Grüner wird´s nicht

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Tobias Kintzel

Der Tesla Model S verschlägt der Energieexpertin Doreen Fragel die Sprache – auch wenn ihr das Luxus-Elektroauto eigentlich zu protzig ist.

Wenn man weiß, dass der Tesla Model S ein Elektroauto ist, ist schon beim ersten Anblick alles anders. Der Tesla sieht – im Gegensatz zu nahezu allen anderen Elektroautos – richtig gut, eigentlich eher sexy, aus. Das überzeugende, sportliche und kraftvolle Design ist hier das Statement. Und nicht das offenbare Vergessen der eigenen Design-Fähigkeiten der anderen Anbieter von Elektroautos. Weiß man nicht, dass der Tesla ein Elektroauto ist, dauert es bis zum Einsteigen, ehe man realisiert, dass etwas nicht wie gewohnt ist.

Der Blick wird beinahe automatisch auf den hochauflösenden 17-Zoll-Touchscreen gelenkt, der zentral auf der Mittelkonsole platziert ist. Viele wären vor noch gar nicht allzu langer Zeit über ein ähnlich großes Laptop-Display mit dieser Auflösung froh gewesen. „Es gibt hier doch tatsächlich nur noch zwei Knöpfe, die man noch manuell bedient wie in anderen Autos“, stellt Doreen Fragel, die Geschäftsführerin der Energieagentur Region Göttingen e.V., erstaunt den Kopf schüttelnd fest. Neben dem Blinker findet man den Automatikwählhebel am Lenkrad sowie je einen Taster für die Warnblinkanlage und zum Öffnen des Handschuhfachs. Das war es. Fragel scheint angetan zu sein vom Touchscreen, der gleichzeitig Schalt- und Informationszentrale sowie Internetzugang ist. Sie nimmt einige Einstellungen vor, macht sich mit der Bedienung vertraut. Zustande gekommen ist die Testfahrt im Rahmen der ‚Deutschland-Tour‘ eines Pop-Up-Stores des amerikanischen Elektroautobauers, auf der mit einer Tesla-Flotte ein- bis zweitägige Stopps in verschiedenen Städten eingelegt werden. Als Testfahrerin für den Tesla ist Doreen Fragel genau die Richtige Wahl: Zusammen mit ihrem Team kümmert sich die Geschäftsführerin der Energieagentur um Themen wie Energieeffizienz, regenerative Energieprojekte, Energieberatung und Gebäudemodernisierung. Dabei haben sie immer das übergeordnete Ziel einer zukunftssicheren und Ressourcen schonenden regionalen Energieversorgung in Blick.

Nach der kurzen Phase des Orientierens will Doreen Fragel das Elektroauto endlich auf den Straßen Hannovers bewegen. Im Ohr haben Fahrerin und Autor noch den Hinweis der Tesla-Mitarbeiterin, auf den Autopilot zu verzichten. Schon nach wenigen Metern im Stadtverkehr fällt auf, dass man nichts hört. Nichts. „Man kann sich ganz normal unterhalten, das ist unheimlich angenehm“, stellt sie fest. Der Tesla gleitet durch den superleisen Elektro-Antriebsstrang tatsächlich ohne nennenswerte eigene Fahrgeräusche durch den Verkehr – und dank der guten Schallisolierung blieben auch die Geräusche der anderen Verkehrsteilnehmer weitgehend draußen. „Toll finde ich auch das Platzangebot für Fahrer und Beifahrer sowie die komfortablen Sitze. Beides trägt zur Entspannung und zum stressfreien Fahren bei.“

Beim kurzen Stopp zum Fotoshooting bei den Herrenhäuser Gärten kommt der weiße Tesla vor der grünen Kulisse richtig gut zur Geltung. Das Design besticht durch fließende Linien, die wiedererkennbare Frontpartie mit markanten Scheinwerfern und das kompakte, dynamische Heck. Effektvoll sind die wenigen, mit Bedacht gesetzten Akzente in Silbermetallic: die Türgriffe, das Tesla-Emblem am vorderen Kotflügel und auf den Felgen. Während Doreen Fragel den Tesla „etwas zu protzig“ findet, scheint er bei den zufälligen Passanten gut anzukommen. Die meisten verdrehen sich die Köpfe, um einen langen Blick auf das Elektroauto zu erhaschen.

Als es weitergeht, zaubert der Tesla aber doch ein breites Grinsen auf das Gesicht der Fahrerin. Jetzt, da sich der zähe Feierabendverkehr etwas lichtet. „Ich tippe das Gaspedal nur leicht an“, ist die studierte Volljuristin Doreen Fragel begeistert. „Und der geht ab wie verrückt.“ Die Beschleunigung aus dem Stand verschlägt einem tatsächlich die Sprache. Der Tesla hat einen wahnsinnigen Antritt, genau wie andere Sportwagen, nur eben im Flüsterton. Der serienmäßige Dual-Motor-Allradantrieb mit dem 510 PS starken Heckmotor und dem 262 PS Frontmotor steuert das Drehmoment an den Vorder- und Hinterrädern separat und digital. Der Tesla bringt seine Kraft so unfassbar direkt auf den Asphalt und ist in nur 3 Sekunden von 0 auf 100 Km/h. Dazu überzeugt er mit seiner optimalen Straßenlage. Die gleichmäßig unter der Fahrgastzelle zwischen den beiden Achsen verteilten Batterien sorgen für einen niedrigen Schwerpunkt. Die direkt an den Achsen sitzenden Motoren habe noch einen weiteren positiven Effekt: Im Tesla ist Platz für je einen Kofferraum vorne und hinten. „Das ist schon krass“.

Voll aufgeladen und bei einer Geschwindigkeit von 100 Km/h hat das Auto eine Reichweite von 500 Kilometern. Gut, dass das Navigationsgerät die Ladestationen entlang der Strecke zeigt, und das Fahrzeug jederzeit genau berechnet, mit welcher voraussichtlichen Restladung man am Ziel ankommt. „Aus Erfahrung kann ich sagen, dass auch bei einem Elektroauto der Gasfuß entscheidet, wie weit es mit einer Ladung wirklich geht“, berichtet Fragel. Sie fährt privat ein Hybrid-Fahrzeug, einen Toyota Prius. Aufgeladen wird ein E-Auto mit Strom aus eigener Produktion: Die Familie Fragel hat Solarzellen auf dem Hausdach. Das passt zu einer Geschäftsführerin einer Energieagentur. „Ein Vorteil der Elektroautos ist die Energierückgewinnung, die auch Rekuperation genannt wird, aus dem Bremsvorgang mit der Nutzbremse“, erklärt die Energieexpertin. „Das erhöht die Reichweite“.

„Ich hatte erst vermutet, dass ich zu tief sitzen und keine gute Sicht haben würde“, beschreibt Doreen Fragel ihre Eindrücke am Ende der Testfahrt. „Das ist überhaupt nicht der Fall. Die Übersicht ist super. Beeindruckt bin ich von der Rückfahrkamera und dem gestochen scharfen Bild auf dem Touchscreen, das hilft beim Rückwärtsfahren sehr.“ Sie macht den Eindruck, dass sie eine Menge Spaß mit dem Tesla hatte.

Drei Fragen an Doreen Fragel rund um das Thema Elektroautos

faktor: Frau Fragel, als wir unterwegs waren, haben Sie gesagt, dass Sie oft E-Fahrzeuge mit selbst produziertem Strom aufladen. Gehört das für Sie dazu?

Doreen Fragel: Ja, für mich gehört das zusammen. Wer Elektroauto fährt, sollte darauf achten, es mit Ökostrom aufzuladen. Aus der Steckdose kommt in der Regel im Bundesdurchschnitt nur zu 30 Prozent Öko-Strom. Ich muss allerdings deutlich unterstreichen, dass der CO2-Fußabdruck eines Elektro-Autos über den gesamten Lebenszyklus gesehen auch jetzt schon deutlich besser ist als bei konventionellen Fahrzeugen, auch wenn der Öko-Strom-Anteil derzeit nur bei 30% liegt.

faktor: Dann wäre ja Tesla, wenn die Übernahme von Solarcity gelingt, auf dem richtigen Weg, oder? Dann könnten Autokäufer direkt noch Solarzellen und Hausakkus hinzukaufen.

Fragel: Tesla begibt sich auf den richtigen Weg, wenn das Engagement für den Erneuerbaren „Kraftstoff“ verstärkt wird. Und Fakt ist auch, dass mehr Gebäudeeigentümer in Solarenergie möglichst mit Speichern investieren sollten, denn die erneuerbare Eigenstromversorgung hat insbesondere in unserer Region ein riesiges Potenzial wie das Solardachkataster Südniedersachsen zeigt. So kann der E-Autofahrer daheim und an seiner Arbeitsstätte erneuerbar tanken.

faktor: Wie stehen Sie zur Kaufprämie, die es seit Juli dieses Jahres für Elektroautos und Hybridfahrzeuge gibt?

Fragel: Ich denke, das Geld sollte eher in den Ausbau der Erneuerbaren Energien und in die Infrastruktur gesteckt werden. Den Fahrern von Elektroautos könnten dann lückenlos Ladestationen zur Verfügung gestellt werden – am besten natürlich wind- und solarbetriebene.