Göttinger Forscher machen Fortschritte bei Therapiemöglichkeiten für Alzheimer

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Text von: Redaktion

Wie man bei Mäusen Demenz aufhält und verlorene Erinnerungen zurückholt, beschreiben Forscher des European Neuroscience Institute Göttingen in der Fachzeitschrift NATURE. Hoffnung auch für den Menschen.

Erinnerungen gehen verloren und Neues bleibt nicht mehr hängen. Das ist die Realität für Alzheimer-Patienten und Menschen mit ähnlichen Demenz-Erkrankungen. Forscher vom European Neurosciences Institute Göttingen (ENI-G) und dem renommierten Massachusetts Institute of Technology (Boston, USA) beschreiben jetzt in der Fachzeitschrift NATURE, wie sie bereits stark vergesslichen „Alzheimer-Mäusen“ mit „Hirnjogging“ und mit chemischen Substanzen, so genannten HDAC-Inhibitoren, zu neuer Lernfähigkeit und zur Erinnerung an bereits Vergessenes verholfen haben (NATURE online am 29. April 2007). Die Ergebnisse sollen nun als Ausgangspunkt für klinische Studien am Menschen dienen.

Wenn Nervenzellen im Gehirn ihre Funktion verlieren, sterben sie ab. Bis zu einem Drittel weniger Gehirnvolumen weisen Alzheimer-Patienten bei ihrem Tod auf. Im Verlauf der Erkrankung gehen Erinnerungen aber nicht unbedingt gleich für immer verloren, vermuten Neurowissenschaftler. Sie werden für das Bewusstsein unerreichbar, weil die Nervenverbindungen zu den Speicherorten untergehen. „Andere Nerven können die Kontakte übernehmen, wenn man ihnen dabei hilft“, sagt André Fischer, Leiter der Nachwuchsgruppe Experimentelle Neuropathologie am European Neuroscience Institute Göttingen.

Neurowissenschaftler wissen inzwischen, dass im Gehirn von Alzheimer-Patienten in den betroffenen Nervenzellen ein bestimmtes Eiweiß zu aktiv ist. Wie der fortschreitende Hirnschwund wirksam aufgehalten werden kann, ist jedoch noch immer ein Rätsel.

Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass Personen mit höherer Ausbildung und kognitiv herausfordernder Beschäftigung ein geringeres Demenz-Risiko aufweisen. Zudem ist bekannt, dass körperliches Training eine mögliche Hilfe zur Prävention der Alzheimer-Krankheit ist, beziehungsweise sie hinauszögern kann. Bereits an Demenz erkrankten Personen profitieren von nicht-medikamentösen Therapien wie kognitivem Training oder der „Milieutherapie“ – der Veränderung des gesamten Wohn- und Lebensbereiches in Richtung auf eine vermehrte Anregung und Förderung ansonsten brachliegender Fähigkeiten.

Hoffnung für Alzheimer-Patienten

Fischer ging der Frage nach, ob sich Lernfähigkeit und Erinnerungsvermögen auch bei demenzkranken Mäusen wieder herstellen lassen. Mit Hilfe einer Substanz im Futter konnte Fischer das nervenschädigende Protein p25, eine „aggressivere“ Variante von p35, beliebig in dem Gehirn der kleinen Nagetr an- oder abschalten. Wenn p25 über Wochen lang angeschaltet wird, zeigen die Tiere alle Merkmale der Alzheimerschen Krankheit wie den Abbau von Nervenzellen und typische Eiweiß-Ablagerungen.

Zunächst setzte Fischer erwachsene Mäuse nach sechs Wochen p25-Behandlung und messbarem Hirnschwund für vier Wochen in eine „bereichernde Umwelt“ mit viel „Mäuse-Spielzeug“ und verstecktem Futter. Bei gleich bleibend geringer Hirnmasse verbesserten sich das räumliche Orientierungsvermögen und die Fähigkeit, „geistige Verknüpfungen“ herzustellen bei den „Lern-Mäusen“ deutlich im Vergleich zu den Artgenossen in „langweiliger“ Standard-Unterbringung. Die Nager in abwechslungsreicher Umgebung begannen sogar, sich an Dinge zu erinnern, die sie längst vergessen hatten.

Eine Aktivierung von bestimmten Gen-Familien lässt sich auch mit Hilfe bestimmter chemischer Substanzen erreichen. Ob eine Behandlung der Mäuse mit Hemmstoffen (HDAC-Inhibitoren) genauso Lern- und Erinnerungs-fördernd wirkt wie der „Mäuse-Spielplatz“, untersuchte Fischer als Nächstes.

Einmal täglich erhielten gesunde und bereits erkrankte Mäuse entsprechende Substanzen. Alle behandelten Versuchsgruppen steigerten ihr Lernverhalten deutlich gegenüber unbehandelten Tieren und konnten längst vergessenes Wissen reaktivieren.

„Sowohl geistige Stimulation als auch die Behandlung mit Inhibitoren könnte die Gedächtnisleistung von bereits erkrankten Alzheimer-Patienten verbessern. Unsere Untersuchungen zeigen, dass die verbliebenen Nervenzellen die Aufgaben der bereits abgestorbenen Hirnzellen zumindest teilweise übernehmen können, wenn sie gefordert oder mit Medikamenten behandelt werden. Das lässt hoffen, dass wir auch Alzheimer-Patienten helfen können, den Kontakt zu ihren Erinnerungen zu halten und lernfähig zu bleiben. Ob wir den weiteren Verlauf der Erkrankung mit den HDAC-Inhibitoren ganz aufhalten können, wissen wir auch für Mäuse noch nicht. Unsere aktuellen Forschungen deuten jedoch darauf hin“, sagt André Fischer.