Generation Z – hinter den Kulissen mit Rainer Schmidt

Rainer Schmidt - ein Y
Text von: Marisa Müller

Die neue Generation: für Arbeitgeber eine Herausforderung. faktor hat mit Unternehmen, jungen Menschen und Experten gesprochen, und dabei ganz erstaunliche Entdeckungen gemacht. faktor-Interview: Rainer Schmidt über die Generationenfrage. 

Rainer Schmidt, 29 Jahre, Generation Y, Masterstudent Soziologie und Germanistik an der Georg- August- Universität Göttingen


 

Bei der Definition der Generation Y, findest du dich da wieder?

Ich wünsche mir Spaß an der Arbeit haben zu können. Ich muss meinen Arbeitgeber mit meinen eigenen ethischen Grundsätzen vertreten können, idealerweise gibt es Schnittmengen. Ich verspüre kein Geltungsbedürfnis gegenüber anderen. Dafür nehme ich technischen Fortschritt mit Freuden an, da hierdurch neue Möglichkeiten entstehen; ‚lebenslanges Lernen‘ in allen Lebensbereichen ist für meine Generation eine Selbstverständlichkeit.

Was wünscht du dir für deinen künftigen Job? Welche Erwartungen hast du an Arbeitsbedingungen, Führung etc.?

Ich muss mich jeden Tag wohl fühlen in dem was ich tue und für wen ich es tue. Führung durch Vorgesetzte halte ich immer für sinnvoll, da sie normierenden und reglementierenden Einfluss haben, was aber auf für jeden nachvollziehbaren Werten beruhen sollte. Mit Freude miteinander zu arbeiten macht Menschen deutlich produktiver als durch einen auferlegten Zwang oder Schemata, die möglicherweise längst überholt sind. Alptraum: Nine to five Job an dem ich tagein tagaus wie ein Hamster im Laufrad unterwegs bin. Wunsch: Eingebunden sein in kreative und fortschrittliche Prozesse, in denen Neues geschaffen wird und über den eigenen Tellerrand geschaut werden muss; dabei sollte ich als mitdenkender Mitarbeiter geschätzt werden, nicht abgelehnt. Neue Möglichkeiten, Produkte, Leistungen schaffen oder bestehende Konstrukte verbessern und optimieren, die letztlich für den Anwender etc. die bestmögliche Usability bieten. Gedankenaustausch in Teams mit möglichst unterschiedlichen Charakteren in Hinblick auf die angestrebte Zielgruppe ist dafür unabdingbar.

Du gehörst zur Generation Y. Unterscheidest du dich von denen, die heute maximal 21 Jahre alt sind, der so genannten Generation Z?

Ohne es zu pauschalisieren zu wollen, aber ich denke von einer Vielzahl schon. Aus eigener Erfahrung habe ich den Eindruck, dass Kritik selten angenommen wird und eher als persönlicher Affront verstanden wird, weil es dem aufgebauten Selbstbild und dem bisher aufgebauten Erfahrungshorizont nicht entspricht. Schneller Erfolg, am besten messbar in ‚Likes‘ oder hunderten ‚Freunden‘ bei Facebook ersetzen das vielzitierte ‚Lehrgeld‘. Das habe ich beispielsweise noch im Zivildienst gezahlt, weil man in jungen Jahren auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird und eben nicht sein ‚eigenes Ding‘ machen kann. Natürlich freue ich mich selbst über schnell erzielte Erfolge, langfristig auf ein Ziel hinzuarbeiten schreckt mich jedoch nicht ab und befriedigt mich dann letztlich wesentlich mehr.

Was sind die Vorteile einer Generationen-Definition?

Definitionen bieten ja grundsätzlich eine Orientierungshilfe, in der die wichtigsten Aspekte eines Sachverhalts zusammengefasst werden. Man erhält also, möglicherweise, Anhaltspunkte über die Denkmuster und Werte seiner Mitglieder.

Wer hat was davon, für wen ist das gut?

Aus meiner sozialwissenschaftlichen Perspektive erhält man ein messbares Set an Variablen, welches etwa Zielgruppen eingrenzbar macht. Die Politik bzw. Parteien können ihre Programme in dieser Hinsicht anpassen, aber auch Industrie und Dienstleister ihre Produkte entsprechend der Bedürfnisse optimieren und so eine möglichst große Zahl an Leuten ansprechen, da sie vermeintlich jene Werte teilen. Ein extrem simplifiziertes Modell von Angebot und Nachfrage.

Oder ist es unnötig, weil jeder Mensch grundverschieden ist?

Grundsätzlich teilt jeder Mensch ein weitläufiges Set an Alltagsnormen und zusätzlich individuellen Werten, die man auf Grund seiner Erfahrungen mit einer eigenen Bewertung versieht. Ob diese jetzt etwas mit einer bestimmten Generation, Definition oder dem Geburtsdatum zu tun haben wage ich zu bezweifeln. Das ist lediglich von der eigenen Sozialisation abhängig: Eltern, Umfeld, eigene Erlebnisse. Drei Variablen, die bei niemandem deckungsgleich verlaufen können.

Was bedeutet es, wenn dein künftiger Arbeitgeber evtl. genau zu wissen meint, was du und die anderen wollen?

Das würde in dem Moment nicht mehr funktionieren sobald jemand aus der ‚Boomer‘- oder X/Z-Generation mit im Boot sitzt. Denn die wollen ja tendenziell etwas anderes, was ja auch schon innerhalb ‚meiner‘ Generation vollkommen normal ist. Der Arbeitgeber findet idealerweise einen möglichst großen Konsens für seine Angestellten auf Grund seiner Annahmen, die eine Verbundenheit und zu einem reibungslosen Betriebsklima beitragen können. 100-prozentig recht machen kann man es ohnehin nie allen.

Was passiert mit der Gesellschaft, wenn Generationenbilder das Leben beherrschen? Stereotype, Probleme…?

Stereotype stellen ja eine vereinfachte Handlungsempfehlung dar und simplifizieren den Alltag; sie geben den Menschen vertraute Räume an die Hand, in denen sie sich widerfinden. Ein Beispiel ist die größtenteils konservativ agierende Werbeindustrie: Die Frau wird in ihrer ‚Berufung‘ als zufriedene Hausfrau samt Kindern dargestellt, während der technikaffine und starke Mann als Familienernährer gezeigt wird. Das dieses Modell mitunter längst überholt ist, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, schließlich stellt es ja den gängigen ‚Normalzustand‘ dar und blockiert einen gesellschaftlich sichtbaren Paradigmenwechsel zur Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern; mit der Folge, dass sich ein konservatives, das bekannte bejahende, sowie ein liberales und fortschrittlich denkendes Lager bilden, die jene hierarchischen Ideen ablehnen. Generationenbilder schaffen Reibungspunkte, die Fortschritt auf Grund von Abgrenzung erst ermöglichen. Man denke da nur an die Studentenproteste und die Kriegsgeneration.

Die neuen Zs sind karriereorientiert. Empfindest du sie – wegen dieser offiziellen Definition – als Konkurrenz?

Ob nun X, Y, Z: Konkurrenz belebt das Geschäft, das ist absolut normal. Wo  liegt denn sonst die Motivation mich zu verbessern und das bestmögliche Ergebnis abzuliefern?

Was war gut an den Vorgängergenerationen, was schlecht – besonders bezüglich deren Arbeitsverhalten, Jobbindung usw.?

Ich denke die Jobbindung und die Solidarität waren in den Vorgängergenerationen deutlich größer, was aber weniger mit den Arbeitnehmern selbst zu tun hat, sondern an der Struktur des Arbeitsmarktes lag. Was man einmal erlernt hat, hat man eben sein Leben lang gemacht. Heute stehen prinzipiell jedem alle Möglichkeiten offen sich selbst in verschiedenen Stadien seines Lebens zu verwirklichen. Heutige Beschäftigungsverhältnisse sind zudem oftmals zeitlich stark beschränkt, das Aufkommen von Zeitarbeitsfirmen spielt eine Rolle; man muss kurzum bereit sein mehr zu leisten als ein anderer, um sich auch in Zukunft diesen Job ‚zu verdienen‘. Das führt letztlich eher zu einem ‚Gegeneinander‘ statt ‚Miteinander‘ auf Grund des Konkurrenzdrucks. Der Produktivität mag das förderlich sein, Vertrauen und Loyalität zu seinem Arbeitgeber aufzubauen halte ich allerdings für schwierig. Arbeitnehmer werden immer mehr zu einer austauschbaren Ressource, die sich dem ‚Survival-of-the-fittest-Prinzip‘ ausgesetzt sehen.

Vielen Dank für das Gespräch!