“Guter Spielort“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Berti Kolbow, redaktion

Hauke Hückstädt (40) war von 2000 bis 2010 Leiter des Literarischen Zentrums Göttingen (LZG) und ist ab Juli 2010 neuer Leiter des Literaturhauses Frankfurt am Main.

Herr Hückstädt, zehn Jahre haben Sie hier in Göttingen die Verlagswelt beobachtet und begleitet. Ist Göttingen ein guter Standort für Verlage?

Ja, auch wenn es in Zeiten des Internets immer unwichtiger wird, in welcher Stadt ein Verlag ansässig ist. Doch Göttingen ist und bleibt ein guter Spielort für Verlage. Von hier lässt sich eine große internationale Infrastruktur aufbauen, wie es Steidl getan hat. Die Nähe zur Universität, die mittlerweile zu den Eliten Deutschlands zählt, sorgt für wissenschaftlichen Diskurs und bietet Synergieeffekte, die der enge Kontakt zu Forschung und Lehre mit sich bringt. Und so hat jeder hier ansässige Verlag sein eigenes Profil geschaffen.

Wie werden die regionalen Verlage außerhalb wahrgenommen?

Göttingen rangiert zwar nicht unter den Top Ten, aber immerhin auf Platz 11 der wichtigsten Verlagsstädte Deutschlands. Insofern kann man auch von einer sehr guten Wahrnehmung sprechen. Dennoch ist es im jetzigen Informationszeitalter doch so, dass Göttingen in bestimmten Kreisen ein Begriff ist, aber das Gros der Leser sich noch nicht mal Buchtitel oder Autoren und schon gar nicht den Verlag merken kann. Das ist auch legitim, weil es nicht für alle diese Relevanz hat.

Wie sehen Sie die langfristige Entwicklung der Verlage?

Sie fangen an, etwas weniger zu produzieren. Früher galt das Motto „Wenn wir zwanzig Titel machen, kommen drei durch“. Langsam setzt sich die Einsicht durch, dass Quantität nicht immer gesteigert werden muss. Die Verlage verändern sich. Spannend ist z. B. bei Vandenhoeck & Ruprecht die Entwicklung in Richtung elektronisches Buch und bei Steidl die Entwicklung der Belletristik, auch im Wettbewerb mit dem hauseigenen Fotokunstschwerpunkt.

Was tragen Sie vom Literarischen Zentrum Göttingen nach Frankfurt?

Das Literaturhaus in Frankfurt ist das größte in Deutschland und nicht nur dadurch im Fokus der ganzen Republik. Interessant ist doch, dass das, was hier zehn Jahre lang passierte, zum Maßstab für Frankfurt wurde. Und für Göttingen ist dies eine große Auszeichnung. Im Zentrum wurde zehn Jahre programmatisch anspruchsvoll und wirtschaftlich vernünftig gearbeitet. Wir haben nie ein Minderheitenprogramm für Göttingen gemacht, sondern eines, das an jedem anderen Ort auch funktionieren würde. Für Programmarbeit kann man mit der Region im Herzen nicht die Welt umfassen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Buches im elektronischen Zeitalter?

Auf jeden Fall wird es Zukunft haben. Das Internet gibt es doch schon seit 20 Jahren, und es gibt immer noch Bücher. Der Elektro-Supermarkt hat den guten HiFi-Laden ja auch nicht überflüssig gemacht. Dinge verändern sich. Solange Menschen sich lieben und hassen, werden auch Bücher gelesen.

Vielen Dank für das Gespräch!