Gerald Hüther über die Lernkultur

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Wie eine neue Lernkultur in Kommunen aussehen kann und was Familen dazu beitragen können, das beantwortet Gerald Hüther bei weiteren Fragen zum Interview im faktor-Magazin 1/2010.

Herr Hüther, Sie engagieren sich für eine neue Lernkultur in Kommunen. Was ist darunter zu verstehen?

Eigentlich braucht es für die Erziehung von Kindern ein ganzes Dorf. Unterschiedliche Bezugspersonen, ein gesellschaftlicher Rahmen in dem sie sich ausprobieren können. Denn Kinder finden nur dort eine Heimat, wo sie selbst etwas gestalten können.

Was wollen Sie der demografischen Entwicklung – weg vom Dorf – entgegen setzen?

Sicherlich ist die Abwanderung von Unternehmen auf dem Land sehr bedrohlich. Aber es ist falsch, sich deswegen ausschließlich auf die Gestaltung einer kommunalen Struktur zu fokussieren, die den immer älter werdenden Bewohnern und deren Bedürfnissen gewährt wird.

Sondern es braucht eine Kultur, die Familien, und vor allem die Kinder und Jugendlichen dazu einlädt, das Zusammenleben in der Kommune zu gestalten.

Also raus aus der Stadt?

Wir leben in einer individualisierten Gemeinschaft. Es kommt darauf an, wieder mehr geteilte Aufmerksamkeit für das Gemeinsame zu schaffen. Wir finden uns in etwas Gemeinsamem wieder.

Diese Fähigkeit, die früher ein Automatismus war, ist uns abhanden gekommen. Zum Beispiel hat man früher gemeinsam Holz geholt, sonst hätten alle gefroren.

Die Gesellschaft hat sich gewandelt von der gemeinsamen Beziehung zur personalen Beziehung, zum Beschäftigen mit sich selbst, mit Fernsehen und Computer. Dabei gibt es nichts Wichtigeres, als gemeinsame Aufgaben, an denen man wachsen kann und gemeinsame Ziele, die man verfolgt.

In der Familie ist es wie in einem Unternehmen: Sie können in Ihrer Firma nichts ausrichten, wenn die Beschäftigten nicht wissen, wohin es geht!

Wie kann eine familienfreundliche Kultur aussehen?

Das geht schon in den Kindergärten los – sie dürfen keine Gewächshäuser in denen genormte Tomaten und Gurken gezüchtet, in denen Kinder in die PISA-Form gegossen werden.

Man darf Kinder nicht zu Objekten machen, sondern muss ihnen Gelegenheit bieten ihre Potenziale zu entfalten. Und je mehr ein Miteinander, ein gemeinsames Erleben stattfindet, desto lebenswerter wird es für alle Generationen in einem Dorf sein.

Und das wiederum macht eine Kommune attraktiver für die Ansiedlung und Gründung von Unternehmen.

Gibt es nicht schon genügend differenzierte Bildungsangebote?

Es ist falsch zu glauben, dass – wenn man ganz viele Angebote macht – auch viel in das Gehirn reingeht. Kinder sind heutzutage mit zusätzlichen Nachmittagskursen in Musik- und Sportvereinen oft schon in der gleichen Zeitnot wie Erwachsene.

Dazu kommt das Problem, dass der Schulstoff nicht begeistert und damit für Kinder bedeutungslos ist.

Wie kann man diesem Problem begegnen?

Das Gehirn wird nicht so, wie man es benutzt, sondern so, wie man es mit Begeisterung benutzt! Und diese Begeisterung kann sich vor allem im freien Spiel entwickeln.

Woher kommt überhaupt die Unlust am Lernen?

Ein Kind hat noch 50 bis 100 Begeisterungsstürme am Tag. Doch das vermindert sich im Laufe des Lebens drastisch und ist vor allem geprägt durch Entmutigungserfahrungen. Man findet und tut nur noch das, was vorgeschrieben wird.

Und was bedeutet das für die Eltern?

Eltern, die nicht vom Leben begeistert sind, können auch ihre Kinder nicht für das Leben begeistern. Begeistern kann man sich aber nur für etwas, was für einen selbst bedeutsam und wichtig ist.

Manchen ist der Erfolg wichtig, anderen die Bequemlichkeit. Und viele versuchen einfach nur, möglichst gut zu funktionieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Lesen Sie dazu auch das Interview im faktor-Magazin, entweder als Download oder in der Online-Ausgabe zum Durchblättern.