“Göttingen ist das Schmuckstück“

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Text von: redaktion

Wo steht die Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen nach dem Start, und wo will sie hin? Geschäftsführerin Claudia Leuner-Haverich über die Neuorganisation, Zukunftsperspektiven und wie künftig mehr Unternehmen an Bord geholt werden sollen.

Die Führung der Metropolregion Hannover- Braunschweig-Göttingen wird verändert. Wie und warum?

Beim Aufbau galt das Motto „governance without government“. Die Metropolregion hat sich lediglich ein gemeinsames Statut gegeben, in der die Grundregeln der Zusammenarbeit festgelegt

wurden. Die Arbeit wurde nebenamtlich, vornehmlich von Kräften aus den Kommunalverwaltungen gemacht. Das wird künftig so nicht mehr funktionieren. Wir wollen uns professionalisieren. Im Kern heißt das, dass eine GmbH mit einer hauptamtlichen Geschäftsführung gegründet wird.

Es soll aber weiterhin viele Gremien geben, etwa eine Gesellschafterversammlung, ein Koordinierungsausschuss oder eine Metropolversammlung. Das klingt eher komplex als schlank.

Alle Metropolregionen tun sich schwer mit einer schlanken Organisationsstruktur. Es liegt auf der Hand, dass wir nicht so organisiert sein können wie eine private Gesellschaft. Unsere Metropolregion ist zudem polyzentrisch – da ist es nun mal schwieriger zusammenzukommen. Wenn unser Neustart so gelingt wie geplant, dann werden wir in punkto Organisation unter den Metropolregionen Deutschlands sehr gut dastehen. Wir hoffen, mit dieser klaren Struktur auch die Wirtschaft und Wissenschaft als Gesellschafter und zur Mitarbeit zu gewinnen. Die teilweise komplizierte Meinungsfindung werden die einzelnen Interessensgruppen künftig unter sich ausmachen. In der neuen Metropolregions-Gesellschaft werden vier Gruppen existieren, wir sprechen von Bänken: Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und das Land Niedersachsen. Die Kommunen beispielsweise schließen sich zu einem Verein zusammen und stellen eine Bank dar. Ich bin sicher, dass so eine effektivere Arbeit möglich sein wird.

Zweck der Metropolregion ist, das Gebiet zu einem Top-Standort zu machen. Messlatte sind Konkurrenten wie München, London, Paris. Wo steht die Metropolregion im Vergleich zu den anderen

elf deutschen und weiteren europäischen Regionen aktuell?

Allein dadurch, dass wir als Metropolregion anerkannt wurden, sind wir in Europa „on the map“. Dadurch sind wir in Berlin und Brüssel stärker im Fokus als andere Standorte. Im Benchmarking

können wir uns mit Standorten wie Lyon oder der Öresundregion vergleichen. Was Forschungsintensität und Innovationsfähigkeit betrifft, liegen wir europaweit im oberen, in anderen Bereichen

im unteren Mittelfeld. Insgesamt können wir uns sehen lassen. Etwas mehr Selbstbewusstsein täte uns gut.

Bei welchen Eigenschaften sind wir denn eher schwach bis mittelmäßig?

Gegen manche Schwächen kann man wenig machen. Wir sind nun mal keine Hauptstadt eines Staates, und auch bei der Gateway-Funktion liegen wir ohne Meerzugang oder großem internationalen Airport nicht an der Spitze. Das kann aber auch kaum ein anderer deutscher Standort von sich behaupten. Andererseits nutzen wir unsere Potenziale nicht ausreichend.

Inwiefern?

Eine von der Metropolregion in Auftrag gegebene Studie der NORD/LB belegt, dass wir unser wirtschaftliches und wissenschaftliches Innovationspotenzial gerade im Zusammenspiel nicht ausreichend nutzen. In den drei Teilregionen ist schon viel passiert. Jetzt müssen wir übergeordnete Kooperationen schaffen.

Unter den bisher angeschobenen Projekten findet sich tatsächlich kaum ein klassisches Wirtschaftsfeld, obwohl das Ziel lautet, Wirtschaft und Wissenschaft zu vermarkten. Warum nicht?

Die Einbindung von Unternehmern ist uns bisher nicht gelungen. Die Metropolregion ist zu „verwaltungslastig“, das wissen wir. Der Wirtschaft wurden während der Aufbauphase keine attraktiven Strukturen geboten. Mit der neuen Organisationsform dürfte sich das ändern, wir haben Zusagen von namhaften Firmen.

Welche Akteure könnten denn künftig zusätzlich begeistert werden?

Eine weitere Studie hat ergeben, dass beim Handwerk in der Metropolregion überraschend großes Innovationspotenzial besteht. Auch viele der bekannten größeren Firmen sind noch nicht dabei.

Aber wir sprechen die ganze Wirtschaft an.

Viele Unternehmer scheinen jedoch noch nicht zu wissen, was sie mit der Metropolregion anfangen sollen. Hat diese ein Imageproblem?

Das höre ich öfter. Wir sind zu wenig bekannt, dass ist sicher richtig und muss deutlich besser werden. Aber ein Problem mit unserem Image ist das glücklicherweise noch nicht. Aber zugegeben,

ein Schwachpunkt war bislang die Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben den Schwerpunkt von Beginn an auf die Projekte gelegt. Wir wollten nicht den Fehler begehen und erst ein breites Marketing aufbauen, um dann verzweifelt zu überlegen, welche Projekte man anschieben kann. Andere Regionen haben das so gemacht. Derzeit ist ein schwach ausgebildetes Image noch kein Manko. Wenn wir in einem Jahr nicht deutlich weiter sind, haben wir ein Problem.

Inwiefern können Unternehmen denn von der Metropolregion profitieren?

Denkbar sind gemeinsame Messeauftritte, Netzwerkeffekte und ein leichterer Zugang zu anderen Märkten, etwa durch Delegationsreisen. Die Metropolregion Nürnberg steht mit Unternehmensvertretern auf Messen in den Arabischen Emiraten. Mehrwert kann auch entstehen, wenn wegen der Werbewirkung einer Metropolregion leichter Kunden und Mitarbeiter gewonnen werden.

Göttingen wirkt wie der Juniorpartner in der Metropolregion. Hier existiert eine latente Befürchtung, von den anderen Städten abgehängt zu werden. Inwiefern ist diese berechtigt?

Diese Gefahr sehe ich nicht. Göttingen ist als exzellenter Wissenschaftsstandort mit hohem internationalen Renommee ein Schmuckstück unter den Metropolregions- Partnern. Wir sind in den Strukturen angemessen vertreten, gehören zu den Namensgebern und spielen eine wichtige Rolle.

Wann wird die Marke „Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen“ etabliert sein? Inwiefern würde ein griffigerer Name den Prozess beschleunigen.

Wir sind überzeugt, dass wir uns als Marke unter den europäischen Metropolregionen etablieren können. Wann das sein wird? Das sind Zukunftsbuchungen. Der Name ist in der Diskussion, keine Frage. Ob er ersetzt wird, wird sich zeigen. Ein abstrakter Name wird aber – das sind die Gesetze des Marketings – schwer national wie international zu etablieren sein.

Wo liegen die Zielkoordinaten, wo soll die Metropolregion in zehn Jahren stehen?

Eine konkrete Zielmarke haben wir nicht gesetzt. Derzeit herrscht in allen Metropolregionen große Dynamik. Einige haben einen zeitlichen Vorsprung, weil sie seit Jahren als solche offiziell anerkannt sind. Ziel muss es sein, von der Konkurrenz nicht abgehängt zu werden und sich gut aufzustellen. Das zu erfüllen, ist schon ein hoher Anspruch.

Vielen Dank für das Gespräch.Interview: BERTI KOLBOW, MARCO BÖHME Fotografie: ALCIRO THEODORO DA SILVA