“Gern auch mal Punkmusik“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Nicholas McGegan verabschiedet sich nach 20 Jahren an der Spitze der Internationalen Händelfestspiele. faktor sprach mit McGegan über seine Zeit in Göttingen.

20 Jahre künstlerischer Leiter der Händel-Festspiele in Göttingen – was bedeutet Ihnen diese Zeit?

Eigentlich sind es 30 Jahre, denn ich spielte schon Anfang der 1980er-Jahre Flöte im Orchester und 1987 dirigierte ich erstmals in der Johanniskirche. Als ich 1991 die künstlerische Leitung übernahm, fand dies bereits unter anderen Rahmenbedingungen statt: Deutschland war wiedervereinigt und der Vormarsch der CDs bezeugte einen enormen technologischen Wandel. Und doch war dies alles erst der Auftakt in eine neue Welt, wie wir heute dank des Internets sehen. Es waren bewegte Jahrzehnte für jeden von uns. Die Barockmusik bot einen kulturellen Ausgleich zu den schnellen Veränderungen im technischen und gesellschaftlichen Bereich.

Denken Sie manchmal wehmütig an Ihre Anfangszeit in Göttingen zurück?

Ich bin kein nostalgischer Mensch. Einige „sweet memories“ leiste ich mir aber schon und denke gerne an so manche Aufführung oder die vielen hochkarätigen Künstler zurück. Unvergesslich war auch eine Dame, die schon 1920 bei den ersten Festspielen als sechsjähriges Mädchen zugeschaut hatte. Sie sah sich bis zu ihrem Tod vor etwa zehn Jahren jedes Jahr die Festspiele an.

Greifen Sie auch schon mal zu den eben erwähnten CDs, um sich alte Mitschnitte anzuhören?

Nein, da höre ich sowieso dann nur die Fehler. Das ist wie ein Fotoalbum: Da sieht man jung und schön aus, hat viele Haare und denkt nur, dass man alt geworden ist. Genau so ist es auch mit den Mitschnitten. Die sind wie ein wunderschöner Schmetterling, der mit einer Nadel durchbohrt ausgestellt wird. Leblos.

Hat sich der Stellenwert der Festspiele in dieser schnelllebigen Zeit verändert?

All die genannten technischen und gesellschaftlichen Veränderungen bewirkten auch große Veränderungen beim Festival. Das Publikum wuchs. Dies ist ein großer Verdienst des Festspielintendanten Benedikt Poensgen. Außerdem konnten wir uns dank der fantastischen Wiedervereinigung endlich ohne Reisepässe und Zwangsumtausch mit den befreundeten Musikern des Hallenser Händel-Festivals treffen. So kamen viel mehr Musiker und Gäste von sehr weit her: Die Internationalen Händel-Festspiele strahlen über die Grenzen hinaus und ziehen Menschen von allen Kontinenten an – außer aus der Antarktis, da gibt es wohl keine Barock-Musiker.

Wie viel Zeit investierten Sie jährlich in die Vorbereitung und Umsetzung der Festspiele?

Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Früher umfasste das Festival ein verlängertes Pfingstwochenende, heute sind es fast zwei Wochen. Vieles davon bereiten das ebenfalls größer gewordene Organisationsteam und die Musiker selbst vor. Ich bin dann etwa vier Wochen vor Ort im Einsatz. Im Anschluss an die Festspiele gibt es dann noch die Konzerttournee, die uns bereits durch große Teile Europas gebracht hat.

Was fasziniert Sie so an Händel?

Es gibt so viel Wundervolles in der Barockmusik von Händel zu entdecken. Seine Musik hat einfach alles. Sie ist geistlich und weltlich, komisch und ernst und vor allem immer dramatisch. Gemeinsam mit Mozart schuf Händel die interessantesten weiblichen Figuren. Deshalb ist Händels Musik etwas Außerordentliches für mich als Theatermensch. Händel kann man einfach wunderbar singen, spielen und dirigieren. Es ist wie eine Reise ins 18. Jahrhundert.

Welche Musik hören Sie in Ihrer Freizeit?

Ich höre auch Barockmusik, aber nicht nebenbei und wenn dann sehr gezielt, keine Klassiksender oder sowas. Ich könnte nie kochen und Bach hören oder lesen und Händel hören – fürchterlich. Von den zeitgenössischen Komponisten mag ich John Adams und freue mich, dass ich seine Werke auch schon dirigiert habe. Ansonsten höre ich auch sehr gerne Punkrock, z.B. die Blockheads oder die Sex Pistols. Natürlich liebe ich auch die Beatles und die Rolling Stones – das ist einfach meine Generation. Ein Meilenstein setzte auch Madonna mit ihren frühen Werken, wie etwa „Like a Virgin“.

Sie leiten die Händel-Festspiele in Göttingen seit 20 Jahren, dirigieren seit 25 Jahren in San Francisco das Philharmonia Baroque Orchestra und haben viele Gastauftritte weltweit. Wie vereinbaren Sie das mit Ihrem Privatleben?

Ich bin etwa drei Wochen im Jahr in Schottland und mache Urlaub bei meiner Familie. Bei der Terminplanung hilft uns, dass die Termine meistens schon zwei Jahre vorher feststehen. So können wir langfristig organisieren und die Zeit gemeinsam verbringen. Außerdem lernte ich glücklicherweise irgendwann „nein“ zu sagen. Das war mir früher sehr schwer gefallen, ist heute aber sehr wichtig.

Ihr Abschied naht. Was wünschen Sie sich für die Händel-Festspiele der nächsten Jahre?

Ich freue mich auf die Einladung in neun Jahren zum hundertjährigen Jubiläum der Internationalen Händel-Festspiele. Da bin ich dann 70 Jahre und kann hoffentlich meinen Vorgänger Sir John Eliot Gardiner, der dann 80 Jahre alt ist, begrüßen und über alte Zeiten sprechen.

Werden Sie vorher auch an den Festspielen teilnehmen und bleiben Sie Göttingen verbunden?

Ich mag Göttingen sehr. Es hat, genau wie die Festspiele, enorm an Internationalität gewonnen. Die jungen Menschen müssen nicht mehr über die Vergangenheit grübeln, sie leben in der Gegenwart. Das mag ich als Brite an den Göttingern. Es ist eine ganz andere Generation. Die Innenstadt bietet viel internationale Gastronomie und gemütliche Straßencafés. Es ist einfach ein tolles Flair. Ich werde sicher oft hier sein. Zu den Festspielen möchte ich aber nicht kommen. Die sollen sich ohne mich weiter entwickeln. Das wäre nicht gut, wenn ich da immer dabei bin und wie eine Fledermaus am Ast hänge.

Herr McGegan, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute.

Zur Person:
Nicholas McGegan, 1950 in Sawbridgeworth (Großbritannien) geboren, studierte Musik und Musikwissenschaft in Cambridge und Oxford. Dort lehrte er sechs Jahre als Dozent. Seit 1991 ist er Künstlerischer Leiter der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen. Seit 2006 dirigiert er auch das FestspielOrchester Göttingen (FOG) und ist Ehrenprofessor am Musikwissenschaftlichen Seminar der Philosophischen Fakultät der Georg-August-Universität. Im Juni 2011 gibt er die Künstlerische Leitung der Göttinger Festspiele ab. Erfolgreich leitet er seit 25 Jahren das in San Francisco ansässige Philharmonia Baroque Orchestra. Als Dank rief der Oberbürgermeister von San Francisco einen offiziellen Nicholas McGegan Tag ins Leben. Im Oktober 2011 erhielt er von Prinz Charles den Verdienstorden „Officer oft he British Empire“ als Anerkennung für seine herausragenden musikalischen Leistungen außerhalb Großbritanniens. Eine weitere große Ehrung steht kurz bevor: Im Juni erhält Nicholas McGegan die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen.