Gut im Bett

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Der Name ,Breckle Matratzenfabrik‘ ist eigentlich ein großes Understatement. Denn nach eineinhalb Stunden Betriebsführung durch das Northeimer Familienunternehmen ist unser Redaktionsteam beeindruckt von den unglaublich vielen unterschiedlichen Arbeitsschritten, die es in den riesigen Produktionshallen zu beobachten gibt.

Beobachten lässt sich der Hidden Champion sonst nur selten – für uns hat er exklusiv seine Türen geöffnet. Über 450 Mitarbeiter nähen, sägen, stanzen und hämmern hier auf dem 45.000 Quadratmeter großen Areal. Neben den 30 Grundtypen von Matratzen, die wiederum in etwa 300 verschiedenen Variationen bestellt werden können, stellt das Unternehmen auch Lattenroste, Bettkästen für Boxspringbetten, Polster, Tagesdecken und Kissen her.

In Deutschland gehört Breckle mit einem Marktanteil von 20 Prozent zu den drei größten Unternehmen – was im Umkehrschluss wohl bedeutet, dass mindestens jeder fünfte Deutsche schon einmal auf einer Matratze aus Northeim genächtigt hat. Obwohl Michael Breckle Matratzen als ,Low- Interest-Produkt‘ bezeichnet – weil sich der Verbraucher nur im akuten Bedarfsfall mit dem Thema Matratze auseinandersetzt –, ist es dem Unternehmen gelungen, seine Marke zu den bekanntesten in Deutschland zu machen. „Dies liegt an der Qualität unserer Produkte und an den sehr guten Testergebnissen“, erklärt der 47-Jährige. Gemeinsam mit seinem Bruder Andreas und seinem Vater Siegfried führt Michael Breckle heute das Unternehmen und ist zuständig für die Bereiche Marketing und Verkauf.

Unser Rundgang durch das Werk beginnt in der Tischlerei. Nicht unbedingt zu erwarten in einer Matratzenfabrik, aber doch logisch. Breckle produziert Bettkästen für Boxspringbetten selbst, so werden enorme Transportkosten gespart. „Das ist uns, nicht zuletzt aus ökologischen Gründen, sehr wichtig“, erklärt Geschäftsführer Andreas Breckle. Der 50-Jährige ist verantwortlich für die Bereiche Produktion sowie Forschung und Entwicklung. Schließlich müssten extrem viele Hohlräume in den Kästen mittransportiert werden. „Sicher könnten wir einen großen Teil der Produktion auch ins Ausland verlagern. Aber es wäre zu befürchten, dass dies zu Lasten der Qualität ginge“, ergänzt sein Bruder.

Daher produziere Breckle eben so viel wie möglich selbst und bekenne sich so auch klar zum südniedersächsischen Standort. Darüber hinaus fertigt der Matratzenhersteller noch in Ost- und in Süddeutschland, wo auch die Wurzeln des Firmengründers zu suchen sind.

Im badenwürttembergischen Benningen machte der gelernte Polsterer Emil Breckle nämlich 1933 aus seinem Polsterbetrieb eine Matratzenfabrik. Ein gewagter Schritt in politisch und wirtschaftlich schwierigen Zeiten – in denen die meisten Matratzen übrigens noch mit Stroh befüllt wurden. Schon damals setzte die erste Generation auf geschulte Handarbeit.

Dies gilt auch für unsere nächste Station in Northeim. In der Werkstatt für die Lattenroste gehen den Monteuren die einzelnen Arbeitsschritte gezielt und zügig von der Hand. Durch die gesamte Tischlerei begleitet uns das ständige Rattern der Heftklammerpistolen. Stoffe, Kunststoffhalter und Metallfedern werden so fixiert. „Jeder Handgriff muss sitzen, und die Abläufe sollten stets optimiert werden“, sagt Andreas Breckle, für den die Qualitätsüberwachung zu einer seiner Hauptaufgaben zählt. Denn damit setzt Breckle in der hartumkämpften Branche Zeichen – heute wie damals.

Hochwertige Matratzen gehörten in den dreißiger Jahren zu den Luxusgütern. Trotz des relativ kleinen Absatzmarktes etablierte sich das Unternehmen von Emil Breckle und überstand mit einer Handvoll Mitarbeitern auch die „dunklen Jahre des Zweiten Weltkriegs und die schwierige Nachkriegszeit“, erzählt Michael Breckle.

Den ersten großen Wachstumsschub erlebte Breckle zu Zeiten des Wirtschaftswunders. „Innerdeutsche Globalisierung“ nennen die Breckles die Phase, als die Kaufhäuser Deutschlands wuchsen und sich Handelsketten etablierten. Hertie, Otto und viele weitere Einzelund Großhändler eröffneten in allen größeren Städten Filialen, die mit demselben Sortiment bestückt wurden. Die Kunden konnten und wollten sich Komfort leisten. Neben Fernsehern und Kühlschränken hielten auch immer mehr hochwertige Matratzen Einzug in deutsche Wohnungen. Breckle schaffte es, zu den Matratzenlieferanten der Kaufhäuser zu gehören.

Den angenehmen Geruch von frisch gesägtem Holz lassen wir nun hinter uns. Ein Stückchen weiter riecht es jetzt etwas chemischer – nach Kunststoff und Leim. Auch hier arbeiten meist zwei oder vier Personen zusammen und montieren die Federkerne und die Blendpolster auf die eben gefertigten Holzunterbauten für die Boxspringbetten. Die aus der Polsterei kommenden Bezüge runden diesen Produktionsabschnitt schließlich ab. Beim Gang durch die Näherei mit ihren scheinbar unzähligen Arbeitsplätzen erzählt uns Michael Breckle vom weiteren Verlauf des Unternehmens, auf den auch das Schicksal entscheidenden Einfluss nahm: 1967 brannte das Fabrikgebäude ab.

Emil Breckle ließ sich aber nicht unterkriegen und errichtete eine neue, größere Fabrik. Hier beschäftigte er 40 statt zuvor zehn Mitarbeiter. Dem Vorbild der Handelsriesen folgend, überlegte sich der Inhaber einige Jahre später, ebenfalls die Strukturen zu modernisieren, und eröffnete ein neues Werk in Northeim. „So konnten wir den mittel- und norddeutschen Raum aus bedienen, den Süden behielt Benningen, und den Westen teilten wir uns“, schildert Siegfried Breckle die Veränderung rückblickend.

Der heute 71-Jährige war einer der drei Söhne von Emil Breckle und ging damals mit seiner Familie nach Niedersachsen. Die Eingewöhnung ging schnell – wenn auch nicht ganz problemlos – vonstatten. „Die Spätzle fehlen mir noch immer“, bekennt Siegfrieds Sohn Michael, der sich jedoch schnell mit der neuen Umgebung anfreundete. In dieser Zeit verdiente der damals Siebenjährige bereits die ersten Pfennige Taschengeld in der Knopfverarbeitung. „Ich liebe die weitläufige südniedersächsische Natur im Gegensatz zu dem engbebauten Stuttgarter Raum“, sagt er heute.

Das neue Konzept ging auf: Das Northeimer Werk stärkte die Marktposition des Matratzenproduzenten und entwickelte sich schnell zur Zentrale des Unternehmens. Kurz nach der Wiedervereinigung nutzte Breckle die Gunst der Stunde und eröffnete im thüringischen Weida einen dritten Standort. So erhielt auch Edgar Breckle, der dritte Sohn von Gründer Emil Breckle, sein eigenes Werk.

Wir durchqueren noch die Federabteilung, in der, wie Michael Breckle sagt, „unsere ältesten, aber extrem zuverlässigen Maschinen“ den Draht von großen Spulen ziehen und zu Matratzenfedern biegen, bevor wir nach diesen ältesten Apparaturen vor den modernsten Maschinen stehen, die das Unternehmen vorhält. Sie befinden sich in der letzten großen Halle, sind momentan noch im Testbetrieb und produzieren Schaumstoff für die Matratzen.

Grüne, riesige Stahlfässer fassen bis zu 50 Tonnen Flüssigkeiten, die für die Herstellung der verschieden harten Schaumstoffe benötigt werden. Das Rohmaterial läuft in eine Produktionsstraße ein und ,wächst‘ dann zum gewünschten Endprodukt. Die verschiedenen Gewichte – gemessen in Kilogramm pro Kubikmeter – beschreiben die jeweilige Qualität des Schaumstoffes. Bevor dieser aber weiterverarbeitet werden kann, muss er zum Abkühlen ins sogenannte Reaktionslager.

10.000 Quadratmeter umfasst dieser neue Produktionsteil. 22 Millionen Euro investierten Breckles in die Anlage. „Wir folgen dem Trend, den Schaum selbst zu produzieren“, so Seniorchef Siegfried Breckle, der den Northeimer Betrieb nach und nach in die Hände seiner Söhne übergibt. Diese Investition schuf bisher zehn neue Arbeitsplätze und erspart den südniedersächsischen Straßen etwa 100 Lkw-Ladungen wöchentlich. „Schließlich handelt es sich weitgehend um Luft“, sagt Michael Breckle und unterstreicht damit noch einmal die Nachhaltigkeit des Neubaus und damit die umweltbewusste Ausrichtung des Unternehmens.

Aber nicht nur in der Logistik ist der Fokus darauf gerichtet. Auch die Produkte selbst erfüllen die strengen Richtlinien. Zur Anerkennung für die nachhaltige Herstellung der Formschaumprodukte verliehen das Umweltbundesamt und das Bundesumweltministerium der Firma Breckle 2008 das Umweltabzeichen ‚Der Blaue Engel‘. „Eine wertvolle Auszeichnung, die man nicht kaufen kann und die vom Endverbraucher anerkannt wird. Auf dem recht unüberschaubaren Feld der Ökosiegel, bedeutet uns dies sehr viel und ist Ansporn, unsere ,Politik‘ weiterzuverfolgen“, so Michael Breckle.

Weitere Belege für diese ,Politik‘ seien die solargepflasterten Dächer der Produktionshallen, die im Sommer für eine 100-prozentige Eigenstromversorgung ausreichen und auf die er uns beim Verlassen der Gebäude und damit gegen Ende unseres Rundgangs noch hinweist. Lediglich im Winter müssten geringe Strommengen zugekauft werden. Ein weiterer Baustein für die CO2-neutrale Produktion der Matratzenfabrik. So komplexe Produkte herzustellen und dabei Umweltrichtlinien zu erfüllen, benötigt neben einer innovationsfreudigen Geschäftsführung natürlich auch hochqualifiziertes Fachpersonal.

Chemiker, Maschinenführer, Polsterer, Tischler sowie kaufmännische Experten und Logistiker gewährleisten die reibungslose Produktion von täglich bis zu 5.000 Matratzen, die im Northeimer Werk zu Stoßzeiten in zwei bis drei Schichten produziert werden können. Die Handgriffe der Mitarbeiter müssen hierfür genau aufeinander abgestimmt sein. „Es ist nicht einfach, zu wachsen und gleichzeitig die hohen Qualitätsstandards zu halten.

Offene Stellen zu besetzen, fällt gerade bei den hochqualifizierten Chemikern oder dem aussterbenden Gewerbe der Polsterer häufig sehr schwer“, klagt Andreas Breckle. Heute werden übrigens alle Werke bereits in dritter Generation als selbständige, aber eng kooperierende Unternehmen geführt.

Den Gründungsstandort gibt es aber nicht mehr, denn das Benninger Werk brannte im Jahr 2000 erneut nieder und wurde in Bietigheim wieder errichtet. Hier arbeiten aktuell etwa 200 Mitarbeiter, in Weida 250 und Northeim 450. Insgesamt rollen täglich etwa 10.000 Matratzen von der Just-in-time-Fertigung zu den Händlern. Wie erfolgreich die Marke Breckle inzwischen ist, belegt die Tatsache, dass etwa ein Drittel der Matratzen ins Ausland geliefert werden, davon etwa jede sechste bis nach Japan, Australien, China oder in die USA. „Eigentlich ist es wenig sinnvoll, ein voluminöses Produkt wie eine Matratze so weit zu transportieren“, sagt Andreas Breckle noch, kurz bevor wir uns verabschieden. Dass sie dennoch in diesen Ländern einen solchen Erfolg hatten, spreche wohl für sich selbst.

Auf dieser Basis sehen die Breckles sich auch gut gerüstet, den harten Kampf gegen Konkurrenz aus Niedriglohnländern und dem Internet zu bestehen. Weitere Investitionen in Produktionsanlagen und den eigenen Fuhrpark- und Logistikbereich am Standort Northeim sollen die gute Marktposition auch in Zukunft erhalten und ausbauen.

Weiterführende Links

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Augen auf beim Matratzenkauf

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