts- und Ordnungsdezernent für die Stadt tätig und u.a. auch für die Aufgabenbereiche Schule und Umwelt zuständig.