Harmonischer Stilmix

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Tobias Kintzel

Die Gestaltung einer ärztlichen Gemeinschaftspraxis und eines privaten Wohnraumes zeigen, wie verschiedene Einrichtungsstile zu einem harmonischen Gesamteindruck verschmolzen werden.

Das Ärztehaus in der Kurzen Straße 2 in Göttingen ist von außen eher unspektakulär. Der Zweckbau wirkt nicht gerade einladend. Innen im Treppenhaus setzt sich der Eindruck zunächst fort – bis sich die Tür zur gynäkologischen Gemeinschaftspraxis der Ärztinnen Kerstin Schneider-Stach und Bärbel Schnell öffnet. Vom lichtdurchfluteten, freundlichen Flur geht es rechts in das Wartezimmer, in dem ein vitales Grün an einer der Wände, der Fußboden in Sandtönen, weinrote Akzente in den Möbeln und passende Lichtquellen für Wohlfühlatmosphäre sorgen. Wenige Schritte weiter liegt der Empfangsbereich mit dem Tresen, den man von der Eingangstür nur teilweise sehen kann, da er durch eine Säule verdeckt ist. Auch hier wirken helle Töne und die indirekte Beleuchtung einladend. Die weinrote Wand im hinteren Bereich des Empfangs sticht ins Auge, ohne dabei zu dominant zu werden.

„Noch Anfang des Jahres sah das alles hier ganz anders aus, phasenweise waren wir uns nicht sicher, ob wir das Projekt ‚Praxisumgestaltung‘ wirklich bis zum geplanten Einzug im April schaffen würden“, erinnert sich die Gynäkologin Bärbel Schnell. Zusammen mit ihrer Kollegin und Praxis-Partnerin Kerstin Schneider-Stach hatte sie sich entschieden, aus dem Dachgeschoss, wo sie bereits seit vielen Jahren Patientinnen behandelt hatten, in den ersten Stock zu ziehen. „Die alten Räumlichkeiten waren zu klein, genügten uns nicht mehr. Die leerstehende Praxis einige Etagen tiefer war für uns eine gute Gelegenheit, uns zu vergrößern“, sagt Kerstin Schneider-Stach.

„Die Lage hier in der Kurzen Straße ist super.“ Der Haken an der Sache sei gewesen, dass lange keine Renovierungsarbeiten durchgeführt worden waren, einfach einzuziehen wäre nicht möglich gewesen. Auf der Suche nach Hilfe für die Neugestaltung der Praxis kamen die beiden Ärztinnen schließlich durch eine Empfehlung in Kontakt mit dem Malermeister Olaf Ringeisen. „Wir haben dann von Herrn Ringeisen das Buch ‚Farbspuren – Die Kunst Räume zu gestalten‘ erhalten. Wir sollten es durchblättern und Wohnstile oder einzelne ihrer Elemente markieren, die uns gefallen“, so Bärbel Schnell. „Diese Herangehensweise erschien uns merkwürdig, aber wir haben uns darauf eingelassen.“

Kerstin Schneider- Stach muss bei dem Gedanken an das Ergebnis des Stöberns lachen: „Wir waren uns nicht gerade einig, genau genommen sogar recht weit auseinander in unseren Vorstellungen. Aber das Buch war eine große Hilfe, um eigene Vorlieben konkreter beschreiben zu können.“ Die beiden Ärztinnen hatten sich auf drei Wohn- bzw. Einrichtungsstile eingeschossen – Kapstadt Modern, Skandinavien und New York Gardening.

Nach einer ersten Einrichtungsstil-Beratung mit Olaf Ringeisen und Jutta Werner entstanden drei Gestaltungsvorschläge, die im Nachfolgetermin vorgestellt wurden. „Schnell hat sich das finale Konzept, das auch umgesetzt wurde, herauskristallisiert. Die gewählten auffälligen Farben haben wir mit neutralen Sandtönen in ihrer Wirkung gemildert“, erklärt die Farbdesignerin Jutta Werner. Mit einer großformatigen Fototapete mit roten Beeren im hinteren Teil des Flures einen optischen Akzent zu setzen, war ihre Idee. Heute ist dieser Hingucker eines der Lieblingselemente der Praxis von Kerstin Schneider-Stach.

„Möchte man mit Fototapeten einen leichten und ruhigen Akzent setzen, ist es wichtig, ein Motiv mit nicht zu vielen und wenig starken Farbabstufungen zu wählen sowie aufgeregte und komplexe Motive zu vermeiden. Das wirkt schnell überladen“, gibt Jutta Werner einen Einrichtungstipp.

Um den Kundinnen die Entscheidung zu erleichtern und das Konzept vorab greifbarer zu machen, nutzte das Team Werner und Ringeisen eine digitale Form der Visualisierung. „Wir haben die Räume fotografiert und mit einem Bildbearbeitungsprogramm die geplanten Farben auf die Wände aufgebracht. So konnten wir außerdem auch die angedachte Farbverteilung auf dem Grundriss darstellen“, beschreibt Wohnstil-Expertin Werner. „Das Ergebnis ist wunderschön. Farben, Möbel, Böden und Licht ergeben ein harmonisches Ganzes“, strahlt Kerstin Schneider-Stach. „Wir wollten es unseren Patientinnen, unseren Mitarbeiterinnen und uns selbst schön machen, eine angenehme Atmosphäre schaffen.

Das ist gelungen, die Resonanz ist ganz toll und durchgehend positiv.“ „Entscheidend ist, die Farben der verschiedenen Stilrichtungen optimal an die Wände zu bekommen und dabei noch individuelle Vorlieben der Kunden einzubeziehen“, betont Ringeisen. Dazu sei solides Handwerk und ganz viel Erfahrung nötig, damit „man die Nuancen erfasst und richtig umsetzt“. Das zeigt sich auch im offen gestalteten Wohn- und Essbereich mit integrierter Küche in einem neugebauten privaten Wohnhaus in der Nähe von Nörten-Hardenberg. Hier treffen New York Gardening und der Kolonialstil aufeinander – und bilden eine Einheit. Das Bindeglied ist dabei die Farbe Grün. Während der dunkelgrüne Farbton aus dem Kolonialstil Ruhe und Gelassenheit in den Wohnbereich trägt, dient das spritzige, vitale und frische Saftgrün aus dem ‚New York Gardening‘-Stil als Akzent und wirkt belebend und modern. Auch hier hatte sich das Eigentümer-Ehepaar unabhängig voneinander mit dem Buch ‚Farbspuren‘ beschäftigt – und die beiden Wohnstile gefunden, die es zu vereinen galt.

„Das ist bei diesen beiden Stilen nicht so einfach, da sie etwas weiter auseinander liegen. Über die Farbe ist uns das gelungen“, weiß Werner zu berichten. „Außerdem hatten wir die Vorgabe, vorhandene Möbel wie Sofas und einen alten Tisch mit einer großen Eichenplatte in das Gesamtkonzept zu integrieren.“ Das dunkle Braun dieser Möbel, die zum Kolonialstil passen, wird im fertigen Gesamtensemble mit dem hellen, großflächig verlegten gebeizten Parkett aufgefangen. Helle Möbel, natürliche Materialien und Nachhaltigkeit, die ‚New York Gardening‘-Eckpfeiler sind im Küchen- und Essbereich umgesetzt. Accessoires sind bewusst reduziert, um die beruhigende Atmosphäre nicht zu stören. Weiß in den Möbeln und an der Wand gibt dem Raum einen frischen und eleganten Charakter. Mit gezielt gesetzten Lichteffekten, darunter auch der Reflektor an der Decke des Wohnbereichs, wird akzentuiert und der offene Wohncharakter mit Freiraum und Leichtigkeit unterstrichen. „Auch in diesem Beispiel zeigt sich, dass mit unserem Buch Wohnstile konsequent, treffsicher und als stimmige Gesamtheit in die Realität umgesetzt werden können“, sagt Olaf Ringeisen zufrieden.