Glaube – Hoffnung – Liebe

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Anselm Grün, deutscher Benediktinerpater und einer der meistgelesenen deutschen Autoren spiritueller Bücher der Gegenwart, über christliche Werte in der Wirtschaft

Seit Jahren suchen viele Firmen nach Werten. Sie spüren, dass die Orientierung am Geld nicht genügt. Werte machen eine Firma wertvoll. Indem eine Firma Werte achtet, schöpft sie auch finanzielle Werte.

Es ist erwiesen, dass Firmen, die nach Werten leben, langfristig erfolgreicher sind als andere, die sich nur nach dem Geld richten. Die christliche Tradition zeigt uns vor allem drei Werte auf: Glaube, Hoffnung und Liebe. Ich möchte die drei Werte kurz bedenken im Blick auf die Wirtschaft.

Glaube

Der Glaube ist zunächst Vertrauen auf Gott. Dieser Glaube führt uns zu einer inneren Freiheit. Wir haben unser Lebenshaus auf den festen Grund Gottes gebaut. Dann sind wir frei von dem Urteil der Menschen. Wir definieren uns nicht von den Menschen, sondern von Gott her.

Und der Glaube entlastet. Wir müssen immer wieder Entscheidungen treffen. Und wir wissen, dass das Gelingen nicht immer von unserem Nachdenken allein abhängt, sondern letztlich vom Segen Gottes. Wir vertrauen, dass Gott das, was wir entscheiden und was wir tun, segnet.

Ob unsere Entscheidungen zum Erfolg führen, können wir auch durch noch so viel Nachdenken nicht garantieren. Der Glaube gibt uns das Vertrauen, dass Gott das Werk unserer Hände und unsere Entscheidungen segnet.

So brauchen wir uns nicht ständig den Kopf zu zerbrechen, ob alles richtig war, was wir entschieden haben. Dieser Glaube entlastet uns und lässt uns dann daheim mit innerer Ruhe auf die Familie zugehen.

Glauben meint aber nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch den Glauben an den Menschen. Der hl. Benedikt fordert uns Mönche auf, in jedem Bruder und in jeder Schwester Christus zu sehen.

Wir sollen an den guten Kern, an den göttlichen Kern in jedem glauben. Indem wir an das Gute im Menschen glauben, helfen wir ihm, dass er sich selbst nicht aufgibt, sondern auf den guten Kern in sich vertraut. Wir wecken mit unserem Glauben den guten Kern im anderen.

Glauben heißt jedoch nicht, dass ich mit einer rosaroten Brille herumlaufe. Ich sehe die Realität, wie sie ist. Aber ich lege den anderen nicht fest auf das, was ich sehe. Durch das Äußere hindurch versuche ich tiefer zu schauen und zu vertrauen, dass hinter der oft unansehnlichen Fassade ein guter Kern steckt, zumindest die Sehnsucht, gut zu sein.

Mit meinem Glauben wecke ich das Gute im andern. Glauben an den Menschen heißt auch: Vertrauen in sie haben.

Vertrauen weckt Energie in den Menschen. Wenn ich meine Mitarbeiter mit einem Grundmisstrauen betrachte und alles kontrollieren möchte, dann wecke ich Gegenkräfte. Dann werden alle nur noch Dienst nach Vorschrift tun.

Heute ist unser Wirtschaften zu sehr von Angst geprägt. Wir wollen alles kontrollieren und protokollieren. Doch damit verschwenden wir sehr viel Energie, die uns für die sinnvolle Arbeit fehlt.

Der jüdische Dichter Paul Celan sagt einmal: „Es gibt keinen Glauben ohne Sprache und keine Sprache ohne Glauben.“ Ob wir glauben oder nicht, das drücken wir in unserer Sprache aus. Ich denke da nicht an eine fromme Sprache, in der wir nach außen unseren Glauben bekennen. „Deine Sprache verrät dich ja“, sagt die Magd zu Petrus.

In unserer Sprache verraten wir unseren Glauben oder Unglauben, unsere Achtung oder Missachtung des Menschen, unsere Kälte oder Wärme, unsere Liebe oder unsere Härte. Wir führen mit der Sprache

. Oft erlebe ich in Firmen eine kalte Sprache. Eine kalte Sprache verschließt die Menschen. Denn niemand will sich an meiner Kälte erkälten. Oft ist es eine bewertende und beurteilende oder gar verurteilende Sprache, ein andermal eine vorwurfsvolle Sprache. Eine vorwurfsvolle Sprache lähmt die Menschen. Nur eine wärmende Sprache öffnet die Menschen.

Lukas spricht von Pfingsten als Sprachereignis. Der Heilige Geist kommt in Feuerzungen auf die Jünger. Wir brauchen eine Sprache, bei der ein Funken überspringt, die wärmt. Nur so eine Sprache verbindet Menschen miteinander und erzeugt Lust, miteinander an einem gemeinsamen Werk zu arbeiten.

Die Kirchenväter sagen: Mit der Sprache bauen wir ein Haus.

In vielen Firmen bauen die Führungskräfte ein kaltes Haus, in dem sich keiner wohl fühlt. Wir sollen ein wärmendes Haus bauen. Das verlangt eine wertschätzende Sprache, die nicht verurteilt, nicht verletzt.

Wenn Führungskräfte über ihre Mitarbeiter schlecht reden, geht davon eine negative Energie aus, auch wenn die Mitarbeiter die verletzenden Worte nicht hören. Eine Bank, die über ihre Kunden schlecht redet, wird sie allmählich verlieren.

Die Sprache macht etwas mit uns. Wenn es eine Sprache des Glaubens ist, dann spüren die Menschen das. Eine Sprache des Glaubens heißt nicht, dass ich möglichst fromme Worte sagen. Ob ich glaube oder nicht, drückt sich in meiner Art und Weise aus, wie ich zu Menschen, über Menschen und von Menschen spreche.

Hoffnung

Der französische Philosoph Gabriel Marcel hat eine Philosophie der Hoffnung geschrieben. Hoffnung – so sagt er – ist etwas anderes, als bestimmte Erwartungen an den andern zu haben.

Hoffnung heißt immer: Ich hoffe auf dich und für dich. Ohne Hoffnung können wir keine Firma führen, ohne Hoffnung können wir nicht in die Arbeit gehen. Das deutsche Sprichwort sagt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Das heißt aber auch: Wo keine Hoffnung ist, ist Tod, Erstarrung, Leblosigkeit.

Der hl. Paulus sagt: Wir hoffen auf das, was wir nicht sehen. Wir hoffen auf den guten Willen unserer Mitarbeiter, den wir manchmal nicht sehen. Wir hoffen auf ihre Kraft, wenn uns ihre Schwäche begegnet. Und wir hoffen auf ihren Willen, sich zu entfalten und zu wachsen, auch wenn wir das gerade nicht erkennen.

Wir hoffen auf das, was wir nicht sehen, und tragen mit unserer Hoffnung dazu bei, dass verborgene Kräfte, die im andern schlummern, geweckt werden.

Ernst Bloch, der Tübinger Philosoph, sagt einmal: Wertvoll ist nur das menschliche Tun, das von Hoffnung durchdrungen ist und Hoffnung vermittelt. Ein Architekt ist ein guter Architekt, wenn seine Bauten gebaute Hoffnung sind, Hoffnung auf Heimat, auf Geborgenheit, auf Sicherheit, auf Schönheit.

Eine Firma wird nur dann bestehen, wenn sie Hoffnung auf ein gutes und sinnvolles Leben vermittelt.

Liebe

Das Wort Liebe scheint zu fromm und zu hoch zu sein für die nüchterne Aufgabe, eine Abteilung zu leiten.

Ein Trainer, der für eine Firma Managerprofile erarbeiten sollte, lieferte sie beim Chef ab. Der meinte, das sei alles richtig, was er da erarbeitet habe. Doch eines habe er vergessen, der Manager müsse seine Mitarbeiter lieben. Der Trainer hatte so ein Wort vom Chef nicht erwartet. Aber er konnte es nur bestätigen.

Wenn ich die Mitarbeiter liebe, kann ich mehr von ihnen erhoffen. Wenn ich sie innerlich ablehne, werden sie das bemerken und in innere Opposition gehen. Ich möchte auch hier nicht moralisierend über die Liebe sprechen, als ob wir immer mehr die andern lieben sollten.

Die Liebe ist für mich vielmehr eine Quelle, aus der ich schöpfen kann. Wenn ich in eine Sitzung gehe mit dem Gefühl, jetzt muss ich meine Zeit mit diesen unsympathischen Mitarbeitern verbringen, dann habe ich nachher Kopfweh. Und alles erscheint anstrengend.

Wenn ich mir jedoch sage: „Ich mag die Mitarbeiter. Manche sind zwar etwas schwierig. Aber ich mag sie trotzdem. Ich arbeite gerne mit ihnen zusammen.“ Dann wird die Sitzung gut werden. Wir werden uns gegenseitig stützen und neue Ideen entwickeln.

Nach so einer Sitzung fühle ich mich erfrischt. In der Psychologie spricht man von Energiespendern und Energieräubern. Eine Sitzung, die von einem Grundwohlwollen geprägt ist, ist ein Energiespender. Eine Sitzung, in der einer den andern übertrumpfen und austricksen will, in der keiner dem andern wohlgesonnen ist, ist ein Energieräuber.

Es wird erstens nicht viel dabei herauskommen, und zweitens wird sie anstrengend für mich. Ich werde gerädert herauskommen.

Platon spricht vom Eros als einer Macht, die in uns ist. Ähnlich spricht Paulus in seinem Hohen Lied der Liebe in 1 Korinther 13 von der Liebe als einer Kraft, die in uns ist, als einer Quelle, aus der wir schöpfen können. Es geht nicht darum, sich zur Liebe zu zwingen. Vielmehr sollten wir darauf vertrauen, dass in uns eine Quelle der Liebe ist.

Bevor wir in die Arbeit gehen, wäre es gut, sich an diese innere Quelle zu erinnern und sich ihrer zu vergewissern.

Wenn wir aus dieser Quelle schöpfen, dann werden wir selbst nicht erschöpft werden. Und von uns wird Segen ausgehen, eine Atmosphäre von Wohlwollen und Liebe, die den Mitarbeitern gut tut.

Christliche Werte

Die christlichen Werte scheinen manchen zu fromm zu sein, um in der Wirtschaft gelebt zu werden. Doch sie sind Tugenden, die uns befähigen, andere gut zu führen und gut zu wirtschaften.

Und sie sind – so sagen die Lateiner – ,virtutes = Kraftquellen‘. Sie geben Kraft für unser Wirtschaften. Das haben wir beim Vertrauen gesehen. Vertrauen weckt Kraft, Misstrauen verhindert Kraft.

Der Glaube ist eine Quelle, aus der wir immer schöpfen können, ohne erschöpft zu werden. Denn der Glaube führt uns zur inneren Quelle, die in uns sprudelt. Und das ist eine Quelle des Heiligen Geistes, die unerschöpflich ist, weil sie göttlich ist.

Zur Person

Pater Anselm Grün OSB (lat. Ordo Sancti Benedicti) wurde am 14. Januar 1945 im fränkischen Junkershausen geboren. Seine Kindheit verbrachte er in München; seine Eltern führten ein Elektrogeschäft. Mit 19 Jahren trat er in die Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg ein. Dort lernte er die Kunst der Menschenführung aus der Regel Benedikts von Nursia kennen und entdeckte bereits in den 70er Jahren die Tradition der alten Mönchsväter wieder, deren Bedeutung er besonders in Verbindung mit der modernen Psychologie sieht. Seit 1977 ist er, nach seinem Studium der Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaft, der wirtschaftliche Leiter (Cellerar) der Abtei Münsterschwarzach und damit für rund 300 Mitarbeiter in über 20 Betrieben verantwortlich. Anselm Grün gehört zu den meistgedruckten christlichen Autoren der Gegenwart. Seine Werke sind in mehr als 25 Sprachen übersetzt worden und haben eine Gesamtauflage im Millionenbereich erreicht. In zahlreichen Kursen und Vorträgen geht er auf die Nöte und Fragen der Menschen ein und wirkt als geistlicher Berater.