Gehirngerechte Führung

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Ein Unternehmen gleicht in mancher Hinsicht unserem eigenen Gehirn: Hier wie dort offenbart ein magerer Ideenoutput, dass es an Neugier, Begeisterungsfähigkeit und Gestaltungslust fehlt. Und so wie es Gehirne gibt, in denen die Kommunikation zwischen rechter und linker Hemisphäre und zwischen ,oben‘ und ,unten‘ nicht recht gelingt, gibt es auch Unternehmen mit entsprechenden Blockaden.

Solche Unternehmen mögen gewisse Zeit überleben. Lebendig, kreativ und innovativ sind sie nicht – und damit höchstwahrscheinlich auch nicht zukunftsfähig.

Unternehmen, die langfristig erfolgreich sind, arbeiten so ähnlich wie zeitlebens lernfähige Gehirne: Sie lernen durch Versuch und Irrtum, sammeln Erfahrungen, entwickeln flache, stark vernetzte Strukturen und passen ihre innere Organisation immer wieder neu an sich verändernde Rahmenbedingungen an. Durch sich selbst optimierende kommunikative Vernetzungen auf und zwischen den Organisationsebenen gelingt es ihnen, rasch, umsichtig und nachhaltig auf neue Herausforderungen zu reagieren.

Das Gehirn dürstet nach neuen Herausforderungen

Unternehmen, die so aufgestellt sind, bieten dann auch wieder den Gehirnen, also denen der Mitarbeiter wie auch denen der Führungskräfte optimale Voraussetzungen, um gut zu funktionieren. Denn damit ein Mitarbeiter Innovationsgeist entwickeln kann, braucht er das richtige Umfeld. Auch wenn sich bis heute schlecht untersuchen lässt, was Kreativität eigentlich ist, so lassen sich inzwischen doch einige neurobiologische Voraussetzungen und äußere Bedingungen beschreiben, die für das Zustandekommen kreativer Leistungen erfüllt sein müssen.

Aus neurobiologischer Sicht ist das menschliche Gehirn nicht zum Abarbeiten von Routinen, sondern für kreatives Problemlösen optimiert. Da sich die Verschaltungsmuster der Nervenzellen – je nachdem wie sie genutzt werden – entweder erweitern und festigen oder aber verkümmern und auflösen, braucht das Gehirn immer wieder neue andersartige Herausforderungen, damit es nicht in eingefahrenen Routinebahnen stecken bleibt. Es braucht neue Probleme, die unter die Haut gehen, weil sie wichtig erscheinen, und die sich auf den eingefahrenen Bahnen des Denkens nicht lösen lassen. Ist das Gehirn mit solch einer Herausforderung konfrontiert, entsteht in seinen komplexen Nervenfasernetzen eine Erregung (Arousal), die sich ausbreitet, auf tiefer liegende ältere Bereiche des Gehirns überspringt und dort eine emotionale Aktivierung auslöst. Um diese emotionale Erregung wieder zu beruhigen, fängt die betreffende Person mit ihrem Hirn an, ernsthaft nach einer Lösung zu suchen.

Ideen sind das Ergebnis neu verschalteten alten Wissens

Die Lösungssuche gelingt im kreativen Prozess dann, wenn im Gehirn gleichzeitig möglichst viele ,Schachteln‘ aufgemacht werden. Mithilfe bildgebender Verfahren (funktionelle Magnetresonanztomografie) lässt sich beobachten, dass im Gehirn eines kreativen Menschen, der gerade einem Gedanken folgt oder ein Problem löst, gleichzeitig viele und weit voneinander entfernt liegende neuronale Netzwerke aktiviert werden. Zahlreiche bisher voneinander getrennt abgelegte Wissens- und Gedächtnisinhalte werden also gleichzeitig wachgerufen. Nur so können die regionalen neuronalen Netzwerke, die für die Aktivierung dieser Inhalte erforderlich sind, auf eine neue Weise miteinander verknüpft werden.

Kreativ sein heißt demnach nicht in erster Linie, Neues zu erfinden, sondern das bereits vorhandene, aber bisher voneinander getrennte Wissen auf eine neue Weise miteinander zu verbinden. Wer nicht viel weiß, kann daher nur innerhalb dieser engen Wissensgrenzen kreativ sein. Aber umgekehrt ist besonders viel auswendig gelerntes Wissen auch kein Garant für außerordentliche Kreativität. Damit ein kreativer Prozess gelingt, muss man zum einen über ein möglichst reichhaltiges Spektrum unterschiedlicher Erfahrungen verfügen und zum anderen spielerisch mit diesem gespeicherten Wissen umgehen können.

Eine gute Idee berauscht das Gehirn wie eine Droge

Wenn einem eine gescheite Lösung einfällt, wird die Nervenzellverschaltung, die zu dieser Lösung geführt hat, als neue Erfahrung ins Hirn ,eingebrannt‘. Die dafür erforderliche ,Hitze‘ wird von einem Mix an Botenstoffen erzeugt, die neuroplastische Wirkungen besitzen. Das heißt: Sie veranlassen die Zellen dazu, ihre Verbindungen zu festigen und zu stabilisieren. Zudem wird das sogenannte Belohnungssystem aktiviert. Die emotionalen Zentren im limbischen System des Gehirns kommen in Erregung und setzen an den Enden ihrer Nervenzellfortsätze, die in die höheren Hirnbereiche ragen, Botenstoffe frei. Diese versetzen das Hirn in einen Zustand, als hätte man gleichzeitig eine kleine Dosis Heroin und Kokain eingenommen.

Je öfter man diesen Zustand erlebt, desto größer wird die innere Bereitschaft zum Entdecken und Gestalten. Bei Kindern ist diese Bereitschaft besonders stark ausgeprägt, weil sie den Kick besonders häufig erleben. Je besser man allerdings im Lauf des Lebens lernt, sich in der Welt zurechtzufinden, desto stärker gerät auch das Denken in eingefahrene Bahnen. So schwindet mit dem Älterwerden oft die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.

Gleichwohl kann sie – durch die richtigen Rahmenbedingungen und Anreize – nicht nur erhalten bleiben, sondern auch wiedererweckt werden. Leider aber ist es um diese Anreize im Arbeitsleben häufig schlecht bestellt.

Manche Führungskräfte sind Meister im Unterdrücken von Kreativität

Überall dort, wo versucht wird, vorhandene Ressourcen bis zum Letzten auszunutzen, wo Angst geschürt, Druck gemacht, genau vorgeschrieben und kontrolliert wird, wo Mitdenken nicht wertgeschätzt und Verantwortung nicht übertragen wird, werden die kreativen Potenziale der Mitarbeiter nicht nur übersehen, sie werden unterdrückt. Persönliches Engagement und intrinsische Motivation der Mitarbeiter schwinden dahin. Kreativität und Flexibilität, Sorgfalt und Verantwortungsgefühl verkümmern leider schneller, als viele Führungskräfte meinen.

So lassen sich vier Regeln für ,gehirngerechte‘ Führung ausmachen, die für all jene Firmen interessant sind, denen die Kreativität und der Innovationsgeist ihrer Mitarbeiter wichtig sind:

1. Schaffen Sie regelmäßig neue Herausforderungen!

Damit das Gehirn nicht in eingefahrenen Routinebahnen stecken bleibt, braucht es permanent andersartige Herausforderungen. Nur die lösen im Gehirn eine emotionale Erregung aus. Nur dann fängt jemand an, ernsthaft nach einer Lösung zu suchen. Das Denken bleibt beweglich. Für Führungskräfte bedeutet das: Sie sollten ihre Mitarbeiter regelmäßig vor neue Herausforderungen stellen. Dazu kann z.B. Job-Rotation – also das Modell des regelmäßigen Arbeitsplatzwechsels innerhalb einer Abteilung oder des Unternehmens – eingesetzt werden.

2. Vernetzen Sie das Know-how im Unternehmen!

Die Lösungssuche gelingt im Gehirn am besten, wenn viele und weit voneinander entfernt liegende neuronale Netzwerke gleichzeitig aktiviert werden. Im kreativen Prozess werden sie dann neu miteinander verknüpft. Kreativ sein heißt demnach nicht in erster Linie, Neues zu erfinden, sondern das bereits vorhandene, aber bisher voneinander getrennte Wissen auf eine neue Weise zu verbinden. Für das Management bedeutet das: Es muss versuchen, das unterschiedliche Know-how im Unternehmen immer wieder neu zu mischen, z.B. indem es durch ,Abteilungs-Hospitanzen‘ Schnittstellen bildet, abteilungsübergreifende Teams aufsetzt oder in Großgruppenkonferenzen die Organisationsmitglieder vernetzt.

3. Schaffen Sie eine positive Fehlerkultur!

Angst entsteht als Folge von Verunsicherung. Sie löst im Gehirn ein archaisches Notfallprogramm aus, das nur noch drei Verhaltensweisen zulässt: Angriff, Flucht oder Erstarrung. Andere komplexe, handlungsleitende Erregungsmuster sind nicht mehr aktivierbar. Kreative Problemlösungen sind unter solchen Umständen unmöglich. Übertragen auf das Management bedeutet das: Es muss dafür sorgen, dass die Mitarbeiter möglichst wenig Druck und Versagensangst verspüren. Dafür ist vor allem eine positive Fehlerkultur notwendig. Heißt: Fehler sollten nicht bestraft, sondern vielmehr als Chance gesehen werden, aus ihnen zu lernen. Im Kreativprozess muss ein jeder das Recht haben, Fehler zu machen – ohne Sanktionen zu befürchten.

4. Sorgen Sie für positive Erfahrungen!

Alle Netzwerke im Gehirn, die gleichzeitig aktiviert werden, werden aneinander gekoppelt. Das ist der Grund, warum bestimmte Emotionen mit bestimmten Gefühlen, Gerüchen, Personen oder Situationen verknüpft werden. Für Führungskräfte heißt das: Sie sollten dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter ihre Person mit positiven Erfahrungen verknüpfen, z.B. indem sie Interesse für ihre Person zeigen oder ihnen in schwierigen Situationen mit Rat zur Seite stehen. Durch diese positiven Kopplungen erzeugen sie Zugehörigkeitsgefühl und Leistungsbereitschaft bei den Mitarbeitern.

Zur Person

Gerald Hüther, am 15. Februar 1951 in Emleben geboren, ist Neurobiologe und Autor wissenschaftlicher wie auch populärwissenschaftlicher Bücher und anderer Schriften. Er studierte Biologie in Leipzig und hat dort auch promoviert. Von 1979 bis 1989 forschte er in Göttingen am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin auf dem Gebiet der Hirnentwicklungsstörungen. 1988 habilitierte er im Fachbereich Medizin an der Georg-August-Universität und erhielt die Lehrerlaubnis für Neurobiologie. Von 1990 bis 1995 war er Stipendiat im Heisenberg-Programm der DFG und arbeitete in diesem Rahmen in der Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universitätsmedizin Göttingen. Seitdem ist Hüther als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik tätig und betrieb dort bis Anfang 2013 eine Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes und zweier Töchter.