Gut angekommen

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Text von: Heidi Niemann

Der Wechsel von der brodelnden Kulturmetropole Berlin in die beschauliche Universitätsstadt vor zehn Jahren bedeutete für Chefdirigent Christoph-Mathias Mueller eine starke Umstellung. Inzwischen fühlt sich der Schweizer hier zu Hause – und verlängerte seinen Vertrag beim Göttinger Symphonie Orchester.

Als Christoph-Mathias Mueller das Angebot erhielt, Chefdirigent in Göttingen zu werden, ist er erst einmal durch die Innenstadt spaziert. „Dabei ist mir aufgefallen, dass es hier viel Leben auf der Straße gibt. Das war sehr wichtig für mich.“ Vor allem eines gefiel ihm: der Klang der Stadt.

„Durch die Studenten ist die Stadt sehr international, man hört viele unterschiedliche Sprachen, das finde ich toll.“

Der Schweizer Dirigent, der zuvor viele Jahre in Berlin und Boston gelebt hatte, entschloss sich, das Angebot anzunehmen. Einfach so durch die Stadt flanieren, dazu kommt der 48-Jährige heute zeitbedingt allerdings eher selten, obwohl er hier sehr gerne einkaufen gehe: „Ich mag die Läden.“ Göttingen ist klein, der Chefdirigent ist eine bekannte Person. „Man wird angeschaut, man wird angesprochen, das ist sehr nett“, sagt er.

Die erste Zeit hatte er auch in Göttingen gewohnt. Vor vier Jahren ist er dann gemeinsam mit seiner Frau, die bis dahin als Musikerin in den USA gelebt hatte, nach Bovenden gezogen. Zuvor hatten sie 15 Jahre lang eine Fernbeziehung auf zwei verschiedenen Kontinenten geführt. In diesem Sommer haben sie eine zwei­wöchige Rundreise durch die schottischen Highlands unternommen – ein ganz besonderer Höhepunkt: „Wir haben in den 20 Jahren, die wir zusammen sind, erst dreimal Ferien zu zweit gehabt. Umso mehr haben wir diesen gemeinsamen Urlaub genossen.“ Beide lieben die schottische Landschaft: Die vielen Wolken, das satte Grün, die Blumen – das sei einfach wunderschön.

Auch die Landschaft rund um Göttingen gefällt ihm sehr. „Dieses Hügelige hier erinnert mich ein bisschen an die Schweiz. Was mir allerdings fehlt, ist das Wasser. Ich bin am Zürichsee aufgewachsen, so ein großes Gewässer gibt es hier nicht.“ Dafür habe Göttingen einen anderen Vorteil: Hier sei es im Sommer abends länger hell. Zu seinem Haus in Bovenden gehört auch ein kleiner Garten, in dem er inzwischen probiert, ­Gemüse anzubauen. „Teilweise funktioniert es sogar!“

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Der Chef des Göttinger Symphonie Orches­ters ist zu Hause ebenfalls ständig von Musik umgeben.

„Musik ist etwa Lebenswichtiges für mich“, sagt er.

Er hat mehr als 4.000 Schallplatten und mindestens ebenso viele CDs. Außerdem durchforstet er regelmäßig das Internet: „Da findet man unglaublich tolle historische Aufnahmen.“

Heute kann man in adäquatem Klang Interpreten hören, die beispielsweise noch mit den gro­ßen Komponisten der Romantik befreundet waren. „Deren Interpretationen interessieren mich besonders, weil man auf diese Weise einiges über die Gedanken des Komponisten erfahren kann.“ Mueller hört vor allem klassische Musik. Eine seiner ältesten Platten bedeutet ihm am meisten: Beethovens 4. Klavierkonzert mit Artur Schnabel.

„Das ist eine magische Aufnahme“, sagt Mueller schwärmend.

Auch Jazz hört er gerne, ab und zu auch ,Kitschmusik‘ aus den fünfziger Jahren: „Die waren zum Teil sehr gut arrangiert.“ Eine Zeitlang hat er sich auch mit Popmusik beschäftigt und sich auf MTV die Videos von Michael Jackson & Co. angeschaut. „Nicht nur die Stücke, auch die Auftritte waren sehr gut gemacht.“ Leider fehlt ihm heute oftmals die Zeit, außerhalb der Klassik auf musikalische Entdeckungsreise zu gehen. Umso begeisterter ist er über die Veranstaltung ,Pop meets Classic‘, bei der das Göttinger Symphonie Orchester mit über 100 unterschiedlichen Musikern auftritt:

„Alle Künstler sind mit so viel Herzblut und so großer Intensität dabei, das macht einfach unglaublich viel Spaß.“

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Am meisten begeistert Mueller jedoch sein Orchester. Schon bei der ersten Probe habe er gemerkt, dass die Chemie stimmt.„Das Orchester ist einfach wahnsinnig musikantisch. Alle lieben es, Musik zu machen, und das ist nicht immer so bei Orchestern. Wir sind in den vergangenen Jahren gemeinsam gewachsen.“ Die Qualität des Orchesters sei enorm gestiegen und steige immer noch weiter, das sei wirklich fantastisch. Ein weiterer Grund, der ihn dazu bewogen hat, seinen Vertrag bis zum Jahr 2018 zu verlängern, ist die Offenheit des Publikums: „Auch wenn den Konzertbesuchern nicht immer alles gefällt, sind sie trotzdem interessiert und bereit, sich überraschen zu lassen. Das ist sehr motivierend.“

Die meisten Konzerte finden in der Stadthalle statt. Ganz in der Nähe befindet sich auch Muellers Lieblingsort in Göttingen. Er mag die Albanikirche, vor allem von außen. „Sie strahlt wirklich etwas ganz Spezielles aus.“
Auch wenn er inzwischen über einen großen Erfahrungsschatz verfügt und schon viele Programme gestaltet hat, ist jedes Konzert eine neue Herausforderung. „Ob die Zusammenstellung geglückt ist und die Dramaturgie gestimmt hat – das weiß ich immer erst am Schluss des letzten Akkords.“ Als künstlerischer Leiter des Symphonie­orchesters beschäftigt er sich indes nicht nur intensiv mit der Musik, sondern auch mit ihrer Entstehungsgeschichte und liest vor allem Fachliteratur, zum Beispiel Biografien von Komponisten oder historische Abhandlungen. Für Belletristik habe er leider kaum Zeit. Und weil er von Natur aus neugierig und lernhungrig sei, nutze er auch gerne die Recherchemöglichkeiten, die das Internet biete. „Das ist allerdings gefährlich, weil ich es meistens nicht bei einer Suchanfrage belasse, sondern ständig weitere Seiten anklicke.“ Seine Frau habe ihn schon des Öfteren ermahnt, dass sein Zeitmanagement „verbesserungswürdig“ sei. „Inzwischen befinde ich mich auf dem Weg der Besserung“, sagt er schmunzelnd und hofft, dass er den Computergebrauch noch weiter reduzieren kann.

Christoph-Mathias Mueller ist durch seinen Beruf gezwungenermaßen ein Nachtmensch.

„Nach einem Konzert brauche ich meistens bis zwei Uhr morgens, um wieder runterzukommen. Gottseidank benötige ich nicht so viel Schlaf.“

Da er ständig mit vielen Menschen zusammenarbeitet, verbringt er seine wenige freie Zeit am liebsten zu Hause. „Meine Frau kocht gut – ich koche gern“, erzählt er und lacht. Zum Essen trinkt er gern ein Glas Wein, genauer gesagt: Rotwein, um es ganz genau zu sagen: Bordeaux. „Das Schöne beim Bordeaux ist, dass man mit ein bisschen Übung herausfinden kann, in welcher Lage er angebaut wurde.“ Noch Geübtere könnten sogar den Jahrgang herausschmecken. So weit hat er es allerdings noch nicht gebracht. Intensiv übt er dann doch lieber mit dem Orchester, aus dem er noch mehr herausholen möchte.

„Wie soll sich das Orchester weiterentwickeln? Wie will ich mich weiterentwickeln? Mit diesen Fragen setze ich mich ständig auseinander.“

Die Beziehungen zu den Musikern sind zwar intensiv und herzlich, müssen sich aber auf die professionelle Ebene beschränken. Das sei in einer solchen Leitungsfunktion wichtig. Da er vor allem dann arbeitet, wenn das Gros der Bevölkerung frei hat, hat er wenig Zeit und Gelegenheit, private Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. „Ich habe aber zum Glück einige sehr enge Freunde, die mir sehr wichtig sind. Diese sind allerdings quer über die Welt verstreut, sodass wir uns leider nur selten treffen können.“
Seine Frau hat in Göttingen inzwischen auch einige Freunde gefunden, die nichts mit dem Musikbetrieb zu tun haben.

Mueller freut sich darüber:

„Wenn wir zu ihren Freunden gehen, bin ich nicht der Chef­dirigent des Göttinger Symphonie Orches­ters, sondern der Mann meiner Frau – und das genieße ich.“