„Göttingen ist ein Paradies“

© Privat
Text von: redaktion

Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Till Schauder, der seine Kindheit und Jugend in Göttingen verbrachte, lebt und arbeitet nun in New York und wirft einen Blick zurück.

Ein US-Basketballer, der im Iran sein Geld verdient. In ausgerechnet jenem Land, gegen das die Vereinigten Staaten ein Handelsembargo ausgesprochen haben, mit dem sie keine diplomatischen Beziehungen mehr pflegen und das von der Bush-Regierung zur ‚Achse des Bösen‘ gezählt wurde.

Klingt verrückt? Ist aber wahr.

Und nicht nur ein Einzelner, sondern gleich eine Handvoll amerikanischer Korbjäger verdient ihr Geld im ‚Feindesland‘.

Noch verrückter ist es allerdings, einen von ihnen über mehrere Jahre mit der Kamera zu begleiten und das ohne Journalisten-Visa, getarnt als deutscher Tourist; „unter dem Radar“ wie es der in Göttingen aufgewachsene Regisseur Till Schauder selbst in Worte fasst.

‚The Iran- Job‘ heißt die dabei entstandene Dokumentation, die Anfang 2013 in deutschen Kinos zu sehen sein wird.

Der Schlüsselmoment

Im Leben vieler Menschen gibt es einen Schlüsselmoment, in dem sie erkennen, welcher Profession sie ihr Leben widmen wollen – komme, was da wolle. Für Till Schauder kam dieser Moment in Form des Spielfilms ‚Harold & Maude‘, den er in einem der früher zahlreichen Göttinger Programmkinos anschaute.

„Als ich auf der Leinwand sah, wie ein Film spielerisch mit gesellschaftlichen Tabus brach und dabei eine neue, befreiende Alternative zum ‚Normalen‘ anbot, da wusste ich, hier passiert etwas, an dem will ich teilhaben“, erzählt der 41-Jährige.

Bevor er aber das erste Mal zur Film kamera griff, hat Schauder zunächst viel fotografiert, angefangen, Filmideen niederzuschreiben und sich filmhistorisch zu bilden.

Das war vor zwei Jahrzehnten ohne Internet bei Weitem nicht so einfach wie heute – wo jeder noch so unbekannte Streifen in den Weiten des Netzes herumschwirrt und legal oder illegal angesehen werden kann.

„Als Schüler bin ich ins Filmmuseum nach Frankfurt getrampt und habe mir amerikanische, deutsche und französische Filmklassiker angeschaut“, erzählt der Wahl-New- Yorker. Dies habe in ihm den Wunsch, Filmemacher zu werden, weiter reifen lassen.

Aus diesem Grund hat er kurze Zeit später wieder den Daumen an der Landstraße hochgehalten. Das Ziel: München.

Die beste Schule

Dabei hatte der Schüler die Chuzpe, bei keinem Geringeren als Werner Herzog anzuklopfen, einem der bedeutendsten deutschen Regisseure überhaupt, und sich als Praktikant zu empfehlen. „Zu meiner Verwunderung hat Herzog mir sogar eine Tasse Kaffee ange boten und sich meine Mappe angeschaut“, erinnert sich Schauder.

Mit einer Zusage ist es aber nichts geworden, denn Werner Herzog brauchte Leute die 10.000 Ratten dirigieren konnten wie in ‚Nosferatu‘. Stattdessen empfahl der Grand Seigneur des deutschen Films Schauder, einfach anzufangen zu filmen, denn das sei die beste Schule.

Und da der Heißsporn Los Angeles als den besten Schulhof ansah, siedelte er in die USA über. Dort bemühte er sich – erfolglos – um ein Praktikum.

Letztlich sei aber das passiert, was immer nötig sei, um an solche Dinge ranzukommen. Schauder konnte einen persönlichen Kontakt knüpfen: „Auf einer Party habe ich ein Mädchen kennengelernt, das jemanden bei der Produktionsfirma von Roger Corman kannte.“

Bei Kultproduzent Corman, dem 2009 der Ehren-Oscar verliehen wurde und der Hollywood-Größen wie Francis Ford Coppola, Martin Scorsese oder George Lucas in seiner Filmwerkstatt in L.A. Starthilfe gab, durfte sich auch der Nachwuchsregisseur aus Göttingen ausprobieren.

Gleichzeitig drehte Schauder seinen ersten Super-8-Film, mit dem er sich an der renommierten Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in München bewarb – und angenommen wurde.

Der Erfolg seines Abschlussfilms ‚strong shit‘ (1998) diente als Initialzündung für seine Filmemacherkarriere. Es folgten weitere Spielfilm- und Fernsehproduktionen, ehe sich Schauder dafür entschied, ins Dokumentarfilm-Genre zu wechseln.

Die Rolle der Familie

Das Interesse für den Iran weckte seine in New York geborene Ehefrau Sara Nodjoumi, deren Eltern iranische Einwanderer sind. Die Darstellung des Landes in den westlichen Medien sei häufig sehr verzerrt, findet Till Schauder.

„Durch eine unpolitische Herangehensweise wollte ich dazu beitragen, das Land und vor allem die Menschen, die dort leben, etwas nuancierter und hoffentlich realistischer darzustellen“, erklärt er die Motivation für seinen Film.

Im Iran fühlte der Regisseur zunächst vor, ob es möglich ist, einen Film über einen US-Korbjäger zu realisieren und war überrascht, wie offen gerade die Basketball-Funktionäre dem Projekt gegenüberstanden.

Größere Schwierigkeiten bereitete es ihm dagegen, sein Bildmaterial zur Bearbeitung nach New York zu schaffen. Denn aufgrund des Handels-Embargos zwischen den USA und dem Iran ist es verboten, Medien- oder Datenträger zu versenden.

Zudem wollte der Wahl-Amerikaner nicht riskieren, dass ihm seine 100 Video-Tapes am Flughafen abgenommen werden. An dieser Stelle kam seine Familie in Göttingen ins Spiel.

Ihr schickte er den Großteil des Materials, das Mutter Schauder anschließend in die Vereinigten Staaten weiterleitete. „Wenn die Bänder unterwegs waren, bin ich auf einmal immer sehr religiös geworden“, sagt Schauder halb ernst, halb ironisch.

Die fünf wichtigsten Kassetten habe er aber – versteckt in seiner Unterhose – in die USA geschmuggelt.

Die Heimat Göttingen

Schauders Eltern verbringen ihren dank der fünf Kinder abwechslungsreichen, aber meist eher ruhigeren Lebensabend gemeinsam in der Gänseliesel-Stadt. Mindestens einmal im Jahr kommt der Sohn zu Besuch, meist im Sommer, da in New York die Hitze nicht auszuhalten sei und seine beiden Kinder ‚große Ferien‘ haben.

Schauder liebt vor allem die Lebensqualität in Südniedersachsen, die er als Kind nicht recht zu schätzen wusste: „Früher war mir Göttingen viel zu klein, heute kann ich nur sagen, es ist ein Paradies.“

Dazu trügen auch die kurzen Wege bei, die man allesamt zu Fuß erledigen könne.

Doch das Bild vom Paradies hat auch Risse. Denn die multi-kulturelle Prägung, die seine neue Heimat New York ausmache, vermisse er in Deutschland: „Wenn ich in Frankfurt aus dem Flugzeug steige, ist es ein kleiner Schock, so viele Weiße zu sehen.“

Neben dieser Uniformität mache ihn aber vor allem nachdenklich, wie man in der Bundesrepublik mit Minderheiten umgehe und wie diese hier leben.

Das lasse sich vor allem am Beispiel der Iraner sehr gut nachzeichnen sagt Schauder: „In den USA gehören Iraner zu den erfolgreichsten Einwanderungsgruppen, sind überdurchschnittlich gebildet, haben einflussreiche Positionen in Kultur, Medien oder Politik. In Deutschland fahren die gleichen Iraner mit der gleichen Bildung Taxi.“

Das sind Sätze, die jeder Integrationsdebatte in Deutschland gut zu Gesicht stehen würden, ausgesprochen von einem Filmemacher mit interkulturellem Gespür.

Zur Person

Till Schauder erblickte im Jahr 1971 in der Uni-Klinik in Seattle, während eines Auslandsengagements seiner Eltern (beide Mediziner), die Welt. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Göttingen, wo er das Basketball-Trikot des ASC trug. Die Filmleidenschaft entdeckte Schauder gegen Ende seiner Schulzeit. Es folgte ein Praktikum bei Kult-Regisseur Roger Coreman in Venice, Los Angeles, sowie die Ausbildung zum Regisseur an der HFF München und zum Schauspieler an der ,Atlantic Theater Company School‘ in New York.

Nach Spielfilmen und anderen Produktionen ist er beim Dokumentarfilm gelandet. Sein Debüt-Film ,The Iran Job‘ schaffte es in den USA und Kanada in die Kinos und soll Anfang 2013 auch in Deutschland zu sehen sein. Eine Vorführung in Göttingen ist bereits geplant. Till Schauder ist mit der Produzentin Sara Nodjoumi verheiratet und hat eine Tochter (5) sowie einen Sohn (3).