©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Lea van der Pütten

Evelyn Koberstein absolviert eine Ausbildung zur Hebamme – zu einem Beruf mit vielen Emotionen und Facetten.

Der Blick in den Unterrichtsraum der Hebammenschule an der Universitätsmedizin Göttingen enthüllt ein seltsames Bild. Eine Reihe junger Frauen mit Puppen auf dem Arm wiegen diese sacht hin und her. Gleichzeitig herrscht eine angespannte Unruhe im Raum – bald ist Pause. Die Puppen werden zur Seite gelegt und plaudernd verlassen kleine Grüppchen nach und nach das Zimmer.

„Wir haben gerade Notfälle während der Geburt ,geschauspielert‘“, erklärt Evelyn Koberstein. „Die Lehrer haben die schwangeren Frauen gespielt, und wir mussten herausfinden, um welchen Notfall es sich handelt.“ Das klingt erstmal komisch, gehört jedoch genauso zu der dreijährigen Ausbildung zur Hebamme wie reale Einsätze – unter anderem auch bei freiberuflichen Hebammen – im Krankenhaus, im Geburtshaus oder in der Praxis.

Evelyn befindet sich jetzt in ihrem dritten Lehrjahr. Zuvor hat die 25-Jährige bereits eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester absolviert – ein großer Vorteil, wie sie berichtet: „Es ist grundsätzlich einfacher, wenn man schon Vorkenntnisse mitbringt“, erzählt sie. Und auch wenn einige ihrer Kolleginnen direkt aus der Schule kommen – die meisten von ihnen haben zuvor bereits Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt, zum Beispiel in einem Praktikum oder einem Freiwilligen Sozialen Jahr.

Auch Evelyn erschien es zunächst einfacher, vor allem aber sicherer, einen Ausbildungsplatz als Krankenschwester zu suchen. Diese Denkweise sei nicht unüblich. Ihrer Meinung nach gehe die Gesellschaft bis heute nicht offen genug mit dem Thema Schwangerschaft und Geburt um. „Und deswegen wird auch zu wenig über den Beruf der Hebamme gesprochen“, erklärt Evelyn. „Das hat letzten Endes natürlich auch zu dem jetzigen Fachkräftemangel in diesem Bereich führt.“

Evelyn war während ihrer ersten Ausbildung bereits in der Geburtshilfe eingesetzt und merkte schnell, in welche Richtung ihr Weg tatsächlich einmal gehen soll. Ihren Entschluss zu einer zweiten Ausbildung hat sie bislang nicht bereut. Natürlich sei diese mit 3.000 praktischen und 1.600 theoretischen Stunden im Blockunterricht bereits jetzt ziemlich anstrengend und zeitintensiv – und auch nach ihrem Abschluss müsse man als Hebamme viel Zeit investieren und immer abrufbereit sein. Aber gleichzeitig biete ihr dieser Job später auch die Möglichkeit, freiberuflich zu arbeiten, was Evelyn als großen Vorteil erachtet.

Mittlerweile betreut die angehende Hebamme die schwangeren Frauen bereits weitestgehend selbstständig. Das fängt bei der Geburtsvorbereitung und Beratung an, geht über die Geburt selbst bis hin zur anschließenden Versorgung und Nachsorge von Mutter und Kind.

Das sah in ihrem ersten Lehrjahr noch ganz anders aus. Zunächst lernte Evelyn die Praxis vor allem durch Zuschauen kennen. Unter Anleitung betreute sie nach und nach die Frauen auch selbst. Im zweiten Lehrjahr durfte sie dann bereits bei den ersten Geburten mithelfen. Gleichzeitig lernte sie, Anamnesen zu schreiben, beim Kind Herz-Lungen-Kontrollen durchzuführen und Auffälligkeiten wahrzunehmen. Außerdem musste Evelyn auch selbst an einem Kurs zur Geburtsvorbereitung teilnehmen und Kurspläne erstellen.

Teil des dritten Lehrjahres war ein Externat, indem sie vier Wochen bei externen Hebammen arbeitete. Evelyn entschied sich dabei für das Geburtshaus Rundfrau in Leipzig. „Es war etwas ganz anderes als bei uns in der klinischen Geburtshilfe. Die Kinder werden dort auf ganz natürliche Weise ohne viel Intervention geboren“, berichtet sie. Eine Mischung aus dieser Art und der klinischen Geburtshilfe kann sich Evelyn für ihr späteres Berufsleben gut vorstellen.

Überhaupt hat Evelyn ein sehr klares und realistisches Bild von ihrem Job. Denn wenn ein Kind bei der Geburt stirbt oder mit einer schweren Krankheit zur Welt kommt, bringt das natürlich auch mal traurige Momente mit sich. Dann ist es einerseits sehr wichtig, darüber zu sprechen, andererseits ist aber auch ein gesunder Ausgleich in der Freizeit essenziell. „Man sollte in der Lage sein, hin und wieder eine emotionale Distanz aufzubauen, und versuchen, die Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen“, erklärt Evelyn. „Und trotzdem ist es wichtig, immer empathisch zu bleiben und einen Weg zu finden, die Frauen und die Familie bestmöglich zu begleiten.“

Die traurigen Momente stellen glücklicherweise in der Regel eine Ausnahme dar. „Jede Geburt ist schön mitzuerleben und immer anders“, erzählt Evelyn schwärmend. Deshalb sei es notwendig, sich auf neue Situationen einstellen zu können, denn jedes Paar funktioniere dabei anders zusammen. Zudem machen sich auch vermehrt kulturelle Unterschiede bei der Geburt bemerkbar. Mittlerweile betreut Evelyn viele Flüchtlingsfrauen. „Da müssen wir teilwiese mit Händen und Füßen erklären, was gerade passiert“, beschreibt sie. Das kann manchmal anstrengend sein, gerade wenn es sich um sehr junge Frauen handelt, die ihr erstes Kind in einer fremden Umgebung bekommen. „Wenn man jedoch sieht, wie glücklich und dankbar sie hinterher sind“, sagt Evelyn, „ist das einfach ein tolles Gefühl, das für alle Anstrengungen entschädigt.“

Ausbildungsgehalt

1. Lehrjahr: 950 – 1.000 Euro
2. Lehrjahr: 1.000 – 1.050 Euro
3. Lehrjahr: 1.100 – 1.150 Euro
Einstiegsgehalt: 2.000 – 2.300 Euro (brutto)