geniusgöttingen

© Entscheider Medien GmbH
Text von: redaktion

Die Region hat einen Namen: Unter dem Label „geniusgöttingen – WissensWerteRegion“ vermarktet sich Südniedersachsen nun global. Konkrete Projekte sollen qualifizierte Arbeitskräfte anlocken und hier halten. faktor hat sich auf „Geistersuche“ begeben

„Mit geniusgöttingen wird an einem Dach für einen Hühnerhaufen gearbeitet“, urteilte der damalige Measurement-Valley- Vorsitzende Jürgen Haese harsch, als die regionale Dachmarke im Herbst 2005 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Haese, Chef des Messtechnikunternehmens Kappa opto-electronics, spielte auf die Bildmarke an, welche die Spitze eines Schwarms von Gänsen zeigte. Gerade diese Gänse stießen bei der Präsentation auf – teilweise massive – Kritik der Vertreter von Wissenschaft, Wirtschaft, Medien und Kommunalpolitik.

Längst sind die Gänse passé, die Dachmarke geniusgöttingen, die nun den Zusatz „WissensWerteRegion“ trägt, hat sich durchgesetzt. Das neue Logo ist unscheinbar und weckt keine Widersprüche mehr. Jetzt wird konkret im Projekt gearbeitet. „Ernsthafte Kritik gibt es jetzt kaum noch“, freut sich Martin Rudolph, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Göttingen, der zusammen mit Karsten Ley, Vorstandsassistent der Südniedersachsen- Stiftung, und Klaus Heinemann von der Dr. Heinemann Consult das Kernteam bildet (siehe Interview, S. 26ff.). „Es war ein Wunsch der Wirtschaft. Wenn es keine grundsätzliche Zustimmung mehr gegeben hätte, hätten wir die Sache nicht gemacht“, ergänzt Ley. Totgesagte leben länger. Nach dem holprigen Start vor zwei Jahren war das Projekt stark gefährdet – besonders die Unternehmen taten sich schwer mit der Struktur. Um den „Geist“ zu retten, musste Rüdiger Reyhn, Geschäftsführer des Regionalverbandes Südniedersachsen und Initiator der Dachmarkenkampagne in den sauren Apfel beißen und das Projekt abgeben. So wechselte die Trägerschaft im Dezember 2006 vom öffentlich-rechtlichen Regionalverband zur von der Wirtschaft getragenen SüdniedersachsenStiftung.

Mit dem Wechsel kam Bewegung in die Sache, die Akzeptanz seitens der Wirtschaft stieg. Mittlerweile sind rund 20 Unternehmen an Bord, darunter die Global Player der Region (KWS, Sartorius und Thimm), und die Verantwortlichen rechnen mit mehr. „Wir werden im Laufe des kommenden Jahres beweisen, dass geniusgöttingen funktioniert. Ich bin zuversichtlich, dass wir dann noch mehr Zulauf bekommen werden“, sagt IHK-Chef Martin Rudolph. „Ziel der Dachmarke geniusgöttingen ist die Positionierung der Wissens- und Wirtschaftsregion Göttingen auf den nationalen und internationalen Märkten. geniusgöttingen ist damit vorrangig ein Instrument des Außenmarketings für die Region, stärkt gleichzeitig aber auch die Identifikation nach innen“, so heißt es im Maßnahmenplan 2007. „Aus dem Kopfsteinpflaster, als das sich die Region bisher darstellt, wollen wir eine Pyramide errichten, um größer und damit besser wahrgenommen zu werden“, erklärt Klaus Heinemann. Es soll auch konkreter werden. „Wir wollen uns nicht in oberflächlichen ‚Rundum-Visionen’ für die Region verzetteln“, erklärt Regionalmanager Karsten Ley.

So wurde die Anwerbung von qualifiziertem Personal zum ersten Projekt erkoren – direkt an den Bedürfnissen der wichtigsten Partner, also den Unternehmen, orientiert. Kernthema für die Zukunftsfähigkeit der Region und ihrer Unternehmen werde die erfolgreiche Anwerbung qualifizierter Mitarbeiter sein. „Die Personalrekrutierung ist das wichtigste Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte. geniusgöttingen ist da ein wichtiger Baustein“, erklärt Olaf Grothey, Arbeitsdirektor bei Sartorius. Bereits jetzt, so Klaus Heinemann, sei der Wettbewerb um kluge Köpfe global, aber auch zwischen den Unternehmen der Region in vollem Gang. Die demographische Entwicklung werde diese Situation in den nächsten Jahren drastisch verschärfen. „Nur eine gemeinsam getragene Strategie aller Beteiligter zur Positionierung der Region als attraktiver Standort zum Arbeiten, Wohnen und Leben kann hier Abhilfe schaffen“, findet Martin Rudolph. Da geniusgöttingen nicht die Personalpolitik der Unternehmen übernehmen kann, will das Projekt „eine qualitativ hochwertige Darstellung des Wirtschafts-, Wissenschafts- und Lebensraumes Südniedersachsen“ erstellen. Bisher bestehe gerade in der überregionalen Ausstrahlung des Wirtschaftsstandortes Südniedersachsen ein Defizit – die Region verkaufe sich dabei unter Wert.

So werde es erstmals eine umfassende Darstellung der Gesamtregion nach der Leitidee „hidden champion“ geben, die kurz und

informativ Angaben zum Wissens- und Wirtschaftsstandort enthält. Daneben sollen auch die weichen Standortfaktoren der Region

attraktiv präsentiert werden, die für die Entscheidung von neuen Mitarbeitern, sich in der Region niederzulassen, von ebenso hoher

Bedeutung sind wie der angestrebte neue Arbeitsplatz. Ergänzt wird die Broschüre durch den Internetauftritt www.geniusgoettingen.de mit der gleichen Zielrichtung.

Die Entscheidung, ihren Lebensmittelpunkt nach Südniedersachsen zu verlegen, soll Interessenten so einfach und attraktiv wie möglich gemacht werden. Nach skandinavischem Vorbild informieren besonders geschulte Berater – die Career & Family Guides – aus einer Hand zunächst über alle wesentlichen Standortfragen und begleiten den Bewerbungs- und Umsiedlungsprozess serviceorientiert. „Die Guides sollen so etwas wie Botschafter der Region sein“, erklärt Martin Rudolph.

Darüber hinaus sollen einmal im Jahr an einem „langen“ Wochenende die „geniusgöttingen Career & Family Days“ angeboten werden. Anzeigen in den großen überregionalen Tageszeitungen und den großen Jobportalen im Internet werden dafür werben. An diesen Wochenenden wird Bewerbern, die von den Projektpartnern vorselektiert werden, ein umfangreiches Informations- und Servicepaket geboten, das von der passgenauen Gesprächvermittlung mitpotenziellen Arbeitgebern in der Region, kostenfreien Hotelübernachtungen, Restaurantbesuchen, Einkaufsgutscheinen bis hin zu Besichtigungstouren zu familienrelevanten Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen reicht.

Da die Entscheidung, den Standort zu wechseln, nicht nur vom Arbeitsuchenden allein getroffen wird, sondern auch abhängig davon ist, ob der Lebenspartner eine berufliche Perspektive erhält, will geniusgöttingen zusammenarbeiten mit dem „Dual Career“, das die Universität Göttingen im Rahmen der Exzellenz- Initiative des Bundes und der Länder derzeit gemeinsam mit den anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und der Stadt Göttingen aufbaut. Bei der Neuberufung von Professoren und der Neuanstellung von Spitzenkräften in der Forschung wird den Bewerbern ein speziell auf Wissenschaftler zugeschnittenes Dienstleistungsangebot gemacht, das auch die Jobvermittlung für den Partner einschließt. Von diesen Vor überlegungen wird auch geniusgöttingen profitieren können.

Beim Thema Personal soll die Zusammenarbeit zwischen den Partnern weiter vertieft werden. So ist der Aufbau einer Erfahrungs- und Austauschplattform für Personalverantwortliche mit Stellenpool geplant. In den Vorgesprächen zu geniusgöttingen wurde von Seiten der Unternehmen der Bedarf einer Gesprächsplattform für Personalverantwortliche gesehen. Bisher ist der Kontakt zwischen den Unternehmen in diesem sensiblen Bereich nur vereinzelt vorhanden. Angesichts des zunehmend knapper werdenden Angebots an qualifizierten Fachkräften auf allen Qualifikationsebenen erscheint den Unternehmen eine stärkere gegenseitige Information und Abstimmung hilfreich. Dies soll durch die geplante Plattform von geniusgöttingen organisiert und begleitet werden. Im Idealfall kann über diese Kontaktplattform auch ein neuartiger Stellenpool in der Region geschaffen werden, der insbesondere auch für die Jobvermittlung von Partnern der neu in die Region kommenden Fachkräfte genutzt werden kann. Genutzt werden soll in diesem Teilbereich des Projektes auch der Kompetenzpool, der zur Zeit vom Career Service der Universität Göttingen aufgebaut wird. Bei dem Kompetenzpool steht die Vermittlung von Absolventen und Praktikanten im Vordergrund. Regionale Arbeitgeber, ihre Anforderungen und ihre Angebote werden Studierenden und Absolventen der Georgia Augusta vorgestellt. Unternehmen, die Mitarbeiter suchen, werden im Gegenzug Kompetenz- und Interessenprofile der Studenten und Absolventen bereitgestellt.

Da die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Wissens- und Wirtschaftstandortes nicht an den Hochschulen beginnt, hat die SüdniedersachsenStiftung in Kooperation mit Unternehmen, der Universität, und der Stadt Göttingen am Felix-Klein-Gymnasium

in Göttingen das Projekt Internationale Schule gestartet. Damit wird ein weiterer Baustein geschaffen, um ausländische Wissenschaftler und Fachkräfte aus der Wirtschaft mit ihren Familien nach Göttingen holen zu können und zum Bleiben zu bewegen.

Das Ganze kostet Geld. Bis 2010 verfügt geniusgöttingen über ein Budget von einer Million Euro. Klingt das zunächst viel, ist es verglichen mit anderen Wettbewerbern wenig. Man denke an die Kampagne Baden-Württembergs „Wir sprechen alles – außer

Hochdeutsch“, die ein Vielfaches gekostet und sich in den Köpfen festgesetzt hat. Aber Geld ist nicht alles. „Ich wehre mich dagegen, den Erfolg am Geld fest zu machen“, sagt Martin Rudolph, der sich über diese Diskussion ärgert. Zwar werde es keine TVSpots

geben, aber erreichen könne man auch mit den zur Verfügung stehenden Mitteln viel. Jetzt müssen rasch die ersten Ergebnisse erzielt werden, und dann wird der Geist von geniusgöttingen bald für alle sichtbar…

Text: Marco Böhme