“Gelenke sind wie Autoreifen“

© Stefan Rampfel
Text von: Stefan Liebig

Oberarzt Sönke Breitkreuz schwört auf das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt.

Sönke Breitkreuz kennt sich aus mit Knieproblemen: Seit über 20 Jahren praktiziert er im Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende (EKW). Als Oberarzt der Unfallchirurgie für Hand-, Knie- und Fußoperationen sowie Orthopäde beschäftigt er sich täglich mit den Sorgen schmerzgeplagter Menschen. Mit seiner Erfahrung kann er beurteilen, wann operiert werden muss und wann nicht. Als Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums des EKW ist er auch für die Zeit nach einer Operation ein kompetenter Ansprechpartner und gibt wichtige Hinweise, wie Patienten mit Knieproblemen zu ihrer individuellen Lösung kommen und möglichst schnell wieder fit werden.

Herr Breitkreuz, was empfehlen Sie Patienten, die über Knieprobleme klagen? Zunächst muss eine grobe Unterscheidung getroffen werden: Handelt es sich um einen Schmerz, der durch einen Unfall auftritt, oder um einen Schmerz, der quasi von selbst auftritt? Bei einem Unfallschmerz muss natürlich schnellstens gehandelt werden. Diagnose und wenn nötig eine Operation sollten möglichst rasch in die Wege geleitet werden. Anders ist es bei wiederkehrenden Schmerzen. Hier sollten sich Arzt und Patient viel Zeit für eine genaue Anamnese nehmen. Ganz entscheidend für den Erfolg ist der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses. Nur so kann der Patient von den notwendigen Schritten überzeugt werden und seine Angst oder Ungewissheit überwinden.

Häufig handelt es sich bei wiederkehrenden Schmerzen um Arthrose. Wie kann man dieser vorbeugen, bzw. wie kann man sie behandeln? Gelenke sind wie Autoreifen – sie verlieren mit den Jahren an Profil. Knieschmerzen treten zwar häufig bei Übergewichtigen auf, können aber auch genetisch bedingt sein. Vorbeugen kann man vor allem durch regelmäßige Bewegung ohne große Belastung, z.B. Radfahren und Schwimmen. Durch die Bewegung wird die Produktion der wichtigen Gelenkschmiere angeregt. Wer schon hartnäckige Probleme hat, der kann Hyaluronsäure injiziert bekommen. Die positive Wirkung ist durch Studien belegt, allerdings als IGEL-Leistung recht teuer. Schließlich muss man – wenn gar nichts mehr hilft – eine Operation in Betracht ziehen. Hierbei ist es vor allem wichtig, einen Arzt zu finden, dem man absolut vertrauen kann.

Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser. Wie wichtig ist eine Zweitmeinung? Gerade in punkto Angst oder Ungewissheit hilft eine zweite Meinung sehr oft entscheidend weiter. Das hat auch nichts mit Misstrauen zu tun und ist auch keine Ehrabschneidung für den Ersteller der Erstdiagnose. Das gilt natürlich nicht nur im Kniebereich und ist auf jeden Fall ratsam. Ich würde mich auch nicht ohne Zweitmeinung operieren lassen.

In Bezug auf Zweitmeinung hört man immer wieder von Medexo – einer Internetplattform, die mithilfe eines Expertennetzwerkes eine Zweitmeinung erstellt. Was halten Sie davon? Eine klinische Untersuchung ist unverzichtbar. Der Arzt muss den Patienten laufen sehen und anfassen können.

Die Medien übten in den letzten Monaten scharfe Kritik. Beispielsweise führten sie an, es würden zu viele Arthroskopien durchgeführt. Was denken Sie? Da gibt es keine allgemeingültige Antwort. Wer aber die vorgenannten Punkte beachtet und eine valide Zweitmeinung einholt, der ist auf einem guten Weg, nicht unnötig unters Messer zu kommen. Im Weender Krankenhaus muss nicht operiert werden, weil wir bestimmte Fallzahlen erfüllen müssen. Bei uns profitiert der Patient von der erstklassigen technischen Ausrüstung, der individuellen Beratung und einer guten Zusammenarbeit mit den Rehabilitationseinrichtungen. Das muss passen wie Zahnräder, die perfekt ineinander greifen.

Vielen Dank für das Gespräch!