©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Südniedersachsen hat sein eigenes ‚Silicon Valley‘ – im beschaulichen Straßendorf Osterode-Lerbach werden Silikone und Gummi produziert, die weltweit Leben retten. faktor begleitet Sven Vogt durchs Werk bei KKT Frölich. Der geschäftsführenden Gesellschafter des Chemieunternehmens gibt Einblicke in seine Erfolgsrezepte und erzählt von seiner Mission, den Nachwuchs im Harz zu fördern.

An einem kühlen Wintermorgen von Göttingen aus in den Harz zu fahren, ist schon ein besonderes Erlebnis. Die Natur zeigt sich in ihrer schönsten Pracht. Zwischen den Bäumen steigt der Nebel empor und scheint sagenhafte Gestalten uralter Mythen zum Leben zu erwecken. Eine asphaltierte Straße, kalt und nass, schlängelt sich die Berge hinauf. Die ‚echten‘ Oberharzer  Autofahrer wissen genau, wie sie die kurvenreiche Strecke zu fahren haben und wann sie zum Überholen ansetzen müssen. Nichts für Flachlandfahrer und Dauerbremser. Wohl dem, der bei extremen Witterungsverhältnissen die richtige Bereifung hat und sich auf optimale Bodenhaftung verlassen kann.

„Hatten Sie eine gute Fahrt hierher?“, begrüßt uns Sven Vogt wissend. Er ist der geschäftsführende Gesellschafter von KKT Frölich, einem mittelständischen Unternehmen, das unter anderem die Gummimischungen für Continental-Autoreifen produziert und mittlerweilebereits seit 20 Jahren auf seinem Posten. Als der promovierte Diplomkaufmann hier einstieg, war er gerade einmal 27 Jahre alt, hatte sein Studium in Berlin beendet und als Werkstudent bei BMW, VW und Audi gearbeitet. Seine Entscheidung, eine Firma im Harz zu übernehmen, fiel im Jahr 1999. Als Vogt kam, hieß das Unternehmen allerdings noch ‚Ernst Frölich Gummiwerke‘ und war mit sieben Millionen DM verschuldet. Nachdem ein Übernahmeplan durch eine andere Firma scheiterte, entschied sich Vogt, selbst in die Bresche zu springen.

Zusammen mit dem zweiten Geschäftsführer vom oberfränkischen Standort Pressig, Andreas Sandner, übernahm er den maroden Betrieb. „Ich hatte damals noch keine Familie und habe mir nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, so viele Schulden zu übernehmen“, erzählt er gelassen. Denn KKT Frölich geht es heute wirtschaftlich sehr gut – und ihm persönlich auch. „Wenn meine frühere Chemielehrerin wüsste, dass ich heute ein Chemieunternehmen leite …“ Der 47-Jährige lacht herzlich bei der Erinnerung an seine Schulzeit. „Chemie war nie meine Stärke“, sagt der gebürtige Sachsen-Anhalter. Seine Abiturzeit fiel genau in die Wende. Eine Umbruchzeit, in der viele Jugendliche damals recht orientierungslos waren, weil die traditionellen Berufswege über Nacht verschwanden. „Man studierte Medizin, Jura oder eben BWL – so wie ich.“

KKT Frölich in Lerbach, einem Ortsteil von Osterode am Harz, ist eines von neun Werken der KKT Holding GmbH. Dazu gehören drei weitere Werke in Deutschland: Elastica – ebenfalls in Lerbach –, KKT Pressig in Oberfranken und Norsystec in der Nähe von Nordhausen. Jeder einzelne Unternehmensstandort hat sich auf eine spezielle Produktpalette ausgerichtet, ist autark und zugleich in der Gesamtproduktion vernetzt. Mit Standorten in den USA, Mexiko, Tunesien, Rumänien und China hat das Unternehmen in den letzten zehn Jahren ein weltweites Netzwerk aufgebaut. Es gehört zum strategischen Ziel der KKT-Gruppe, sich am Markt sehr breit aufzustellen. „70 bis 80 Prozent der Wertschöpfung kommt dabei allein aus unseren eigenen Produktionsstätten – mit steigender Tendenz“, erklärt der Geschäftsführer, und ein wenig Stolz schwingt mit. Der Gesamtumsatz der Holding lag im Jahr 2018 bei ca. 60 Millionen Euro und wird in 2019 voraussichtlich ca. 65 Millionen Euro betragen. Als Vogt 1999 den Betrieb übernahm, lag der Umsatz gerade einmal bei 16 Millionen Euro.

„Wir versuchen dennoch, dem hohen Anspruch eines Familienunternehmens gerecht zu werden und ihn zu leben“, sagt Sven Vogt, der bis vor zehn Jahren nicht nur die Namen aller  Angestellten, sondern auch die Namen von deren Kindern kannte. Am Standort Osterode mit rund 250 Mitarbeitern gelinge ihm das auch heute noch ganz gut, sagt er, aber bei 700 Mitarbeitern weltweit kann er dies natürlich nicht mehr durchhalten. Trotz Wachstum will KKT von seinem Selbstverständnis her ein Familienunternehmen bleiben, auch in Zukunft.

Die Frage, was die KKT Gruppe nun eigentlich produziere, ist jedoch nicht in einem Satz zu beantworten. Gummi und Silikon, das können sie. ,Elastomerbauteile aus Gummi und Silikon‘ kennen es die Fachleute vor Ort. Aber auch Verbundteile wie ca. drei Millionen Umlenkhebel pro Jahr für alle Marken des VW-Konzerns und ebenso die gesamte Schaltabdeckung des Golf GTI
mit Golfballoptik. Kein Flugzeug von Airbus fliegt ohne KKT-Dichtungen. Und auch wenn es mal brennt, ist  KKT dabei. Nur zwei Firmen sind in Europa als Zulieferer für Feuerwehrmasken zertifiziert – eine davon ist KKT mit einem Produktionsvolumen von 300.000 Stück pro Jahr. Eine Werksführung durch den Produktionsprozess soll helfen, den Weg vom Naturkautschuk zur Feuerwehrmaske zu verstehen: Keimzelle ist die Elastica GmbH, die 2008 aus der KKT Frölich heraus gegründet wurde. Es sind verschlungene Pfade, die in die Produktion führen. Schmale  Wege hinauf und hinunter – und spätestens nach der dritten Treppe und dem fünften Gang gibt der Orientierungssinn sich geschlagen. Der Ort Lerbach ist ein Straßendorf, das auf der einen Seite von Bergen und auf der anderen Seite vom Lerbach begrenzt wird – und so konnte auch das Werk mit Anbauten und Erweiterungen über Jahre nur in die Länge und Höhe wachsen und nicht in die Breite.

„Die Elastica nennen wir liebevoll auch unsere Hexenküche und Backstube“, erklärt Vogt. Denn hier werden aus Kautschuk, Ruß und 15 und mehr anderen Pülverchen Rezepturen erstellt, die die Grundvoraussetzung für den Erfolg der KKT-Produkte darstellen. Denn Gummi ist nicht gleich Gummi. Das Anforderungsprofil an Gummiteile ist höchst komplex und vielseitig. Eine Feuerwehrmaske darf nicht brennbar sein, muss hohe Temperaturen aushalten und gleichzeitig dynamisch und hautverträglich sein – eine extreme Kombination, wie der Diplomkaufmann betont. Kabel für die Sauerstoffversorgung in der Medizin hingegen müssen flexibel und gleichzeitig so fest sein, dass sie nicht komplett zusammengedrückt werden können, damit, egal was passiert, immer Sauerstoff durch den Schlauch durchkommt – und gleichzeitig müssen die Reinheitsrichtlinien für medizinische Produkte eingehalten werden. Autoreifen müssen Temperaturen von –10 bis +30 Grad Celsius problemlos händeln. Und so weiter und so weiter – eine faszinierende Welt der Kausalitäten öffnet ihre Pforten. Für all das bilden die Rezepturen der ‚Hexenküche‘ die Grundlage. Hier wird eine elastische Grundmasse produziert, die sich dehnen lässt, aber nicht wie das fertige Gummi wieder in ihre ursprüngliche Form zurückfindet. Durch den hohen Anteil an beigemischtem Ruß erinnert das Zwischenprodukt an überdimensionale Lakritzstangen.

Ein fertiges Produkt wie beispielweise Gummieinsätze für Feuerwehrmasken wird die schwarze Masse in einer angrenzenden Werkhalle. Mit einem kurzen Gang über den Hof hinein in die nächste Halle hat man bereits das Unternehmen gewechselt und ist nun bei KKT Frölich. Vulkanisierung heißt hier das Zauberwort, um in der Metapher der Hexenküche zu bleiben. Erst Hitze um 140 bis 160 Grad Celsius bringt alle gewünschten Eigenschaften eines Produkts zusammen und schafft Form und Beständigkeit. „Wir stellen Produkte im High- End-Bereich her, denn mit Standorten in Deutschland braucht man nicht über den Preis zu kommen, da kommt es auf Technologie und Material- und Fertigungskompetenz an. Wir sind Problemlöser für unsere Kunden“, erklärt Vogt selbstbewusst und stolz. KKT zählt bei Atemschutztechnik, Luft- und Raumfahrt, Entkopplungs- und Schaltungsteilen in der Automobilindustrie und bei Steckverbindern auf dem Elektromarkt zu den Top Five in Europa.

Sven Vogt ist ein Mittvierziger, der auf sympathische Weise bescheiden wirkt und gleichzeitig etwas sehr Verbindliches und Zielstrebiges in sich vereint. Er hat eine Mission – so könnte man es nennen. Und diese Mission lautet: „Als Unternehmen haben wir eine gesellschaftliche Aufgabe.“ Mehrmals wiederholt er diesen Satz, und es wird deutlich, wie stark es eine wahre  Herzensangelegenheit für ihn ist, wirtschaftlichen Erfolg zu teilen. Dazu zählt, dass sein Unternehmen hilft, die Region zu stärken und damit eine Zukunft für die Kinder und Jugendlichen in der Harzregion zu schaffen. „Wir Erwachsenen können unser Leben selbst in die Hand nehmen, aber den Kindern müssen wir helfen – in allen Bereichen“, sagt der Geschäftsführer, der seit elf Jahren verheiratet ist und selbst zwei Töchter im Alter von acht und elf Jahren hat.

Gemeinsam mit Rainer Giese vom Versicherungskontor Osterode ist KKT Hauptsponsor der Kinder- SportStiftung Harz. Deren größte Spendenaktion ist gleichzeitig eines der größten Events in Osterode: der Osteroder City BeachCup. So werden jedes Jahr im Sommer auf dem Kornmarkt 350 Tonnen Sand angefahren, und die Innenstadt wird zur Strandzone. „Mit den  Spendengeldern unterstützen wir Kindergärten, Grundschulen und Vereine – seit Neuestem auch mit Erfolg die weiterführenden Schulen wie Realschule und Gymnasium“, erzählt Vogt, und seine Augen beginnen zu strahlen. Ob Stand-up-Paddling, Parkour oder Sportgeräte für die Kleinsten – Sport schaffe einen Gemeinschaftssinn, ein Zugehörigkeitsgefühl und eine Verantwortung füreinander. Dazu gehört für ihn unabdingbar auch die Integration von Kindern aus Migrantenfamilien. „Ich glaube, das Problem ist, dass wir alle falsch damit umgehen. Wir sollten die Integration viel mehr leben, um zu zeigen, dass beispielsweise Familien mit Kindern aus Syrien keine Gefahr sind, sondern eine Chance“, so der zweifache Vater. Und er erzählt, wie  ihm die Tränen kamen, als ein syrischer Freund seiner Tochter berichtete, wie seine Großeltern vor seinen Augen starben. „Und nun erklären Sie diesem Jungen, warum Menschen in Deutschland ihn hassen …“ Ein kurzes Schweigen setzt ein, weil ihm die Worte fehlen. Integration ist ein Thema, das sich im Leben des Sven Vogt auf vielen Ebenen wiederfindet. Er engagiert sich nicht nur als Sponsor, sondern schafft Netzwerke innerhalb der Region zwischen Unternehmen und Lernpatenschaften oder Schulen, ist im Vorstand des MEKOM-Regionalmanagements und sucht auch bei KKT immer wieder nach Möglichkeiten, die Lebenssituationen junger Menschen zu verbessern. „Als ich vor 20 Jahren hier einstieg, haben wir erst einmal angefangen, auszubilden“, erzählt er. „Vorher gab es nur das amerikanische Prinzip des Learning by Doing.“ In diesem Jahr feierten einige aus der ersten Azubi-Generation ihr 20-jähriges Betriebsjubiläum.„Was mich besonders freut: Wir haben inzwischen sogar die ersten KKT-Kinder von Angestellten, die sich im Betrieb kennengelernt haben und nun Familie sind. Diese haben natürlich später einen Arbeitsplatz bei uns sicher“, sagt der Geschäftsführer mit einem Augenzwinkern. Und die Azubis bekommen bei KKT nicht nur das übliche Ausbildungsprogramm, sondern jeder Azubi hat zusätzlich einen Mentor an seiner Seite, der ein Stück weit hilft, sich in der Welt des Erwachsenwerdens zu orientieren. „Ohne ein gutes Team könnten wir nicht erfolgreich sein“, so Vogt. „Wenn der General vorn steht und sagt: ‚Auf in den Kampf!‘ und hinter ihm steht keiner, dann kann er nur die weiße Fahne schwenken.“ Das ist wahr.

Ein Unternehmen mit Zukunfstausrichtung. Aber wie sieht es in Zeiten von Fridays for Future mit Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung aus? Durch den Vulkanisationsprozess bilden sich Molekülketten im Werkstoff, die nicht wieder aufgehoben werden können. Das bedeutet: Gummi bleibt Gummi und kann nicht in einem Recyclingverfahren wieder zu einem neuen Gummiprodukt werden. Dennoch: „In dem Moment, wo wir anfangen, uns zu rechtfertigen, haben wir schon verloren“, sagt Vogt. Was nicht heißen soll, dass sie keine Verantwortung übernehmen. „Unsere Herausforderung für die nächsten Jahre wird lauten: Wie kann ich es erreichen, dass ich die Produkte wiederverwenden kann – dass sie nicht auf dem Schrott landen“, ergänzt er. Denn Gummi mit einer Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren wird derzeit lieber mit anderen Bauteilen zusammen verschrottet, weil es günstiger ist. Ziel von KKT sei es, durch Leichtbau weniger Materialeinsatz zu erreichen, Hohlräume, wo möglich, zu integrieren. Und: Ein großes Projekt sei die umweltschonende Gewinnung von Ruß. Ruß ist ein Abfallprodukt der Benzinherstellung aus Erdöl, soll aber in den kommenden Jahren durch Ruß aus Recyclingpapier ersetzt werden.

Doch es ist leicht, den Finger auf die Industrie zu richten und die Verantwortung von sich als Einzelperson fortzuschieben. „Wir als Menschen sind auch daran beteiligt“, sagt Vogt. „Wir verlangen von einem Produkt eine unwahrscheinlich hohe Qualität und allen Komfort, wollen gleichzeitig aber weniger Plastik.“ Als Beispiel nennt er die E-Mobilität, die von vielen als Heilbringer der Nachhaltigkeit und Energiewende gefeiert wird. Man überlege einmal, wie viele Meter Kabel in einem Elektroauto verbaut werden? Die Isolierung ist aus Gummi. Strom, WLAN, Autoreifen – auf welchen Luxus wollen  wir verzichten? CO2 und Abrieb auf den Straßen entsteht vor allem durch das Bremsen und Anfahren. Also lautet nicht die dringende Frage, wie sich Infrastrukturen so steuern lassen, dass der Verkehr fließender wird? Vogt wirft viele Fragen auf, die uns in der Zukunft noch oft begegnen werden.

Und wie sieht es mit seinen Zukunftszielen für KKT aus? „Wir wollen unsere Kompetenz im Automobil- Bereich und im Industriesektor noch weiter ausbauen. Aber es ist eher ein langsames und gezieltes Wachstum, das wir anstreben. Und hier am Standort sind wir baulich an unserer Grenze angelangt“, sagt er. Und schließlich habe er auch noch eine Familie, die ihm sehr wichtig sei. Seine Töchter aufwachsen zu sehen und seinem Hobby, dem Skifahren, nachzugehen – und nicht zu vergessen: Zeit mit seiner Frau zu verbringen. „Ohne sie wäre vieles nicht möglich. Sie ist das Rückgrat unserer Familie und nimmt als Syndikusrechtsanwältin eine wichtige Funktion im Unternehmen wahr“, sagt der Ehemann. Nach vielen anstrengenden Jahren, in denen er das Unternehmen aus den roten in die schwarzen Zahlen geführt hat, genießt er den Freiraum, den er sich inzwischen etwas mehr leisten kann. „Ich würde, wenn ich heute KKT noch einmal übernehmen würde, vieles anders machen. Aber ich würde es immer wieder tun. Dass ich meine eigene Unternehmensphilosophie leben kann, das ist einmalig.“