Glücksmomente

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig, redaktion

Die ‚Elternhilfe für das krebskranke Kind Göttingen‘ feiert in diesem Jahr das 25-jährige Jubiläum ihres Elternhauses – und ist Anlaufstelle für Kinder und Erwachsene zugleich.

Das eigene Kind in Lebensgefahr zu wissen, ist für Eltern das Schlimmste, was passieren kann. Im Moment des Unfalls oder der erschütternden Diagnose zählt nur eins: Wie können wir unserem Kind helfen?

Gedanken, wie es weitergeht, kommen dann oft erst, wenn das Kind in der Obhut der Mediziner angekommen ist.

Jetzt müssen sich die häufig weit entfernt wohnenden Eltern über ihre eigene Unterbringung Gedanken machen. Ein fremdes Hotel wäre sicher eine Option, aber das seit inzwischen 25 Jahren bestehende ,Elternhaus an der Universitätskinderklinik Göttingen‘ bietet eine viel bessere Lösung.

In Sichtweite der Kinderklinik betreibt die ,Elternhilfe für das krebskranke Kind Göttingen e.V.‘ seit 1988 das Elternhaus, in dem Eltern, deren Kinder im Krankenhaus behandelt werden, unterkommen können.

Das Angebot geht aber weit über die reine Unterbringung hinaus. Denn drei psychosoziale Fachkräfte stehen ohne Terminabsprache zur Verfügung, um sich der Probleme der Eltern anzunehmen und ihre Sorgen etwas zu lindern.

Das helle Haus mit dem einladenden, kindgerechten Garten, Spielzimmern und Bibliothek bietet den Geschwistern der Patienten oder auch den kranken Kindern selbst – wenn sie die Klinik verlassen dürfen – viele Möglichkeiten, auf andere Gedanken zu kommen.

Die Eltern können sich beim Kochen und Wäschewaschen kennenlernen und austauschen. „Viele lang anhaltende Freundschaften sind so schon entstanden“, berichtet Otfried Gericke, 2. Vorsitzender des Trägervereins.

Der Initiator weiß aus eigener Erfahrung, wie belastend eine schlimme Krankheit für die gesamte Familie ist und wie wichtig es ist, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Um eine solche Möglichkeit in Göttingen zu schaffen, beschloss im November 1986 der erst ein Jahr zuvor gegründete Verein die Errichtung eines Elternhauses nach britischem Vorbild. Glücklicherweise fanden sich „viele Leute, die nicht nur geredet, sondern etwas gemacht haben“, sagt Gericke.

Dazu gehörte auch Rita Süssmuth, die den Verein bei diesem 1,5 Millionen D-Mark schweren Projekt sehr unterstützt hat.

Ein Bauausschuss unter Leitung von Henning Grahlmann setzte den Beschluss in gut eineinhalb Jahren um – auch aufgrund der schnellen Unterstützung durch die Landesregierung.

Ebenso wichtig sind die zahlreichen Spenden, die durch viele Privatpersonen und Unternehmen aus der Region Göttingen und darüber hinaus in zweieinhalb Jahrzehnten in das Projekt flossen und auf diese Weise den jährlichen Etat von 290.000 Euro decken helfen.

Das Elternhaus beherbergt im Übrigen nicht nur Angehörige krebskranker Kinder, wie der Name des Vereins vermuten lässt, sondern auch die Eltern anders schwer erkrankter Kinder. „Für mich war klar, dass wir keine Eltern abweisen können, deren Kinder nicht an Krebs erkrankt sind. Das würde am Sinn der Einrichtung vorbeigehen“, erklärt Gericke.

32 Betten bietet das Elternhaus inzwischen. Ein Drittel der Kosten tragen die Krankenkassen, die anderen beiden Drittel tragen der Verein und die Stiftung Elternhaus.

Die Aufenthaltsdauer beginnt bei drei Nächten und hat im längsten Fall eineinhalb Jahre betragen.

Unzählige Schicksale erleben die Mitarbeiter. Innerhalb von kürzester Zeit können Glücksmomente und Trauer sich abwechseln. Viele rührende Augenblicke gehören natürlich auch dazu.

So erzählt Dagmar Hildebrandt- Linne, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins, von einer Mutter, die im Flurfenster Kerzen aufstellte, die ihr Kind vom Krankenbett aus sehen und so vielleicht etwas besser einschlafen konnte.