Generationswechsel in Raten

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Heidi Niemann

“Wir müssen die Arbeitsplätze retten und jungen Menschen in der Region eine Zukunftsperspektive geben.“ Das war ihr Ziel, als Ingrid Lange 1987 mit sieben weiteren Kollegen die Indula GmbH in Katlenburg-Lindau gründete.Damals konnte sie nicht ahnen, wie nachhaltig diese Gründung sein würde: Jetzt werden ihre Söhne die Firma weiterführen.

Das war eine Sternstunde, so etwas gibt es im Leben nur einmal“, sagt Ingrid Lange. Ihre Sternstunde schlug vor einem Vierteljahrhundert.

Ingrid Lange war damals Mitte 40. Gemeinsam mit sieben Freunden und Bekannten fasste sie einen Plan: Wir bauen ein eigenes Unternehmen auf. Da sie die meiste Verwaltungserfahrung hatte, führte sie die Gespräche mit Banken und Juristen. Schließlich bekam sie grünes Licht und die nötigen Kredite – allerdings unter einer Bedingung: Sie war die Ansprechpartnerin bei den Verhandlungen. Nun sollte sie auch die Geschäfte führen.

Ingrid Lange willigte ein. Plötzlich war sie Chefin einer GmbH, aus acht früheren Angestellten waren Gesellschafter geworden. „Anfangs war gar nicht überschaubar, was alles auf mich zukommen würde“, sagt sie. „Ich habe das aber immer als eine Chance gesehen, und diese Chance hat man nur einmal im Leben.“

Ingrid Lange nahm die Herausforderung beherzt an. „Mein Ziel war es, Arbeitsplätze zu schaffen und damit auch jungen Menschen in der Region eine Zukunftsperspektive zu geben.“ Das Experiment gelang, auch dank der Mithilfe diverser Unterstützer: „Ich hatte immer gute Berater an meiner Seite, das hat mir sehr geholfen.“

Heute hat die Indula GmbH in Katlenburg-Lindau (Indula ist das Kürzel für Industrie-Lackierung) 60 Mitarbeiter. Fast alle großen Unternehmen der Region sowie zahlreiche internationale Firmen zählen zum Kundenstamm. Nicht nur wegen ihres wirtschaftlichen Erfolges, sondern auch wegen ihrer Innovationsfreudigkeit gilt die Indula GmbH als einer der ,Leuchttürme des Mittelstandes‘ in Südniedersachsen.

Jetzt steht dem Unternehmen eine Zäsur bevor: Nach mehr als einem Vierteljahrhundert wird Ingrid Lange die Geschäftsführung abgeben. Künftig werden ihre beiden Söhne Klaus Peter und Romanus Lange das Unternehmen leiten. Beide sind bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten in dem Betrieb tätig.

Klaus Peter Lange, der ältere der beiden Brüder, wollte eigentlich Kunst studieren und hatte bereits einen Studienplatz an der Kunsthochschule in Stuttgart. „Dann brauchten sie aber hier in der Firma einen Maler“, erzählt er. Klaus Peter Lange ließ das Studium sausen und unterstützte das Team rund um seine Mutter.

Der 48-jährige Maler und Lackiermeister der Handwerksinnung wird künftig die technische Leitung übernehmen. Um den kaufmännischen Bereich wird sich Romanus Lange kümmern. Eigentlich wollte der 44-Jährige Pilot werden, aber bereits in der Schulzeit erkannte er die Chance des Unternehmens und absolvierte stattdessen eine Ausbildung zum Siebdrucker.

„Beide Söhne haben zwar sehr verschiedene Charaktere, aber beide haben hier ihre Zukunft gesehen“, sagt Ingrid Lange. „Als mittelständisches Unternehmen haben wir den Vorteil, dass wir individuell auf unsere Kunden eingehen können“, sagt der künftige kaufmännische Geschäftsführer Romanus Lange. Damit hebe sich die Indula GmbH auch von ihren Mitbewerbern ab: „Produkte von der Stange kann jeder. Wir beraten unsere Kunden, wie sie ihr Produkt individuell gestalten und veredeln können.“

Die Brüder sind ausgesprochen innovationsfreudig und nutzen moderne Technologien und Produktionsverfahren, um dem Unternehmen neue Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen. In diesem Jahr wurde beispielsweise eine neue Pulverbeschichtungsanlage in Betrieb genommen.

„Wir sind die einzige Druckerei in der Region, die vom Siebdruck bis zum Tampon-, Textil- und Digitaldruck alle Techniken anbietet“, sagt Klaus Peter Lange. Außerdem sei die Indula GmbH das einzige Unternehmen in Niedersachsen, das eine Ausbildung zum Printmediengestalter, Siebdrucker und Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik anbiete.

Ingrid Lange freut sich, dass sich die beiden Söhne in ihren Kompetenzen und Interessen ergänzen. „Jeder bringt hier seine Stärken ein.“ Romanus Lange beispielsweise hat im Bereich Werbetechniken neue Akzente gesetzt. Ergebnis dieser Aktivitäten sind nicht nur Patente oder Gebrauchsmusterschutzanmeldungen und ein äußerst erfolgreiches neues Produkt, sondern auch die Gründung einer Tochtergesellschaft: Die Bottle Print Vertriebs GbR hat als Tochterunternehmen ein patentiertes Verfahren zum Rundumdruck entwickelt, das es Kunden ermöglicht, Trinkflaschen individuell zu gestalten.

Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Veredeln von ,Made in Germany‘-Produkten. So vertreibt das Tochterunternehmen hauptsächlich Kunststoff- und Aluminiumtrinkflaschen nach Kundenwunsch, bis dahin wurden bereits über drei Millionen Trinkbehältnisse veräußert.

Gleichzeitig geht das Unternehmen damit auch neue Vertriebswege. Kunden können die Trinkflaschen über das Internet bestellen und ihre Gestaltungswünsche übermitteln.

Für diese Geschäftsidee hat das Lindauer Unternehmen 2007 den Innovationspreis des Landkreises Göttingen erhalten. Eine weitere viel gefragte Produktinnovation ist die Trinkflasche mit integriertem Trinkhalm. Der Verschluss der Flasche ist so gestaltet, dass sie auch beim Umkippen nicht auslaufen kann. Die Trinkhalmflasche ist unter anderem bei Helmträgern gefragt. Radfahrer können beispielsweise während der Fahrt bequem ein Getränk zu sich nehmen, ohne den Helm absetzen zu müssen. Auch Krankenhäuser und Pflegeheime nutzen die Trinkhalmflasche als modernen Ersatz für die ,Schnabeltasse‘. Bislang werden die Bottle-Print-Produkte in zehn Online-Shops angeboten.

Die neuen Geschäftsführer wollen die digitale Vermarktung über das Internet noch weiter ausbauen. „Wir werden zum 1. Januar eine neue Vertriebsgesellschaft gründen“, kündigt Romanus Lange an. „Damit können wir unsere Produkte dann auch verstärkt international vermarkten.“ Nicht immer sind die drei Langes einer Meinung. „Wir sind alle etwas impulsiv“, meint Ingrid Lange. „Wir diskutieren alle strittigen Punkte ganz offen aus, da trägt keiner dem anderen etwas nach.“

Vor allem in den Anfangsjahren sei es schwierig gewesen, Privates und Berufliches voneinander abzugrenzen. „Das war ein Lernprozess. Früher drehte sich immer alles um die Firma“, sagt Romanus Lange. Spätestens mit der Geburt der Kinder habe sich dies jedoch geändert, bestätigt Klaus Peter Lange. Heute bleibe auch bei Familientreffen Geschäftliches meist außen vor. Dass die Söhne der Firmengründerin die Geschäftsführung des Unternehmens übernehmen, war ein einhelliger Wunsch der Gesellschafter. Eigentlich hätten sie bereits vor fünf Jahren die Nachfolge antreten sollen. Aus organisatorischen Gründen habe sich der Führungswechsel jedoch verzögert, sagt Ingrid Lange. Sie ist froh, dass die Söhne in ihre Fußstapfen treten: „Das ist ja nicht unbedingt selbstverständlich, vor 20 Jahren wäre das für mich noch eine völlig utopische Vorstellung gewesen.“

Einen Vorteil hatten die Verzögerungen: Vor fünf Jahren wäre es Ingrid Lange noch deutlich schwerer gefallen, die Verantwortung abzugeben. „Das ist jetzt nicht mehr so. Ich hatte Zeit, mich darauf vorzubereiten und habe mich auch schon mehr und mehr zurückgenommen. Jetzt freue ich mich auf das, was noch kommt.“ Ganz zurückziehen wird sich die 70-Jährige auch in Zukunft nicht. Zwar hat sie mit dem operativen Geschäft nichts mehr zu tun. Ingrid Lange bleibt jedoch weiterhin Gesellschafterin der Firma. Auch ihr Büro wird sie vorerst behalten, „so lange es gewünscht ist“.

Romanus und Klaus Peter Lange ist es wichtig, dass sie auch weiterhin auf ihre Erfahrung zurückgreifen können: „Diese langjährige Erfahrung ist für uns unbezahlbar, und wir schätzen das Vertrauen unserer Mutter“, so die Brüder. Ingrid Lange findet es gut, dass sie ihren Söhnen weiter beratend zur Seite stehen kann. „Die Firma ist aus dem Nichts entstanden, durch Fleiß und Innovation. Als Gründerin möchte man natürlich, dass das erhalten bleibt.“

Damit das Unternehmen weiterhin im Wettbewerb bestehen kann, werden auch in Zukunft neue Ideen gefragt sein. Auch deshalb ist sie froh, dass sie jetzt die Verantwortung abgeben kann: „Die Zeiten haben sich geändert, jetzt müssen einfach jüngere Leute ran.“ Dafür will sie sich nun um die Vergangenheit der Firma kümmern: Ingrid Lange will eine Chronik der Firma schreiben, die ihr in einer Sternstunde zur Lebensaufgabe wurde.