© Luka Gorjup
Text von: Sven Grünewald

Landrat Werner Henning und Thomas Simon, Vorstandsvorsitzender des Wirtschaftsforums Eichsfeld, über die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts, die Flexibilität der Eichsfelder und über die Frage, warum die alte Grenze keine Bedeutung mehr hat

Der Göttinger Kreisnachbar Richtung Südosten liegt näher, als die Thüringer Landesgrenze vermuten lässt: Das Eichsfeld bekennt sich klar zum Oberzentrum Göttingen! Naturräumliche Gegebenheiten und historische Verbindungen haben nach der Wende für eine klare Westorientierung gesorgt. Wirtschaftlich hat das Eichsfeld zudem eine sehr gute Entwicklung gezeigt. Grund dafür waren findige Machernaturen, für die vor allem Ergebnisse zählten …, wie zwei weitere Macher der Region im Gespräch mit faktor erklären.

Herr Henning, Herr Simon, 30 Jahre sind seit der Wende vergangen – was waren die wichtigsten Wegmarken in der Entwicklung des Landkreises Eichsfeld?

Werner Henning: Der Wende und dem Zusammenbruch der staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen folgte eine Notsituationsverwaltung mit Arbeitslosenquoten zwischen 20 und 25 Prozent in den frühen 1990er-­Jahren. Wir hatten aber das Glück, dass sich im Handwerk kleinere Strukturen besser erhalten hatten als in anderen Teilen der DDR. Daraus konnten sich ganz gut neue wirtschaftliche Strukturen entwickeln, viele alte Betriebe wurden von Eichsfeldern selbst übernommen. Ein großes Glück war für uns auch die enge Verzahnung mit Nordhessen und insbesondere Göttingen – es gab viele Vertreter aus Politik und Wirtschaft, die damals hilfsbereit auf uns zugegangen sind, wodurch wiederum gute Freundschaften entstanden sind.

Thomas Simon: Mein Eindruck ist, dass sich die Unternehmerschaft hier ebenfalls mit einer großen Offenheit in den Westen gewandt und dessen Erfahrungen angenommen hat. Unser enormer Vorteil war, dass es anders als in weiten Teilen der DDR noch viele bestehende Kontakte gab – Verwandte, Freunde, Bekannte. Ein Beispiel: Ein Mitglied im Wirtschaftsforum Eichsfeld mit einem Maschinenbaubetrieb hatte seinen Betrieb noch zu DDR-Zeiten aufgebaut. Bekannte im Westen hatten ihm nach der Wende ganz direkt gesagt, dass er das komplett modernisieren muss und was die aktuelle Technik ist. Das hat er gemacht, und mittlerweile ist es ein Betrieb mit internationalen Kunden und über 100 Mitarbeitern, der sich im Wettbewerb behauptet und auch einen Innovationspreis in Göttingen gewonnen hat.

Henning: Ein wichtiger Impuls war für uns auch die Wiederbeteiligung am Energieversorger EAM. Vor diesem Hintergrund haben wir eine eigene starke Kommunalwirtschaft entwickelt, quasi ein Modell der Kreis­werke, das es in Deutschland eigentlich nicht gibt. Auf Kreis­ebene haben wir gut eine halbe Milliarde Euro in das Anlagevermögen investiert. Das sowie der Bau der A38 haben uns starke Impulse vor allem in der Bauwirtschaft gebracht.

Welche Rolle spielen für den Landkreis Eichsfeld der nordhessische und südniedersächsische Raum?

Henning: Wir sind im Grunde von Anfang an stark in das regionale Dreiländereck eingebunden worden. Es gibt beispielsweise eine Landrätekonferenz, in der wir uns abstimmen – gegenwärtig über ein regionales Tourismuskonzept. Wir fühlen uns dort gut aufgehoben, vor allem in der ,imaginären Patenschaft‘ von Göttingen. Wichtig ist aber, sich bewusst zu machen, dass diese Westorientierung des Eichsfelds historisch schon immer so war. Das Obereichsfeld ist die Landschaft auf dem Berg, und man orientierte sich in die Richtung, in die das Wasser floss. Für Leinefelde und Heiligenstadt hat sich das Leben daher schon immer in Göttingen abgespielt. Aber ich denke auch egoistisch: Der Westen hat mehr zu bieten. Göttingen ist unser Oberzentrum, Erfurt ist dafür viel zu weit weg.

Simon: Diese Vernetzung mit Göttingen und Nordhessen war nach der Wende sehr deutlich, aber ich habe den Eindruck, dass inzwischen eine größere Normalität eingezogen ist. Die grundsätzliche Orientierung in Richtung Göttingen gibt es weiterhin, doch insgesamt läuft die Kundenakquise auch im Handwerk mehr oder weniger europaweit. Das ist vielleicht eine Besonderheit im Eichsfeld, dass das meiste an Wertschöpfung außerhalb der Kreisgrenzen stattfindet.

Haben sich der Wegfall der Zonenrandförderung im Westen und das Lohngefälle dafür als wirtschaftsförderlicher Vorteil erwiesen ?

Simon: Gerade das Lohngefälle hat über viele Jahre dazu geführt, dass sich die Standorte hier stabil und gut entwickelt haben. In den letzten etwa fünf Jahren stellen wir aber eine stärkere Angleichung an das Westniveau fest. Daher wird schon vermehrt die Rechnung aufgemacht, ob sich das Pendeln für einen nur geringfügig höheren Stundenlohn noch lohnt.

Henning: Dass durch das Gefälle und die stärkere Förderung im Osten Betriebe über die Grenze abwandern, betont man gerade in Duderstadt oft. Da hört dann auch die große eichsfeldische Gemeinsamkeit auf. Aber wenn es Umsiedlungen gegeben hat, dann waren das Einzelfälle. Auch die Neuansiedlungen haben ihre eigene Geschichte. Ein Beispiel ist die Firma Miritz in Kirchgandern. Die kamen aus Northeim und waren dort mit sehr viel Skepsis konfrontiert – wir konnten uns die gar nicht erlauben. Daher gibt es einige Unternehmen, die sich bei uns entwickelt haben, weil der Westen zu starr, zu kompliziert war, während wir freier und wendiger waren. Heute wird das als Abwanderung wahrgenommen.

Der Landkreis Eichsfeld hat einen negativen Pendlersaldo, und die Bevölkerung nimmt ab. Welche Perspektiven sehen Sie mittel- bis langfristig?

Henning: Das lasse ich nicht ganz gelten, denn der ländliche Raum hat immer eine Zulieferfunktion für die Zentren. Gleichzeitig haben wir eine Arbeitslosenquote von um die 3,6 Prozent, womit wir in Thüringen an dritter Stelle stehen. Ich habe in meiner Zeit als Landrat 38 Schulen schließen müssen – aber jetzt sind wir wieder dabei, die bestehenden Schulen auszubauen, weil sich der Trend umkehrt. In Heiligenstadt haben wir das fünfte Baugebiet erschlossen, bereits abverkauft, und wir kommen mit der Neuerschließung nicht nach, obwohl die Preise mit 120 Euro pro Quadratmeter sehr üppig sind, während die Stadt Eschwege deutlich günstiger anbietet. Ähnliche Bautätigkeit sieht man auch entlang der Autobahn. Von der Abfahrt Arenshausen aus sind es nur 20 Minuten bis nach Göttingen.

Simon: Wir profitieren in der Region von der Randlage und der guten Anbindung an die wirtschaftlich stärkeren Zentren. Wenn Göttingen wirtschaftlich prosperiert, ist das gut für uns. Vor allem, wenn es Leuchttürme mit einer guten Dynamik wie Sartorius gibt. Das zieht Absolventen aus der Region an oder ermöglicht eine Rückkehr in die Region und auch das Pendeln von hier aus. Das darf man nicht unterschätzen. Auf der anderen Seite haben wir mit dem Institut für Bioprozess- und Analysenmesstechnik des Landes eine kleine wissenschaftliche Forschungseinrichtung, die durchaus auch Leute aus dem Göttinger Raum anzieht.

Sehen Sie denn noch einen Aufhol- oder Nachholbedarf gegenüber dem Westen?

Simon: Der Lohnabstand ist geringer geworden, auch wenn er natürlich noch da ist. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Eine viel größere Aufgabe sehe ich statt im Unterschied zwischen Ost und West inzwischen vielmehr bei den unterschiedlichen Lebensverhältnissen zwischen Stadt und Land. Hinter diesem Auseinanderlaufen tritt die Grenze als Unterscheidungskriterium zunehmend zurück.

Henning: Es ist die Frage, was man will. Das Wirtschaftsleben im Ländlichen und im Osten ist geruhsamer und nicht so hektisch, während der Westen spannender, dynamischer ist. Das ist eher ein kultureller Unterschied als eine Frage des Aufholens.

Wo sehen Sie mittelfristig die Herausforderungen für den Landkreis?

Simon: Ein Hauptanliegen ist ganz klar der Ausbau des Breitbandnetzes, um im Ländlichen das ortsungebundene Arbeiten zu ermöglichen. Aber da sehen wir, dass sich etwas tut. Insgesamt ist die Zusammenarbeit mit der Politik hier ziemlich reibungslos und von einer hohen Verlässlichkeit gekennzeichnet, was eine gute Planung ermöglicht.

Henning: Nach einer Studie der IHK Erfurt sind wir die arbeitgeberfreundlichste Kommune Thüringens mit einer sehr hohen Zufriedenheit der Unternehmer. Da sind wir gut aufgestellt. Eine große Baustelle sehe ich hingegen beim sozialen Wohnungsbau. Unsere Gemeinden haben nach der Wende ihren Wohnungsbestand weitgehend abgegeben und so vernachlässigt, dass sich auch der ,letzte arme Hund‘ noch eine Unterkunft leisten können muss. Die Gemeinden sind für diesen sozialen Ausgleich zuständig, und ich möchte, dass sie das wieder stärker tun.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Thomas Simon (l.),

geboren 1964 in Heiligenstadt, absolvierte ein Physik­studium in Leipzig (beim Leipziger Herbst 1989 war er vor Ort), dann ein Promotionsstudium an der Uni in Göttingen im Bereich Physik. Zunächst war Simon als Technischer Leiter, dann 15 Jahre als Geschäftsführer bei einem Automobilzulieferbetrieb tätig. Seit 2017 ist er Geschäftsführer der Kommunalen Wohnungsgesellschaft (KoWo) Ober­eichsfeld GmbH in Heiligenstadt und seit 2016 Vorsitzender des Wirtschaftsforums Eichsfeld e. V.

Werner Henning (r.),

geboren 1956 im Eichsfeld, studierte Lehramt für Deutsch und Musik und promovierte in Kunstwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Von 1986 bis 1988 baute er das Theodor-Storm-Literaturmuseum in Heiligenstadt mit auf, wechselte dann in die Eichsfelder Bekleidungswerke Heiligenstadt. Im stürmischen Herbst 1989 wurde er zum Vorsitzenden des Rates des Kreises Heiligenstadt gewählt, danach zum Mitglied der letzten Volkskammer der DDR, zum Landrat des Landkreises Heiligenstadt und ab 1994 zum Landrat des Landkreises Eichsfeld.