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Text von: Tobias Kintzel

Am 1. Januar 1974 entstand im Rahmen der hessischen Kreisreform aus dem Zusammenschluss der Landkreise Witzenhausen und Eschwege der Werra-Meißner-Kreis. Es gibt ihn gerade einmal 40 Jahre. Er liegt im Nordosten des Bundeslandes Hessen und grenzt an den niedersächsischen Landkreis Göttingen, die thüringischen Landkreise Eichsfeld, Unstrut-Hainich-Kreis, Wartburgkreis sowie die kreisfreie Stadt Eisenach.

Außerdem berührt er die hessischen Landkreise Kassel, Schwalm-Eder-Kreis und Hersfeld-Rotenburg. Damit liegt er in der geografischen Mitte Deutschlands.

Diese zentrale Lage in der Bundesrepublik ist allerdings noch jünger als der Landkreis selbst, wie auch Landrat Stefan Reuß (SPD) in seiner Ansprache anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Werra- Meißner-Kreises am 26. März 2014 herausgestellt hat: „Durch die Grenzöffnung und den Fall der Mauer vor nunmehr 25 Jahren entstanden eine ganz neue Situation und eine ganz neue geografische Lage für den Werra-Meißner-Kreis. Bis dahin abgeschottet an der ehemaligen Zonenrandgrenze, manchmal auch als Niemandsland bezeichnet, hat sich sehr viel verändert.“

Zu diesen Veränderungen gehört sicherlich der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur: Zu den von Anfang an vorhandenen Schienenverbindungen (ICE) und den Anbindungen an die Bundesautobahnen A7 und A4 kommen zusätzlich die A38 und A44. Die A7 als Hauptverbindung der Nord-Süd-Richtung kann aus dem Werra-Meißner-Kreis über die A38 und die Anschlussstelle Drammetal noch schneller erreicht werden. In östlicher Richtung ist sie die Verbindung in den Raum Halle (Saale) und nach Leipzig. Nicht zuletzt soll die A44, die wichtigste Strecke zwischen Nordhessen und dem Ruhrgebiet, von Kassel bis nach Herleshausen, der südlichsten Stadt im Werra-Meißner-Kreis, geführt und mit der A4 verbunden werden – entsprechende Abschnitte sind entweder in Planung, werden gebaut oder sind bereits fertiggestellt.

Auch ein anderer Infrastruktur-Aspekt gehört, so betont Landrat Reuß, zu einem zukunftsfähigen Standort: „Wir sind einer der wenigen ländlich strukturierten Kreise in Deutschland, der bald keine weißen Flecken mehr bei der Breitbandversorgung kennt.“ Ein nordhessenweites Projekt wird dafür sorgen, dass schneller Internetzugang im gesamten Kreisgebiet verfügbar sein wird. Heute profitieren die regional ansässigen Unternehmen von dieser guten Infrastruktur, die aus der vorteilhaften geografischen Lage des Werra-Meißner-Kreises und der angrenzenden Regionen erst einen Wettbewerbsvorteil gemacht hat.

Das sieht auch Katrin Hartleib, die Geschäftsführerin der Skatedeluxe OHG, so: „Wir haben 2010 ein für unsere Logistik passendes, leer stehendes Objekt in Eschwege gefunden. Die Lage in der Mitte Deutschlands hat uns überzeugt, die die Region zu einem idealen Standort für den Versandhandel macht.“ Seit der Gründung vor zehn Jahren in einer Studenten-Wohngemeinschaft in Jena hat sich das Unternehmen mit über 10.000 Produkten von 250 Marken zu einem der führenden Skateboard- Onlineshops in Europa entwickelt. Derzeit werden ungefähr 250.000 Sendungen im Jahr im Logistikstandort in Eschwege bearbeitet und zu Kunden nach Deutschland, Europa und sogar weltweit verschickt. „Insgesamt haben wir ungefähr 75 Mitarbeiter, die sich um den Onlineshop kümmern“, erklärt Hartleib weiter. Skatedeluxe ist einer von insgesamt 4.254 Betrieben im Kreis, in denen 27.000 sozialversicherungspflichtige Personen beschäftigt sind, erklärt Siegfried Rauer, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Werra-Meißner-Kreis mbH (WFG).

Vor allem kleine und mittelgroße fertigende Unternehmen und Dienstleister prägen dabei das wirtschaftliche Erscheinungsbild des Kreises. Darunter finden sich auch hochspezialisierte Marktführer – auf europäischem oder sogar weltweitem Niveau. Die Firma SAHM in Eschwege ist zum Beispiel Weltmarktführer in der Präzisions- Kreuzspultechnik und fertigt mit 180 Mitarbeitern automatische Spulmaschinen für Hochleistungsgarne. Wer an Geldautomaten deutscher und europäischer Banken und Sparkassen Geld abhebt, bekommt es mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem Tresor der Firma Format Tresorbau mit Sitz in Hessisch-Lichtenau. Die Ausrüstung von Geldautomaten ist einer der zentralen Geschäftsbereiche der Tresor-Spezialisten, die Kunden außerdem mit Tresoren, Datenschutzschränken oder anderen Wertbehältnissen beliefern.

Auf zwei Ballungszentren im Werra-Meißner-Kreis weist WFG-Geschäftsführer Siegfried Rauer besonders hin: „In Sontra gibt es eine Ansammlung von Automobilzulieferern, und Großalmerode weist europaweit die größte Konzentration der Feuerfestindustrie auf.“ Doch der Werra-Meißner-Kreis hat auch – trotz dieser vielen unternehmerischen Erfolgsgeschichten – mit Problemen zu kämpfen.

Der demografische Wandel, eine langsam schrumpfende Bevölkerungszahl und ein bemerkbarer Fachkräftemangel gehören dazu. Wirtschaftlich hat auch der Abzug öffentlicher Einrichtungen, wie z.B. des Bundeswehrstandortes in Hessisch- Lichtenau, in den letzten 15 Jahren Spuren hinterlassen. Und so sieht Siegfried Rauer die Hauptaufgaben der WFG in der Unterstützung der bestehenden Unternehmen durch Standort- und Regionalmarketing, auch bei der Gewinnung von Fachkräften, in der Bestandsentwicklung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. „Wir sind zentraler Ansprechpartner für die Unternehmen, wir kümmern uns. Natürlich wollen wir die Region auch durch die Förderung von Existenzgründungen und Unternehmensansiedlungen wirtschaftlich stärken“, ergänzt Rauer. Gerade auf diesem Gebiet stellt Skatedeluxe-Geschäftsführerin Hartleib der WFG ein gutes Zeugnis aus: „Wir haben die Unterstützung gern in Anspruch genommen. Angefangen von der Suche nach einem geeignetem Objekt, über Beratung und Unterstützung bei Fördermöglichkeiten und Finanzierung bis hin zur Vermittlung von wichtigen Kontakten und Ansprechpartnern.“

Darüber hinaus will Rauer Stillstand verhindern und die Infrastruktur kontinuierlich verbessern und z.B. die Hochleistungs- Breitbandversorgung optimieren. Dass der eingeschlagene Weg funktioniert, zeigen die zahlreichen Existenzgründungen, von denen viele im Umwelt- und Agrarsektor europäische und weltweite Märkte bedienen. Als einen der Motoren für diese Tendenz hat der Landkreis die Universität Kassel mit dem Standort Witzenhausen identifiziert. Rückblickend beurteilt Wirtschaftsförderer Rauer den Kreiszusammenschluss vor 40 Jahren – auch in Hinblick auf die Zukunft – als Gewinn: „Ich denke, dass jede der beiden Einheiten für sich zu klein gewesen wäre, um effizient zu handeln und entsprechend wahrgenommen zu werden. Im interkommunalen und interregionalen Handeln entwickeln wir die nötige Dynamik, um erfolgreich zu sein.“

In seiner Rede zum Jubiläum stellte Landrat Reuß fest, dass es ein besonderer Verdienst sei, dass „auch kleine Einheiten, wie die kreisangehörigen Städte und Gemeinden, in ihrer Vielzahl existieren können, und wir damit nicht wettbewerblich gegeneinander, sondern miteinander versuchen, den Werra- Meißner-Kreis zu gestalten“. In dieser gemeinschaftlichen Bemühung um die Weiterentwicklung liegt der Schlüssel für den Erfolg.