Handeln – nicht aussitzen

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Nullzinspolitik - Negativzinsen: Müssen Anleger aufgrund der EZB-Zinspolitik für ihre Guthaben bald Geld bezahlen? Die Sparkasse Göttingen informiert ihre Kunden darüber, was auf sie zukommen könnte.

Markus Reif, seit 20 Jahren Berater von Sparkassen, Banken, Versicherungen und Pensionsfonds, rät in der Kundeninformationsveranstaltung am 21. September 2016: Sparer müssen zu Investoren werden.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat in Deutschland ein eher negatives Image. Sparern würde der Boden unter den Füßen weggezogen – die Kritik ist deutlich. Die Stimmung ist emotional aufgeladen. Der Grund: Die EZB senkt weiter den Zinssatz für Geldeinlagen, die Sparkassen und Banken bei ihr deponieren. Damit rutscht der Zins, der lange bei null Prozent lag, in den Negativbereich –aktuell minus 0,4%. Die Geldinstitute zahlen also einen Strafzins, den sie ihren Kunden in Rechnung stellen müssten. Doch noch schützen sie ihre Kunden. Noch. Denn dieser Schutz werde immer teurer, so Rainer Hald, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Göttingen. Wann der Zeitpunkt komme, an dem die Kunden für ihre Guthaben Geld bezahlen müssten, sei nicht vorherzusagen.

Vorhersagbar und klar sei, so Markus Reif, geschäftsführender Gesellschafter der Roland Eller Asset Management Consulting GmbH, dass die EZB ihre Haltung nicht aufgeben werde. Kunden, die darauf warten, dass die EZB zurückrudert und den Leitzins wieder erhöht, ignorieren die EZB-Politik und hoffen vergeblich auf wieder steigende Zinsen. „Aussitzen funktioniert nicht“, betonte er eindringlich in seinen Ausführungen.

Um ihre Kunden rechtzeitig vor den Folgen der Negativzinsen zu warnen, und um sie zum Handeln zu bewegen, lud der Vorstand den externen Kenner der Markt-Materie ein. Markus Reif, seit 20 Jahren Berater von Sparkassen, Banken, Versicherungen, Pensionsfonds oder der Finanzagentur der Bundesrepublik Deutschland (GmbH), sei bekannt für seine „unkonventionellen Markt- und Zinseinschätzungen, die auf Psychologie und Verhaltensanalysen basieren“ – und nicht nur auf volkswirtschaftlichen Daten, die im Fall bisheriger Zinsprognosen nicht der Realität entsprächen. Leidtragende der EZB-Politik seien der „klassische Mittelstand und die einfachen Bürger“, die es seit Jahrzehnten gewohnt seien, ihr Geld auf dem Sparbuch oder Tagesgeldkonto anzulegen – mit immer geringeren Erträgen. „Sie haben die geringste Lobby“ und müssten jetzt umdenken. Die Sparkasse, so Rainer Hald, biete frühzeitig Orientierung, damit sich die Kunden mit ihren Beratern zusammensetzen und gemeinsam eine individuelle Strategie, die vorteilhafter ist, entwickeln können.

Ziel der Niedrigzinspolitik ist, dass die Zinsen herkömmlicher sicherer Spareinlagen und Anleihen guter Schuldner niedriger sind als die Inflationsrate, was dazu führe, dass die Kaufkraft der Einlagen fällt. Kurz: 20 Euro sind nominal auch in fünf Jahren noch 20 Euro, jedoch wird der Einkaufskorb (real) unweigerlich weniger Waren beinhalten. Trotzdem beharren nicht wenige Anleger auf Gewohntem. Markus Reif: „Die dümmste Anlage unter der EZB-Politik ist das Tagesgeld, weil es keine Zinsen bringt und direkt von der Inflation getroffen wird.“ Und: „Es ist unproduktiv.“ Grundsätzlich eigneten sich Sachwerte als Mittel der Altersvorsorge und gegen Inflation. Eine erfolgversprechende Alternative sei auch der „kreditfinanzierte oder teilkreditfinanzierte“ Erwerb von Aktien und insbesondere Immobilien.