“Gold in den Köpfen“

Text von: Sebastian Günther

Landrat Reinhard Schermann im Gespräch mit dem Arzt Thomas Carl Stiller und mit dem Unternehmer Udo Schmidt über den Innovationsstandort “Landkreis Göttingen“.

Neue Entwicklungen sind einer der Motoren für eine florierende Wirtschaft. Herr Schermann, was genau bedeuten Innovationen für den Landkreis?

Schermann: Innovation ist ein Schlüsselfaktor für die Überlebensfähigkeit und den Erfolg unserer Unternehmen im globalen Wettbewerb. Damit lassen sich nachweislich Arbeitsplätze erhalten oder sogar schaffen.

Ziel ist die Schaffung einer starken, dynamischen Region in der Mitte Deutschlands. Dafür brauchen wir starke, zukunftsfähige Betriebe – durch Innovation als dauerhaften Prozess. Innovation bezieht sich aber nicht nur auf die Wirtschaftsbetriebe, sondern auch auf Forschung und Verwaltung.

Wir müssen auf allen Ebenen schneller und besser sein als andere. In der Forschung kann es das Lichtmikroskop des Bundesinnovationspreisträgers Hell sein, in der Verwaltung die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren.

Es gibt noch viel zu tun, aber die Region befindet sich auf der Überholspur. …und wie stellt sich der Innovationsbegriff für Unternehmer und Freiberufler dar?

Stiller: Aus Sicht des Freiberuflers kann ich sagen: Auch wir müssen natürlich innovativ sein, obwohl wir keine Millionenbeträge oder Produktionsstandorte haben. Unsere Produkte sind die Beratung, das Know-how oder eine gute Idee.

Mir hat der Gesetzgeber ermöglicht, eine Zweigpraxis zu gründen. Dabei gehen wir in eine Region, wo es Menschen aufgrund einer schrumpfenden Infrastruktur schwer haben, einen Arzt aufzusuchen. Dazu haben wir eine Lösung mit einer über das Internet vernetzten EDV entwickelt. So können wir zeitgleich an allen Standorten auf alle Daten zugreifen.

Das ist ein Modell, um einem zukünftigen Ärztemangel entgegenzuwirken. Dass wir weniger Sprechzeiten haben, ist dabei unwichtig. Die Hauptsache ist: Wir bieten etwas an.

Um die Dörfer weiter zu stärken, wollen wir am Beispiel von Barterode ein neues Projekt etablieren. Mit der Internetplattform www.digiba.de wollen wir zeigen, dass wir mit den für das Land geforderten Internetbreitbandverbindungen auch etwas anfangen können. Es soll ein digitales Dorf entstehen, bei dem Senioren und jüngere Menschen in eine Beziehung gesetzt werden.

Das Motto lautet: Was ist los in Barterode? Komprimiert auf einer Seite und mit einfachsten Mitteln zu bedienen, soll alles auftauchen: die 55 örtlichen Gewerke, die Suche nach Mitfahrgelegenheiten oder der Bericht vom letzten Dorffest.

Schmidt: In die Innovation bin ich mit meinem Unternehmen mehr oder weniger hineingeschlittert. Den von mir erfundenen Huf- und Klauenreiniger haben wir im Juni 2008 der Öffentlichkeit vorgestellt. Innerhalb eines Jahres ist es uns gelungen, das Gerät zur Marktreife weiter zu entwickeln.

Nachdem wir die Erfindung auf der internationalen Messe Eurotier vorgestellt haben und dort mit einer Silbermedaille ausgezeichnet wurden, hat sich die Erfindung auf dem gesamten Globus herumgesprochen. Wir haben auf unserer Internetseite zwei bis drei Klicks pro Tag aus dem Ausland. Dies zeigt, dass eine Innovation schnell an Größe gewinnen kann und auch Landesgrenzen keine Hürden darstellen.

Wie bewerten Sie insgesamt die Voraussetzungen für neue Entwicklungen in der Region?

Stiller: Wichtig ist, dass die Schwellen, miteinander in Kontakt zu treten, niedrig geworden sind. Wir haben hier jetzt ein Innovations-, Betriebs- und Verwaltungsklima, wo die Akteure miteinander reden und aufeinander hören. Das macht Mut für junge und etablierte Unternehmer, auf andere zuzugehen und sich auszutauschen.

Die Menschen fühlen sich wieder verantwortlich und packen selbst an. Sie warten nicht mehr auf eine Lösung von oben oder auf den großen Retter. Unser Rohstoff sind gute Ideen und die gute Ausbildung. Besonders in Göttingen sind wir reich an diesen Rohstoffen.

Schmidt: Unabhängig von der Region ist für neue Entwicklungen wichtig, dass die Weltöffentlichkeit immer noch schaut: Was wird in Deutschland gemacht? Denn was in Deutschland entwickelt und gebaut wird, das ist Qualität.

Deswegen bin ich auch stolz darauf, dass unser Gerät die Aufschrift „Made in Germany“ trägt. Dieses Siegel hilft enorm dabei, mit einer Innovation international erfolgreich zu sein.

Die Grundvoraussetzungen für neue Ideen scheinen also gegeben. Wie sind Sie, Herr Schermann, mit der Innovationskraft im Landkreis zufrieden?

Schermann: Wir profilieren uns als Wissens- und Innovationsregion. Deshalb freue ich mich über Initiativen wie das „digitale Dorf Barterode“ oder die Erfindung des Huf- und Klauenreinigers. In diesem Land, wo wir eigentlich gewohnt sind, immer nach dem Staat zu rufen, nehmen Bürger und Unternehmer eine Sache selbst in die Hand – etwas Besseres kann uns nicht passieren.

Wir als Landkreis versuchen mit der Wirtschaftsförderung Region Göttingen GmbH (WRG) diese Eigeninitiative durch Beratung und gezielte Angebote zu unterstützen. Hier ist zunächst der Innovationspreis zu nennen, mit dem wir jedes Jahr einen neuen Teilnehmerrekord erreichen. Dazu kommt das „Forum für Ideen“ als exklusives Netzwerk für alle Teilnehmer des Innovationspreises.

Die positiven Auswirkungen dieser Initiativen werden bereits sichtbar. So sind viele Göttinger Persönlichkeiten mit Preisen wie Mittelstands-, Bundesinnovations- oder Wissenschaftspreis ausgezeichnet worden. Wir haben tolle Leistungsträger und großartige Dorfgemeinschaften. Ich setze hier auf das „Kraftwerk Mensch“.

Es wurden die Initiativen des Landkreises angesprochen. Wie stellt sich das Angebot aus der Sicht des Freiberuflers und des Unternehmers dar?

Schmidt: Ich habe festgestellt, dass in der Wirtschaftsregion Göttingen nicht nur geredet wird – es wird auch etwas getan. Das wir jetzt einen marktfähigen Huf- und Klauenreiniger haben, ist zum Teil das Verdienst der WRG. Die Mitarbeiter kamen oft zu uns, haben Fragen beantwortet und uns viele Adressen gegeben.

Besonders mit der Unterstützung bei der Anmeldung des Patents bin ich sehr zufrieden. Denn wenn dabei nicht die einzelnen Schritte eingehalten werden, ist das Patent am Ende nichts mehr wert.

Stiller: Tatsächlich haben wir mit der WRG eine Institution, die den gesamten Wirtschaftsbereich abarbeitet. Wenn die Mitarbeiter nicht selbst helfen können, wissen sie zumindest, wo der richtige Ansprechpartner zu fi nden ist. Auch der Innovationspreis ist eine hilfreiche Einrichtung. Er bietet eine schöne Gelegenheit, Ideen zu hören und zu sehen, was die anderen machen. Es ist dabei nicht entscheidend, den Preis zu gewinnen. Der Prozess ist eigentlich wichtiger als der Gewinn.

Schmidt: Das kann ich nur unterstützen. Durch die Teilnahme wird die Idee häufig erst richtig strukturiert. Da wird das ganze Gebilde erstmals detailliert zu Papier gebracht. Das ist wichtig, denn als Erfinder läuft man schnell in eine Ecke. Beim Innovationspreis ist ein Überblick über das gesamte Gebilde möglich. Dadurch und durch den Austausch beim Forum für Ideen entwickeln sich manchmal sogar Verbesserungsvorschläge. Bei uns entstand so die Idee, das Konzept des Huf- und Klauenreinigers auf eine Schuhputzmaschine zu übertragen. Dieses Projekt wird jetzt gemeinsam mit Studenten der Universität umgesetzt.

Herr Schermann, trotz positiver Bewertung: Stillstand bedeutet Rückschritt. Wie sieht die Unterstützung für Unternehmen in Zukunft aus?

Schermann: Landkreis und WRG leben von den Impulsen aus Wirtschaft und Wissenschaft. Unsere Aufgabe ist es, entsprechend dem Bedarf der Betriebe die erforderlichen Prozesse zu organisieren. Beispiel: Wir haben erst kürzlich gemeinsam mit Vertretern aus Wissenschaft, Forschung und Unternehmen überlegt, wie die Qualität der Innovationsregion weiter verbessert werden kann.

Bisher wurde Innovation noch weitgehend branchenübergreifend gepflegt. Jetzt soll der Erneuerungsprozess branchenspezifisch vorangetrieben werden. Als Vorbild gilt der Verpackungscluster. Darüber hinaus soll eine Innovationscommunity im Internet zum Gedankenaustausch mit „Suche-Biete-Rubrik“ aufgebaut werden. Über die erweiterte Kommunikation sollen nach Möglichkeit Kooperationen entstehen.

Des Weiteren denken wir über die Einrichtung einer Unternehmensakademie nach. Dabei geht es nicht nur um die Hilfe bei der Innovation von Produkten, sondern auch bei der Gesamtinfrastruktur. Die Stichworte lauten: Marketing, Vertrieb, betriebswirtschaftliche Kenntnisse, Wissenstransfer sowie Ausbildung und Qualifizierung des Personals. Diese Infrastruktur benötigen besonders junge Unternehmen. Wir wollen den Menschen das Optimale bieten, um das Gold in ihren Köpfen zu aktivieren.

Vielen Dank für das Gespräch!