Hautsache: innere Werte

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Text von: Christian Vogelbein

Die Haut des Menschen lässt nichts durch und lässt doch tief in den Körper blicken.

Hätten Sie gewusst, welches das größte menschliche Organ ist? Herz, Leber, Lunge? Alles falsch. Es ist tatsächlich die Haut. Und sie ist gleichzeitig eines der vielseitigsten und wichtigsten Organe. Wenn wir einem Menschen ins Gesicht blicken, dann fallen uns zunächst seine wunder samen Augen auf, die wohlgeformte Nase und die runden Lippen. Die roten Wangen, das weiche Haar und die Grübchen sorgen für Verzückung. Und doch ist es letztlich die Haut, die den Körper überdeckt und durch ihre Form das Gesamtbild schafft, das wir sehen. Kein Bestandteil des Körpers ist so groß und so komplex und gleichzeitig so wichtig und kleinteilig wie sie.

Von jeder Schicht und jeder Zelle bis hin zur Schramme oder zu einem Ausschlag: Während der Blick in die Augen bereits einiges über den Menschen verrät, ist es in Wahrheit die Haut, die wirklich in die Seele blicken lässt. Denn obwohl sie für Wasser und Bakterien undurchlässig ist, macht sie den Körper für den geübten Betrachter durchsichtig. Krankheiten lassen sich an der Oberfläche ebenso gut ablesen wie Gefühlszustände – und manchmal sogar das Wetter.

Die Haut ist die letzte Grenze nach draußen. Wie eine Mauer aus Zellen, Haaren, Schweiß und Bakterien schützt sie die empfindlichen inneren Prozesse des menschlichen Lebens vor der harten
Außenwelt. Und obwohl sie all das abriegelt, was den Menschen erst lebendig macht, ist sie Tür und Tor für die einzigen Wege rein und raus. Wird es im Inneren zu eng, ist die Haut das Erste, was nachgibt. Bei Schwangeren beispielsweise dehnt sich die Haut am Bauch um ein Vielfaches – nur um sich innerhalb kürzester Zeit wieder zurückzubilden.Wird es im Inneren zu warm, trägt sie über das kilometerlange Blutnetzwerk die Hitze nach außen und sorgt dank Schweißdrüsen und feiner verdampfender Wasserschichten für ausreichend Abkühlung.

Wird es im Inneren zu voll, hilft die Haut dabei, Schadstoffe aus dem Körper – oder aus sich selbst – herauszutragen. Wunden werden durch körpereigene Funktionen gereinigt und Bakterien abgewehrt. Doch die Haut kann sehr viel mehr als nur schwitzen und bluten. Nicht nur Mund und Hände helfen bei der Kommunikation, nein, Hautfarbe und Form sagen viel über den Gemütszustand aus und machen oft den feinen Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit aus. Die Haut ist für viele das größte Sexualorgan: Erst ihre Offenheit sorgt für Erregung. Sanftes Streicheln oder druckvolle Massagen führen zum Höhepunkt. Die Haut umschließt nicht nur den Körper, sondern öffnet den Geist für alle sinnlichen Eindrücke: Hitze, Kälte, Druck, Wind, Streicheleinheiten, Liebe, Hass, Gewalt und Freude. Gänsehaut schützt bei Kälte und macht die Oberfläche für kurze Zeit noch stärker. Schwellungen wehren gefährliche Einflüsse ab, und Schweiß kann noch viel mehr als nur stinken.

Die Haut funktioniert fast wie das Großraumbüro eines DAX-­Konzerns: Sie ist genauso gut organisiert und über mehrere Stockwerke verteilt. Bis zu vier Millimeter dick, zehn Kilogramm schwer und fast zwei Quadratmeter groß. Aber die Magie steckt zwischen den Zellen – oder Schichten. Im Grunde macht es sich die Wissenschaft bei der Benennung der Hautschichten ziemlich einfach. Die äußere Schicht ist die Oberhaut, die Mittel schicht nennt der Experte Lederhaut, und zum Schluss kommt die Unterhaut. Jede dieser drei Schichten übernimmt dabei ganz eigene Aufgaben. Doch erst das Zusammenspiel macht die Haut als Ganzes so enorm wichtig.

Die Oberhaut bildet den äußeren Schutzschild der Haut und damit des menschlichen Körpers. Sie ist vor allem eines: robust. Und das mit einer Dicke von gerade einmal 0,05 Millimetern. An Hand und Fuß ist sie dicker – und heißt dann Hornhaut. Neben der eigentlichen Hornschicht verteilen sich auf den wenigen Bruchteilen von Millimetern zusätzlich noch die Glanz-­, die Körnerzell-­, die Stachelzell­- und die Basalschicht.

Die Lederhaut ist der interessanteste Teil der Haut – und der größte. Denn in dieser Schicht passieren die meisten Dinge. Talgdrüsen, Haarwurzeln, Schweißdrüsen oder Berührungsrezeptoren – sie alle stecken vor allem in der Lederhaut. Sie versorgt zudem den wesentlichen Teil der Haut über feine Blutgefäße mit Nährstoffen. Wenn es blutet, dann zuerst hier.
Die Unterhaut Blutgefäße, Fettzellen – die Unterhaut ist das Grundgerüst der Haut. Sie bildet die Basis für die darüberliegenden Schichten und enthält die wesentlichen Versorgungsbahnen und Nervenzellen für das Druckempfinden. Genau wie die Lederhaut besteht sie hauptsächlich aus Bindegewebe. Also das, was im Fitnessstudio so schön flattert und mit aller Gewalt fest werden soll.

Apropos Gewalt. Kriege auf der Welt werden leider allzu oft allein wegen unterschiedlichen Hautfarben geführt. Aber warum gibt es sie eigentlich, diese Unterschiede? Genetische Vielfalt, na klar. Aber es steckt noch viel mehr dahinter. ,Schuld‘ an der Farbe ist immer die Pigmentierung. Das Stichwort in diesem Fall ist Melanin, der Hautfarbstoff – seine Menge ist
abhängig von der genetischen Veranlagung. Hinzu kommt, dass auch die Sonne, oder zumindest die UV­Strahlung, einen wesentlichen Anteil an der Bildung von Melanin hat. Am Ende ist es aber vor allem die genetische Bestimmung, und deshalb spielt die ethnische Herkunft und die damit verbundene evolutionäre Entwicklung eine maßgebende Rolle. Vorteil: Je dunkler die Haut, desto größer der Schutz vor zu viel UV­Strahlung. Gleichzeitig erreicht das Licht tiefliegende Schichten schlechter, denn die Pigmente liegen ausschließlich in den oberen Hautschichten.

Mückenstich, Allergie oder Schnittwunde – die Haut steht an vorderster Front und schützt den Körper vor äußeren Einflüssen aller Art. Doch darin, wie sie dies macht, liegt die wahre Magie. Denn fast immer regeneriert sie sich auf wundersame Weise. Damit diese Abwehr und der Wider stand gelingen, ist insbesondere die Hautoberfläche eine sehr lebendige Landschaft. Spezielle Abwehrzellen, auch Langerhans Zellen genannt, sind die Polizei der Oberhaut und suchen ständig nach möglichen Eindringlingen – Bakterien, Viren, Schmutz – und fressen sie einfach auf. Ein dünner Film aus Fett und Schweiß über der gesamten Fläche erledigt den Rest und bildet eine unsichtbare Schutzschicht. Gelingt es einem Eindringlich dennoch, diese Barriere zu durchbrechen, legt die Haut erst richtig los.

Der Klassiker: der Messerschnitt beim Gemüse schneiden. Den ersten Teil der Wundheilung übernimmt das fließende Blut. Die Wunde wird ausgespült und die Lücke geschlossen. Hautplättchen schließen die Wunde stabil, die Haut schwillt an und bildet unter der Blutkruste neue Hautzellen. Nach drei Tagen ist fast nichts mehr zu sehen. Es sei denn, die Wunde ist zu groß: Dann bildet sich eine Narbe. Hier wird die eigentliche Haut durch eine minderwertige Gewebeschicht ersetzt, weil es schnell gehen muss. Die verschiedenen Hautfasern sind dann nicht mehr komplex miteinander verwoben, sondern liegen nur parallel zusammen. Auch Talg­ oder Schweißdrüsen fehlen. Das Motto lautet: Hauptsache geschlossen. Ähnlich ist es mit Blasen nach Brandwunden oder zu viel Reibung. Hier bildet der Körper über der Verletzung eine mit Flüssigkeit gefüllte Zwischenschicht. Darunter beginnt bereits die Heilung.

Interessant wird es, wenn die Haut anders ist, als sie es eigentlich vorhat. Pickel, Leberflecken, Muttermale. Leberflecken beispielsweise sind – und ja, das klingt ziemlich hart – nichts anderes als gutartige Wucherungen von farbigen Zellen der Haut, zumindest in der Regel. Es besteht allerdings immer auch ein latentes Risiko, dass hinter einem Leberfleck etwas sehr viel Ernsteres steckt als bloß ein charakterbildender Hautpunkt. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Leberflecken immer genau zu betrachten. Je nach Form oder Größe sollte auch mal ein Arzt drauf schauen.

Übrigens: Das Wort Muttermal stammt aus dem 16. Jahrhundert. Damals dachte man, dass die Hautveränderungen auf die unbefriedigten Gelüste zurückzuführen sind, die die Mutter während der Schwangerschaft hatte. Für jedes einzelne Begehren gab es ein, genau: Muttermal.Das Alter eines Menschen lässt sich am ehesten an seiner Haut erkennen. Denn kein anderes Organ verändert sich über die Jahre und Jahrzehnte so offensichtlich. Falten sind dabei nur das auffälligste Anzeichen. Die Haut eines Erwachsenen ist fast fünfmal so dick wie die eines Babys. Die oberste Schicht der Haut erneuert sich etwa monatlich komplett.

Schon ab dem 25. Lebensjahr beginnt die Haut zu altern. Zwar nicht für das bloße Auge erkennbar, aber zumindest biologisch nachweisbar. Hauptschuld am Alterungsprozess hat – neben den genetischen Grundeigenschaften des Hautstoffwechsels – vor allem UV-­Licht. Also die Sonne. Mit der Zeit werden die Hautfasern bis zur Lederhaut geschädigt und die Straffheit nachhaltig beeinflusst. Entscheidend ist jedoch der genetische Plan der Haut. Dieser lässt sich bisher weder aufhalten noch beeinflussen. Irgendwann lassen die Fasern des Bindegewebes einfach nach: Kollagen und Elastin. Je älter der Mensch, desto langsamer findet eine Erneuerung der Zellen statt. Das Fettgewebe wird dünner, und der Wassergehalt der Haut nimmt ab. Die Folge: trockene Haut, tiefe Falten und Runzeln. Die Oberhaut wird dünner, und die darunterlegenden Blutgefäße werden deutlicher sichtbar. Immerhin: Ein faltiges Gesicht zeugt auch von Charakter und Erfahrung. Ob das aber aufmuntert?