Gute Aussichten für den Standort?!

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Text von: Tobias Kintzel

Die Logistik ist eine Wachstumsbranche. faktor beleuchtet die Voraussetzungen und Chancen Südniedersachsens im Wettbewerb um Marktanteile und Zukunftssicherung.

Die Akteure vor Ort sehen für den Logistik-Standort Südniedersachsen gute Chancen für eine nachhaltige Sicherung der Wettbewerbsposition und eine positive Weiterentwicklung. Die Weichen stehen tatsächlich auf Wachstum. Deutschland ist aufgrund der Ost-Erweiterung zu einem Knotenpunkt im geografischen Zentrum der Europäischen Union geworden.

Laut der Studie ‚Die Top 100 der Logistik‘ der Arbeitsgruppe für Supply Chain Services des Fraunhofer Instituts ist Deutschland mit einem Güteraufkommen von 3,9 Milliarden Tonnen und einem Marktvolumen von 230 Milliarden Euro (2013) mit deutlichem Abstand das größte Logistikland in Europa. Frankreich folgt mit einem Marktvolumen von 126 Milliarden Euro auf Platz zwei. Seit den neunziger Jahren ist die Logistikbranche, die rund 2,9 Millionen Menschen beschäftigt, beinahe ungebremst gewachsen. Und auch die Prognosen sehen gut aus: Eine vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in Auftrag gegebene Studie geht von einem Güterverkehrsaufkommen von 5,5 Milliarden Tonnen im Jahr 2050 aus. Vor allem die Verkehrsträger Straße, Schiene und die Binnenschifffahrt sollen zulegen.

Für Südniedersachsen bieten sich gute Voraussetzungen, denn Niedersachsen ist geprägt durch leistungsfähige Verkehrsinfrastrukturen: Straße, Schiene, Wasser, Luft und Pipeline. „In der Mitte Deutschlands gelegen, bietet Göttingen multimodale Anbindungen. So garantiert zum Beispiel die direkte Lage am Autobahnnetz für Nord- Südverbindungen und West-Ost-Verkehre die sehr gute Erreichbarkeit. Auch der weitere Ausbau des nahegelegenen Weserhafens für Verladungen von Schwertransporten ist ein weiterer Baustein im Gesamtangebot“, betont Ursula Haufe, die Geschäftsführerin der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen mbH (GWG).

Detlef Hofmann, verantwortlich für den zentralen Vertrieb des Geschäftsbereiches Kontraktlogistik in der Zufall logistics group, sieht das genauso: „Wir haben eine hervorragende Lage, um Deutschland und Teile Europas innerhalb von 24 Stunden zu bedienen. Die kurzen Wege zu den Flughäfen Frankfurt, Leipzig, Hannover und Köln sowie zu den Häfen Hamburg und Bremen tragen dazu bei. Dadurch profitieren unsere Kunden von späten ‚Cut Off‘-Zeiten. Das ist ein echter Wettbewerbsvorteil. National, international und interkontinental.“ Die ‚Cut Off‘-Zeit bezeichnet dabei den Zeitpunkt, zu dem eine Bestellung oder eine Ware bei einem Logistiker sein muss, um sie innerhalb eines mit dem Kunden definierten Zeitraumes ausliefern zu können. Die von GWG-Geschäftsführerin Ursula Haufe angesprochene Multimodalität in der Logistik bedeutet, dass mehrteilige Transportketten umgesetzt werden können, in denen Güter mit zwei oder mehreren unterschiedlichen Verkehrsträgern bewegt werden. Doch dafür braucht es neben der Verkehrsinfrastruktur auch leistungsfähige Knotenpunkte, an denen Güter von dem einen auf den anderen Verkehrsträger umgeladen werden können: Südniedersachsen kann mit dem Güterverkehrszentrum (GVZ) in Göttingen, der bereits erwähnten Weserumschlagstelle in Hann. Münden und dem Adelebser Container Terminal für den Umschlag von Seecontainern mit ‚eigenen‘ regionalen Einrichtungen aufwarten. In der Fläche stehen weitere sieben Güterverkehrszentren, Binnenwasserstraßen mit Häfen, die niedersächsischen Seehäfen sowie die Anbindung an die Seehäfen Hamburg und Bremen sowie den einzigen deutschen Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven zur Verfügung.

Dem GVZ ist mit der im vergangenen Jahr fertiggestellten Nordanbindung an die Bundesautobahn 7 eine Stärkung des Logistikstandortes Südniedersachsen gelungen. Und Ursula Haufe ist überzeugt, dass „das GVZ Göttingen den Kristallisationspunkt und die Plattform für die Region Südniedersachsen“ bilde. Als ein leistungsfähiger Umschlagplatz mit direkter Anbindung an das Autobahn- und Schienennetz sei dieser Standort als Hinterlandhub qualifiziert.

Der geplante Ausbau der Weserumschlagstelle in Hann. Münden mit einem Schwergutterminal hingegen kann noch nicht beginnen. Ein notwendiges Gutachten zur Eignung des vorgesehen Bauareals wird im Mai erwartet, politische Weichenstellungen müssen noch erfolgen. Genutzt wird die Umschlagstelle schon heute von regionalen Unternehmen, darunter die Alstom Power Energy Recovery, die Weser Metall Umformtechnik und die Richter Maschinenfabrik AG. Mehrere Tausend Tonnen wurden im vergangenen Jahr umgeschlagen, Tendenz steigend.

Wachstumspotenzial sieht auch der Speditions unternehmer Willi-Ingo Kreykenbohm, der das Adelebser Container Terminal betreibt und dafür eigens Anfang des Jahres eine GmbH gegründet hat: „Wir bieten für die Kunden in der Region völlig neue Möglichkeiten bei der Planung und Abwicklung ihrer Import- und Exportsendungen über den Seeweg. Zum Start planen wir mit 5.000 Containern im Jahr, die wir auf die Schiene und dann zu den Seehäfen bringen. Ich sehe allerdings das Potenzial für bis zu 40.000 Container jährlich im Hafenhinterlandverkehr.“ Laut Kreykenbohm seien die dafür notwendigen Hallen- und Außenflächen in Adelebsen verfügbar, die gute Erreichbarkeit sei über die Anbindung an die Bundesstraße und die Autobahn gesichert.

In der Frage, ob die ohne Zweifel gute Verkehrsinfrastruktur und die leistungsfähigen Verkehrsknoten in und um Göttingen auch in der Fläche Vorteile bringen, herrscht nicht überall Einigkeit. Lars Obermann, der geschäftsführende Gesellschafter der Obermann Unternehmensgruppe mit Sitz in Osterode, betont: „Wir fühlen uns als Teil der Region Göttingen. Für einen Produzenten, der einen Standort für die europa- und weltweite Verteilung seiner Waren sucht, bietet die Region optimale Voraussetzungen. Die zentrale Lage macht uns zu einem strategisch günstigen Partner für solche Aufgaben. Dabei spielt es keine Rolle, ob man in Göttingen oder in einer Randlage liegt.“

Der Logistik-Manager Thomas Reich, der bei der Holzmindener Symotion als Leiter Marketing und Vertrieb tätig ist, sieht das anders. Zwar attestiert er, dass Göttingen ein sehr interessanter logistischer Standort sei, betont aber: „Der Teil von Südniedersachsen, in dem unser Standort liegt, hat sicherlich den Vorteil der günstigen Flächen und Wohnungen, allerdings ist die Anbindung und die Infrastruktur eher als schlecht zu bezeichnen. Hinzu kommen Solling/Vogler als Höhenzüge. Hier müssen die Vor- und Nachteile der Region in Bezug auf Produktion und Logistik einer genauen Nutzen- Kostenanalyse unterzogen werden.“ Er sieht Nachbesserungsbedarf im Bereich der Verkehrsinfrastruktur in der Fläche.

„Die Anbindung an schnelle, regelmäßige Güterzüge innerhalb Deutschlands sowie der Anschluss an die internationalen ‚Rennstrecken‘ wäre aus unserer Sicht absolut wünschenswert, um den Verkehrsträger Schiene zu stärken“, sagt auch Jörg Rotthowe, Leiter der Niederlassung Göttingen der Zufall logistics group. Auch die Untersuchung unter Federführung der GWG und der Uni Göttingen zur Sinnhaftigkeit und Rentabilität eines freien Containerdepots sei, so Rotthowe weiter, ein sinnvolles Projekt, das die interkontinentalen Verkehre in und aus der Region stärken könnte. „Wir wünschen uns, dass die gesamte Region profitiert, das ist unsere gemeinsame Aufgabe im Rahmen des Südniedersachsenplans. Den Ausbau der Infrastruktur in der Region, die weitere Stärkung des GVZ und die Steigerung des Umschlags von der Straße auf die Schiene werden wir vorantreiben“, sagt GWGGeschäftsführerin Haufe und gibt so die Marschroute vor.

Zu den logistischen Standortvorteilen, die Südniedersachsen im Wettbewerb um die Ansiedlung von Logistikern und produzierenden Unternehmen heute schon in die Waagschale werfen kann, gehören bedarfsgerechte Flächen und vor allem auch die gute Arbeitskräfte-Situation. Verfügbare Flächen gibt es im Logistikpark Siekanger im Südwesten Göttingens. Dort hat Distribo, ein Joint Venture zwischen der Zufall logistics group und Sartorius, im vergangenen Sommer ein neues Logistik-Center eröffnet und sich eine Erweiterungsoption gesichert.

Auch in der AREA 3, dem Gewerbe- und Industriegebiet zwischen Bovenden und Nörten-Hardenberg, sind noch Bauplätze zu haben. Hier hat sich mit der Quandt Logistik GmbH bereits ein Branchenunternehmen angesiedelt. Auch in Osterode ist Lars Obermann sich der Standortvorteile durchaus bewusst: „Wir haben hier den Vorteil von vielen vorhandenen, günstigen Flächen. Dazu kommt ein großes Mitarbeiterpotential.“ Das gilt offenbar auch für Göttingen.

Jörg Rotthowe von Zufall betont, dass gut ausgebildete Fachkräfte wie auch noch anzulernende Mitarbeiter ausreichend verfügbar seien. Anders ist die Situation in Holzminden: Die Symotion hat, standortbedingt, Schwierigkeiten, Fachpersonal zu gewinnen. Lukas Orlowicz, der 33-jährige Geschäftsführer der 2013 in Göttingen gegründeten LPL Internationale Transporte und Logistik, unterstreicht noch eine weitere Stärke des Standorts: „Die Unterstützung durch GWG bei der Gründung und Ansiedlung war sehr gut.

Für Existenzgründer stehen im Göttinger Technologie- und Gründerzentrum bei den Zietenterrassen Büroräume für ein vernünftiges Preisleistungsverhältnis zur Verfügung.“ Das halte die Anfangskosten überschaubar. Nicht nur die Logistikunternehmen vertrauen auf den Standort und investieren in der Region: Auch die Kunden lassen sich von den Vorteilen und der logistischen Kompetenz der Akteure überzeugen.

Erst vor Kurzem konnte Zufall Göttingen die Kuka Roboter GmbH aus Augsburg, den weltweit führenden Anbieter von Industrierobotern, als Kunden gewinnen. „Wir freuen uns sehr darüber, den Auftrag für den Betrieb eines globalen Ersatzteillagers in die Region Göttingen geholt zu haben“, kommentiert Niederlassungsleiter Jörg Rotthowe die Zusammenarbeit. Durch dieses Neugeschäft sind im Jahr 2014 insgesamt 15 neue Arbeitsplätze entstanden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Logistik-Standort alle Voraussetzungen mitbringt, um sich seinen Anteil des prognostizierten Wachstums zu sichern – durch die Anbindung an das Straßen-, Schienen- und Wasserstraßennetz in allen Bereichen. Allerdings gilt es, die vorhandenen Pferdestärken auch auf die Straße zu bekommen. So muss zum einen jedes Unternehmen ein klares Profil herausarbeiten und Kunden von seiner individuellen Leistungsfähigkeit überzeugen. Zum anderen müssen sich Logistiker und logistikaffine Unternehmen vernetzen und die Region gemeinsam als Logistikstandort in den Köpfen der Kunden verankern. Das ist vor allem eine Frage des Standortmarketings und der gezielten Kommunikation. Diesen Aufgaben hat sich das L.M.C Logistik- & MobilitätsCluster Göttingen/ Südniedersachsen unter Führung der GWG verschrieben.