©trink!ich
Text von: redaktion

Seit einem Jahr bewirten Hannah Bremer und Oda Borchert ihre Gäste in ihrer Göttinger Trink!ich-Bar. Sie gehören zu der neuen Generation von Weinexperten, die Menschen für gute Tropfen begeistern will. Das geht inzwischen sogar digital, wie ihre erfolgreichen Online-Tastings in den letzten Wochen bewiesen haben.

Vor einem Jahr, am Tag der Eröffnung der kleinen Weinbar Trink!ich in der Göttinger Innenstadt, saßen Freunde und Gäste dicht gedrängt auf der Terrasse oder standen am Tresen im liebevoll renovierten Jugendstilambiente. Es scheint eine halbe Ewigkeit her. Doch statt wehmütigem Zurückschauen schauen die beiden Ladenbesitzerinnen lieber nach vorn: „Wir haben auf gar keinen Fall bereut, dass wir die Bar eröffnet haben“, sagen Hannah Bremer und Oda Borchert wie aus einem Munde. Es herrscht derzeit eine verhaltene Stimmung, aber dennoch gibt es mit dem einjährigen Jubiläum einen Grund zum Feiern, finden sie.

Als es im März noch Gerüchte waren, dass Cafés, Restaurants und Kneipen schließen müssen, schmiedeten die beiden bereits Pläne. „Wenn wir zumachen müssen, machen wir unsere Wein-Tastings einfach online – das sagten wir damals noch im Scherz“, erzählt Borchert. Doch ebenso war eine erfolgreiche Idee geboren, die bereits eine Woche später in die Tat umgesetzt wurde. „Wir hatten im Grunde keinen Plan, wie wir das umsetzen. Der Ablauf unseres ersten Facebook-Events hat sich erst kurz vor dem Tasting ergeben“, erzählt Bremer. Einfach machen, das war und ist es, was sie als Team gut können. Und was sie in den letzten Wochen noch stärker zusammengeschweißt hat. Kennengelernt haben sich die 25-jährige Bremer und die 27-jährige Borchert vor vier Jahren während ihres Studiums der Internationalen Weinwirtschaft. Heute wissen sie, dass sie mit ihrer Entscheidung, gemeinsam eine Bar zu führen, die richtige Wahl getroffen haben. Denn besonders in schwierigen Zeiten ist es gut, wenn man sich gegenseitig unterstützen kann – ob als Team oder auch unter den Geschäftsinhabern anderer kleiner Läden in der Innenstadt.

„Corona beschleunigt alles“, sagt Bremer, die bereits in achter Generation in das traditionsreiche Göttinger Familienunternehmen eingetreten ist. „Auch wenn wir uns nicht den Mut nehmen lassen: Es ist eine wirklich anstrengende Zeit – die uns aber auch zeigt, welches Potenzial in uns schlummert und wozu wir fähig sind.“ Die Tastings gleichzeitig online und offline zu organisieren, brachte die beiden Frauen fast an ihre Grenzen. Denn die Idee war: eine Weinverkostung via Facebook live. Die Weine können die ,Gäste‘ im Onlineshop als Paket bestellen und werden am Abend vor dem Event in Göttingen von den Barbesitzerinnen persönlich ausgeliefert. „Wir hatten uns vollkommen verschätzt, wie viel Zeit das beanspruchen würde. So lieferten wir beim ersten Mal unser letztes Paket erst gegen 22 Uhr ab“, erzählt Borchert. Inzwischen haben sie etliche weitere Tastings veranstaltet, die Teilnehmerzahlen stiegen von Mal zu Mal, und vermehrt wurden die Weine sogar deutschlandweit verschickt. „Unsere Gäste haben uns in der Zeit so sehr unterstützt, das ist der Wahnsinn“, sagt Bremer und freut sich über die in der Krise gewachsene Online-Community.

Kleine Katastrophen nahmen die Weinkennerinnen meist mit einem Augenzwinkern: Mal holten sie den Wein direkt beim Winzer ab. Mal standen sie mit ihrem kleinen roten Lieferwagen vor dem Logistikzentrum von DHL, eingekesselt von riesigen LKW, um eine Palette Cidre abzuholen, die irgendwo stecken geblieben war. „Wir sind durch die Ereignisse der letzten Wochen flexibler geworden“, sagt Borchert feststellend. Wo sie früher eher gemütlich mit einem Das-könnte-man-mal-machen durch den Tag gingen, erleben sie nun stattdessen, wie ihnen unverhoffte Herausforderungen enormen Schub verleihen. Irgendwann wird der Bar-Betrieb wieder normal laufen. Doch bis dahin lassen sie sich von der Energie des Machens tragen. Das neu entstandene Format des Online-Tastings werden sie auf alle Fälle weiterhin anbieten. Über das, was sie darüber hinaus an neuen Ideen umsetzen, wollten die beiden allerdings noch nicht reden. „Es wird noch einiges passieren“, verrät Bremer noch. „Denn wir stehen hinter dem Slogan des Gastro-Live-Chats: #WirSindGekommenUmZuBleiben.“

Mutmachertipp von Hannah Bremer und Oda Borchert
» Das Wichtigste, was wir in den letzten Wochen gelernt haben – oder lernen mussten: flexibel bleiben! Dann geht es auch weiter. «