Harzer Druckplatten haben Zukunft

© Kodak Graphic Communications GmbH
Text von: Noreen Hirschfeld

Kodak liefert von Osterode aus Offsetdruckplatten in die ganze Welt und ist trotz Insolvenzverfahrens des Mutterkonzerns optimistisch.

Die Fotowelt blickt zurzeit gebannt auf die Eastman Kodak Company, die mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie in eine Krise schlitterte. Mitte Januar beantragte der einstige Weltmarktriese für Produkte der analogen Fotografie in den USA Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts. Die deutschen Tochterfirmen blieben bisher verschont. So schaut auch Kodak Graphic Communications in Osterode am Harz – mit 550 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber vor Ort – optimistisch in die Zukunft.

„Kodak und das Druckplattengeschäft sind eine Erfolgsgeschichte“, stellt Erwin Schwarzl, Geschäftsführer der Kodak GmbH in Stuttgart, heraus. „In Osterode haben wir unsere größte Produktionsstätte für Offsetdruckplatten. Rund zehn Prozent des weltweiten Offsetdruckplattenbedarfs werden hier bedient“, erläutert er die strategische Bedeutung des Fertigungsstandortes. Damit gehört die Produktion im Harz zu einem der Kerngeschäfte der neuen Ausrichtung des US-Mutterkonzerns.

Auf bis zu 240 Meter langen Fertigungsstraßen werden im Vier-Schicht-System rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche unterschiedliche digitale Druckplatten produziert, die in der digitalen Laser-Direktbebilderung für Zeitungen, Zeitschriften, Kataloge, Bücher aber auch Werbedruckerzeugnisse oder Verpackungen Anwendung finden. Der Markt wächst stetig.

Auch der Mutterkonzern Kodak setzt nun auf eine neue strategische Ausrichtung, in der die Druckplattenherstellung ein wichtiger Bestandteil ist. „Der Konzern entwickelt sich von einem Fototechnik- zu einem Druckerhersteller“, erläutert Unternehmenshistoriker Berti Kolbow, der derzeit an der Universität Göttingen zu diesem Thema promoviert (siehe Interview).

Kodak befinde sich in einer Transformationskrise, sagt Kolbow. Das im Jahr 1880 von Georg Eastman gegründete Unternehmen machte die private Fotografie in den Industrienationen zu einem Massenmarkt und sorgte immer wieder für innovative Entwicklungen in der Fotoindustrie. Strategisch hatte sich Kodak auf die Fotochemie ausgerichtet, auf die Herstellung und Entwicklung von Filmen – die Kameras waren ein Beiwerk, das den Verkauf ankurbeln sollte. Die Wende zur digitalen Fotografie machte die Fotochemie aber mehr und mehr überflüssig.

Inzwischen macht Kodak laut Kolbow drei Viertel des Umsatzes mit Druckern, Digitalkameras und Entwicklungsdienstleistungen für Konsumenten sowie Druckmaschinen, Druckplatten und Software für die grafische Industrie. Aber die Neuausrichtung der gesamten Unternehmensstrategie brauche Zeit. „Die hohen Wachstumsraten des Druckgeschäfts können die gesunkenen Einnahmen durch das traditionelle Geschäft noch nicht ausgleichen“, erklärt Kolbow.

Das Druckplattengeschäft hat die Konzernführung im amerikanischen Rochester dem Geschäftsbereich ‚Prepress Solutions‘ zugeordnet, das heißt, den Lösungen für die digitale Druckvorstufenproduktion. Dieser Bereich gehört laut Schwarzl zu den prosperierenden Kerngeschäftsfeldern, ebenso wieDocument Imaging (Dokumentenscanner und Software) und Retail Systems Solutions (Kodak Photo Services für den Einzelhandel, wie beispielsweise die Kodak Picture Kioske). „Unabhängig vom Chapter-11-Verfahren in den USA haben wir in Deutschland schon vor Jahren mit der Umstrukturierung begonnen“, erläutert der Geschäftsführer. So seien bereits 2011 moderate Personalanpassungsmaßnahmen erfolgt oder angekündigt worden. „Grundsätzlich werden wir alles tun, um Kodak Deutschland und Osterode als Standort zu festigen. Wir werden als normalen unternehmerischen Vorgang aber auch Maßnahmen ergreifen, wo dies betriebswirtschaftlich geboten ist“, erklärt Schwarzl.

Im Zuge einer strategischen Prüfung soll in naher Zukunft ein genauer Blick auf alle Bereiche des Unternehmens geworfen werden. „Wir halten in allen unseren Geschäftsfeldern kontinuierlich Ausschau nach Verbesserungsmöglichkeiten, um die Rentabilität und Nachhaltigkeit unseres Unternehmens zu gewährleisten“, erläutert Sven Freyer, Geschäftsführer und Werkleiter von Kodak Graphic Communications. Zudem unterhält das Werk in Osterode ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für digitale Platten- und Drucktechnologien. Hier sollen die Entwicklung von Offsetdruckplatten für verschiedene Anwendungsbereiche sowie neue Marktanforderungen untersucht werden.

Was die Krise des Mutterkonzerns noch bringe, sei zwar nicht vorhersehbar, aber auch der Betriebsratsvorsitzende Bernd Sindram sieht die Zukunft des Standortes im Harz heute eher positiv: „Momentan sind keinerlei Auswirkungen spürbar. Das Produktionsvolumen ist nach wie vor konstant. Wir haben eine gute Auftragslage und kommen allen unseren Verpflichtungen nach.“ Zudem liege der Standort in der Mitte von Europa und habe somit gute infrastrukturelle Bedingungen. „Wir werden weiterhin alle Rechnungen pünktlich bezahlen und alle anstehenden vertraglichen Verpflichtungen erfüllen“, erläutert Schwarzl für die deutschen Kodak-Töchter. „Wir müssen und werden jetzt unseren Job machen, um den Konzern erfolgreich zu reorganisieren und die entstandenen Spuren auf der nach wie vor starken Marke Kodak zu beseitigen.“

Interview: „Der Kuchen ist verteilt“

faktor: Wo liegen die Ursachen für die Krise von Eastman Kodak?
Berti Kolbow: Kodak steckt in einer Transformationskrise. Der Markt hat sich fundamental geändert, heute fotografiert man nicht mehr analog sondern digital. Deshalb will sich Kodak vom Kerngeschäft der Fotochemie lösen und sich als Drucktechnikhersteller neu aufstellen. Die späte strategische Neuorientierung in einen bereits reifen Markt hinein zehrt aber an den Liquiditätsreserven des Unternehmens.

Warum hat sich Kodak nicht rechtzeitig an die Zeit der digitalen Fotografie angepasst?
Kodak hat das digitale Zeitalter nicht verschlafen, blieb aber lange im Bett liegen, um im Bild zu bleiben. Bereits 1986 hatte das Unternehmen einen Megapixelchip entwickelt und war dem Markt damit voraus. Allerdings hatten nur Teile der Firmenleitung verstanden, dass das Geschäftsmodell dem Wandel angepasst werden muss. Dieser Prozess erfordert Zeit. Großunternehmen sind nicht nur hierarchische Strukturen, sondern auch soziale Einheiten, und die verhalten sich sehr komplex.

Kann Kodak die Krise bewältigen?
Offen gestanden, bin ich nicht besonders optimistisch. Im Konsumentenbereich wird letztlich an genau dem Geschäftsmodell festgehalten, das in die Krise geführt hat: Hardware als günstiger Lockvogel für chemische Verbrauchsprodukte. Nur, dass jetzt Drucker den Tintenpatronenabsatz pushen sollen und nicht mehr Kameras den Film. Doch: Der Kuchen in diesem Markt ist verteilt. Und: Wie langfristig und häufig drucken wir Dokumente und Fotos noch aus?

Inwiefern ist die Ausrichtung des Unternehmens in Osterode auf die Druckplattenproduktion für den Standort von Vorteil?
Ich weiß zu wenig über den Standort, um mir eine konkrete Prognose anzumaßen. Strategisch betrachtet, scheint der Produkt-Mix in Osterode aber prinzipiell mittelfristig zukunftsfähig zu sein, da Kodak in einigen Teilbereichen der professionellen Drucktechnik marktführend ist. Damit dürfte deutlich mehr Handlungsspielraum als im Konsumentengeschäft vorhanden sein, wo Kodak hinterherläuft.

Berti Kolbow promoviert am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Göttingen und ist Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung. Er befasst sich mit dem Thema: „Transatlantische Transfers der Marketing-Konzepte von Eastman Kodak und Agfa, 1880 bis 1945.“