Hochsitze made in Uslar

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Einfach, aber genial. Das ist das Rezept für gute Erfindungen. So war es auch bei Sören Mützky und seinem mobilen Hochsitz.

Vielen Menschen ist Uslar bislang nur aufgrund seiner Bierbraukunst ein Begriff.

Nun hat der Ort am Solling ein ganz anderes Produkt zu bieten, das sich – zumindest in Jägerkreisen – über die Grenzen der Region hinaus großer Beliebtheit erfreut.

Für den Laien kommt es auf den ersten Blick ganz unscheinbar daher: eine Trittleiter aus Holz, obendrauf ein Sitz und rundherum Armlehnen.

Für passionierte Jäger stellt die ‚klappund tragbare Ansitzleiter‘ aber eine bahnbrechende Erfindung dar, wie Entwickler Sören Mützky erklärt: „Man kann auf der Leiter stehen und sich um volle 360 Grad drehen. Das Schussfeld ist auf keine Weise eingeschränkt.“

Das macht den Jäger vor allem bei sogenannten Drück- bzw. Treibjagden, bei denen das Wild beispielsweise durch Hunde aufgescheucht wird, äußerst mobil. Auf einem Hochsitz dagegen sitzt man – wie der Name schon sagt – und kann meistens nur durch ein schmales Fenster zielen.

Seinem Besitzer verleiht das Produkt aber auch noch auf andere Weise Mobilität. So kann man die knapp 40 Kilo schwere Leiter einfach zusammenklappen und ohne fremde Hilfe irgendwo anders positionieren.

„Wenn ich zum Beispiel merke, das Wild hält sich schwerpunktmäßig an einem anderen Teil meines Reviers auf als im letzten Jahr, kann ich meine Ansitzleiter einfach versetzen und sie im Handumdrehen aufbauen“, erklärt Mützky.

Der 40-Jährige ist selbst Jäger und hat gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Peter Nolte die Marke ‚Hochsitz 24‘ gegründet, um das bei seiner Einführung in Deutschland einmalige Produkt zu vertreiben.

Beide betreiben bereits seit 1995 den Baustoffhandel Euru-Tex GmbH, dem auch die Marke ‚Hochsitz 24‘ zunächst angeschlossen war, ehe Mützky und Nolte die Euru-Tex GmbH & CoKG eigens für ‚Hochsitz 24‘ gegründet haben. Auf die Idee für seine Erfindung kam Sören Mützky, als er ein neues Revier übernahm und dort wenig brauchbare Hochsitze vorfand.

„Mein Mitarbeiter Thomas Lauhoff, der gelernter Zimmermann ist, und ich haben uns dann an die Umsetzung gemacht“, erzählt er. Als Jagdfreunde die serienreife Ansitzleiter zu sehen bekamen, waren sie hellauf begeistert.

Auch bundesweit wurde der mobile Hochsitz schnell zu einem Renner, nachdem ihn Mützky und seine Mitstreiter auf einem kleinen Stand bei Europas größter Jagdmesse, der ‚Jagd & Hund‘, im Jahr 2008 präsentiert hatten.

Das zweite Standbein

Der Erfolg der Leitern zeigte den Männern aus dem Solling, dass es offenbar einen Markt für Jagdeinrichtungen gibt. „Wir haben uns gedacht, wer Leitern braucht, der braucht auch Kanzeln“, erklärt Mützky die Erweiterung des Sortiments um diese klassischen Hochsitze.

Heute bietet der Betrieb Jagdeinrichtungen in allen Größen und Formen an. Zehn Beschäftigte arbeiten während der Hochsaison an sechs Tagen 12 bis 14 Stunden, um die Nachfrage der Kunden zu befriedigen.

Die ist seit Geschäftsgründung ungebrochen hoch: So verließen alleine im Jahr 2011 etwa 3.000 Leitern die Lager- und Fertigungshalle im Industriegebiet Uslar-Ost. Zu den Kunden gehören vor allem Forstämter und gut betuchte Privatleute bis hin zu Adligen, die sich nicht selbst die Finger beim Bau von Hochsitzen schmutzig machen wollen.

„Jagen ist ein Hobby, bei dem Prestige eine große Rolle spielt“, sagt Mützky. Da gehe es auch darum zu zeigen, wer den besten und schönsten Hochsitz hat. Aber auch einfache Jägersmänner, die sich den Stress beim Bau ersparen wollen, sind immer öfter bereit, etwa 150 Euro für die Leiter, zwischen 700 für einen Standardhochsitz und 1.700 Euro für ein Luxusmodell inklusive Schlafplatz auszugeben.

Diese Produkte können sich die Käufer, die inzwischen auch aus Österreich, Belgien, Luxemburg oder Frankreich stammen, dann entweder per Spedition direkt vor die Haustür bzw. ans Revier liefern lassen oder selbst in einem der insgesamt sieben Abhollager im Bundesgebiet besorgen.

Diese werden von eigenständigen Firmen betrieben, an deren Spitze jeweils Jäger stehen.

Auch wenn ein Teil der Kunden übers Internet auf die Hochsitzhersteller aus Uslar stößt, einen reinen Online-Handel kann sich Sören Mützky nicht vorstellen: „Dafür ist unsere Klientel zu sehr auf persönlichen Kontakt bedacht.Viele wollen einfach wissen, wo ihre Hochsitze herkommen und schauen vor dem Kauf persönlich bei uns oder unseren Partnern vorbei.“

Darüber hinaus werden zahlreiche Interessenten letztlich über Mundpropaganda geworben.

Weltweiter Vertrieb

So war es auch im Fall des bisher am weitesten entfernten Abnehmers. „Eines Tages meldete sich ein deutscher Auswanderer aus Kanada bei uns, der sich für unsere Leitern interessierte“, erzählt Mützky.

Dieser hatte bei einem Bekannten den mobilen Hochsitz gesehen und erachtete ihn als ideal für die Bärenjagd.

„Sie müssen sich vorstellen, in Kanada sind die Jagdreviere riesig. Um herauszufinden, wo sich die Bären gerade aufhalten, wird Fleisch ausgelegt und dann geschaut, wo es gefressen wurde.“ Wenn der Aufenthaltsort bekannt ist, baue man provisorisch Sitze in die Bäume, bei denen aber wiederum das Schussfeld eingeschränkt sei.

„Unsere mobile Ansitzleiter ist daher perfekt geeignet, dieses Problem zu beheben“, sagt Mützky begeistert. Dass die Frachtkosten den Preis der Leiter deutlich überstiegen, war dem ursprünglich aus Bremen stammenden Immobilienmakler in Kanada egal.

Insgesamt ist der Kundenkreis mittlerweile so groß geworden, dass das Unternehmen zum „Marktführer bei hochwertigen Hochsitzen“ aufgestiegen ist, erklärt Sören Mützky.

Damit spielt der Geschäftsführer auf die Qualität seiner Produkte an, die komplett in Handarbeit gefertigt werden.

Auch das Holz stammt ausschließlich aus Deutschland – zum Teil sogar direkt aus dem Solling –, im Gegensatz zu einigen Konkurrenten, die sich mit Billighölzern aus Osteuropa eindecken.

Dabei war ‚Hochsitz 24‘ der erste Hersteller für Jagdeinrichtungen, der diese mit dem KFW-Prüfzeichen hat zertifizieren lassen. Das Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik e.V. (KWF) ist quasi der TÜV der Forstwirtschaft.

Die Konkurrenz hat in Sachen Zertifizierung inzwischen nachgezogen, genauso wie es immer mehr Anbieter für Jagdeinrichtungen und insbesondere für das Kernprodukt ‚tragbare Ansitzleiter‘ gibt. Auf dem „hart umkämpften Markt“, so Sören Mützky, versuche sich der südniedersächsische Betrieb vor allem durch Innovationen zu behaupten: „Wir entwickeln unsere Hochsitze ständig weiter.“

So hat ‚Hochsitz 24‘ als erster Jagdeinrichter eine ‚Kanzel‘ mit abnehmbarer Wand auf den Markt gebracht, die geöffnet das Schussfeld vergrößert oder geschlossen für Windschutz sorgt.

Bei Neuentwicklungen kommt es Mützky entgegen, dass er sein Hobby zum Beruf gemacht hat und in der Praxis stets auf neue Anregungen stößt: „Ich sage mir, wenn ich ein bestimmtes Problem habe, haben es vielleicht auch andere und können mit meiner Lösung etwas anfangen.“

Die neuste Erfindung aus dem Solling

Die neueste Erfindung aus dem Hause ‚Hochsitz 24‘ ist zugleich die Extravaganteste: eine fahrbare Jagdhütte inklusive Kaminofen, Gasheizung, Toilette, Küche, Doppelstockbetten, Waffenschrank und isolierten Fenstern wie in einem Wohnhaus.

„Der Gedanke, der dahinter steckt“, erklärt Sören Mützky, „ist der Traum eines jeden Jägers: sein Revier direkt vor der Haustür zu haben.“ Das sei aber selten gegeben, weil gute Jagdgebiete einen hohen Waldanteil haben und daher meist weit außerhalb der Wohnorte liegen.

Außerdem werde der Bau von Jagdhütten im eigenen Revier kaum noch genehmigt. „Da unsere Hütte aber mobil ist und deshalb nicht unter das Baurecht fällt, kann man sie problemlos ins Revier stellen und wieder wegfahren.“

Bei all diesem Komfort bleibt einem nur noch übrig, ‚Waidmanns Heil‘ zu wünschen!