©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Eine ungewöhnliche Auszeit im Kloster Bursfelde

Klöster erfüllen in der heutigen Zeit viele Funktionen, wenn man es so nennen möchte. Längst sind sie nicht mehr allein ein Rückzugsort für stille Einkehr, obwohl dies in vielfältiger Weise ein bestimmendes Element ist und bleibt. So findet im Kloster Bursfelde beispielsweise seit einigen Jahren ein regelmäßiges Event statt, bei dem Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen  auf eindrückliche Weise Stille, Gebet, aber auch den wirtschaftlichen Diskurs erleben. Unter der Leitung von Stephan Eimterbäumer, Pastor und Referent für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, trafen sich im November 2019 wieder rund 20 Unternehmer und Führungskräfte aus Südniedersachsen zu einem gemeinsamen Rückzug aus der geschäftigen Welt der Wirtschaft. Hier gab Nicholas Matten, Geschäftsführer von Stiebel Eltron, mit seinem Impuls-Vortrag ,Anständig Geld verdienen‘ kontroverse Thesen vor, die anschließend in Kleingruppen zu anregenden Diskussionen und zum Nachdenken anregten. Den Teilnehmenden wird jedoch nicht nur dies in Erinnerung bleiben: Der Weg über knirschende Schotterwege zum Abendgebet in der  angrenzenden Kirche führte durch eine mondhelle und winterlich kühle Nacht, und allein der Anblick des Vollmonds ließ Demut und Andacht verspüren. Zu fortgeschrittener Stunde klang der Abend dann am warmen Ofen des Backhauses bei angeregten Gesprächen und einem Glas Rotwein aus. faktor war dabei und hat einige der Teilnehmer gefragt:

Passen Unternehmertum und christliche Werte überhaupt zusammen?

„Unternehmertum und christliche Werte sind die Voraussetzung für Nachhaltigkeit! Und Nachhaltigkeit steht heute in allen Belangen ganz vorne – deshalb sehe ich darin überhaupt keinen Widerspruch. Christliche Werte beinhalten, dass man anständig mit anderen Menschen umgeht und dass man anständig mit der Natur umgeht. ,Andere Menschen‘ sind im wirtschaftlichen Sinne unsere Mitarbeiter, aber auch unsere Partner und Kunden. Anstand, das ist meine Meinung, zahlt sich auf Dauer einfach aus – und das bedeutet Nachhaltigkeit. Wobei ich in meinem Vortrag ja auch die These aufgestellt habe, dass anständige Unternehmen selten anständig Geld verdienen. Eine andere provokante These lautete, dass, wenn wir nicht umdenken und den Wechsel von der fossilen Industriegesellschaft hin zur nachhaltigen Industriegesellschaft schaffen, der Planet ganz sicher überleben wird – die Menschheit aber vielleicht nicht. Mir war klar, dass diese Aussagen vielleicht etwas überzogen sind. Aber als Denkanstoß und Diskussionsgrundlage eigneten sie sich ganz hervorragend.“
– Dr. Nicholas Matten, Geschäftsführer Stiebel Eltron

„Christliche Werte und Unternehmertum passen sehr gut zusammen. Sie stärken unternehmerischen Erfolg bei Mitarbeitern, Kunden und das Handeln für die Gesellschaft. Global operierende Konzerne werden immer stärker von deren Geldgebern und nicht von der eigenen Unternehmenskultur geprägt. Sie verlieren dadurch ihre Identität, mit der sich sowohl Mitarbeiter als auch Kunden identifizieren können. Als Gesellschaft werden wir durch gezieltes Marketing dieser globalen Player unkontrolliert beeinflusst. Wie und mit welchen Inhalten dies geschieht, liegt in der Verantwortung des jeweiligen Unternehmens. Ich sehe hier die Chance, durch die Neuinterpretation und die richtige Anwendung christlicher Werte wie Nächstenliebe oder auch Offenheit, Neugier, Fairness und Vertrauen den Mitarbeitern gegenüber, eine viel stärkere Bindung an das Unternehmen zu schaffen, dessen Kultur zu prägen und langfristig das Vertrauen des Kunden zu verdienen.“
-Christoph Anders, Head of Consulting, Aspera GmbH

„In der Arineo arbeiten über 200 Menschen in einem kollegial geführten Unternehmen zusammen, das keine klassischen Führungskräfte mehr kennt und zukünftig vollständig den Angestellten gehören wird. Das Unternehmen agiert natürlich im Wettbewerb und muss Geld verdienen. Gleichzeitig wurde es aber gegründet, um den Menschen, die bei uns arbeiten, einen sicheren und möglichst sinnstiftenden Arbeitsplatz zu bieten und diesen auf Dauer zu erhalten. In dieser – wie wir finden – zeitgemäßen Organisationsform werden Regeln und  Kontrollmechanismen durch gemeinsame Werte und Prinzipien zur Zusammenarbeit ersetzt. Wir sehen diese als Grundpfeiler, die dafür sorgen, dass wir menschlich zusammen arbeiten und leben können. Das christliche Wertesystem war für uns zwar nicht maßgeblich, deckt sich aber offenkundig in vielem mit den Überzeugungen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich glaube, dass gegenseitiges Vertrauen am Arbeitsplatz zu engen Verbindungen führt, die von Loyalität, Verlässlichkeit, Fairness und gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt sind. Gemeinsame Werte machen uns erst zu einer starken Gemeinschaft – ohne geht es nicht. “
-Ruven Heybowitz, Chief Transformation Officer, Arineo GmbH

„Für mich definieren sich christliche Werte aus den Gesetzen, der Moral und der Wertschätzung. Um entsprechend nach christlichen Wertvorstellungen zu handeln, ist die Einhaltung von Gesetzen unabdingbar. Bei der Moral und der Wertschätzung gibt es Grauzonen. Kann ein der Waffenindustrie nahe stehendes Unternehmen noch von Moral sprechen, oder ist das Management nicht den Stakeholdern verpflichtet, hier eigene Maßstäbe zu setzen? Bei der Wertschätzung geht es nicht mehr wie in den1980er-Jahren top down. Heute gibt es Wertemaßstäbe, die bilateral zu verstehen sind. Bleibt dies aus, sinkt die Arbeitseinstellung, die Kreativität und vor allem die Freude an der Arbeit. Die guten Mitarbeiter werden im Extremfall das Unternehmen verlassen. Insofern beantworte ich die Frage, ob ein Unternehmen nach christlichen Werten handeln kann, mit einem klaren Ja. Es muss es sogar.“
-Hannes Stechmann, privat vor Ort

„Ich frage mich, was heißt christliche Werte? Ich denke, menschliche Werte trifft es wohl eher. Alles, was wir tun, ob in unserer Firma oder privat, hinterlässt einen Abdruck. Einen Abdruck bei anderen Menschen. Deshalb sollte man sich gut überlegen: Mache ich etwas nur für das schnelle Geschäft, oder mache ich es auf lange Sicht? Es geht um nachhaltiges Handeln, bei dem man auch im Nachgang immer wieder mit den Menschen übereinkommt, und nicht um ,aus den Augen – aus dem Sinn‘, also um ‚Handeln‘ im Sinne der Gemeinschaft. Dafür steht auch unsere Bürokultur: Wie gehen wir mit Partnern um? Wie gehen wir mit Lieferanten um? Wie gehen wir mit Kunden um? Wie gehen wir aber auch mit uns um? Und wir leben ja in dieser Region, das heißt, meine Tochter wächst in dieser Region auf. Sie kriegt zwar nicht unmittelbar mit, was ich tue – aber doch um Ecken. Und ich bin der festen Überzeugung: So, wie es in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Danach lebe ich wirklich. “
-Chris Asmuth, Geschäftsführer Pro Office