Geheimnisse in Göttingen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

Die Erfolsgeschichte der Kinderbücher von Autor Tobias Schrader

Sie sind mitten unter uns, in Göttingen.

Sie nennen sich die ‚Göttinger Sieben‘, aber sie dringen heimlich in Gebäude ein, stellen Fallen, streunern auf dem Stadtfriedhof rum, treffen sich mit Vorliebe in der Gartenlaube (die sie Victors Space Café nennen) sind gut organisiert und … sind immer auf der guten Seite: Kröte, Jonas, Würmchen, Xiaoli, Lukas, Maike und ihr Terrier Gustav.

Eine Bande von Schulkindern, die durch zufällige Ereignisse auf kriminelle Verbrechen stoßen, die sie mit ihrem gesamten Spürsinn – und manchmal auch wieder dem Zufall – aufdecken.

Dass noch niemand sie in Wirklichkeit gesehen hat, liegt wohl daran, dass sie die Erfindung des Kinderbuchautors Tobias Schrader sind. In mittlerweile neun Bänden beweisen seine Fantasiegestalten Mut und Zivilcourage – Eigenschaften, die sie mit den historischen ‚Göttinger Sieben‘ verbinden.

Auch wenn es bei diesen bekanntermaßen um Professoren ging, die im 19. Jahrhundert in Göttingen gemeinsam eine Schrift an den König von Hannover verfassten.

In dieser Schrift ging es darum, gegen die Abschaffung von Bürgerrechten zu protestieren – unter anderem mit der Folge, dass die beteiligten Brüder Grimm die Georg-August- Universität verlassen mussten. Soweit, dass einer der fiktiven Jugendlichen die Schule verlassen muss, wird es hoffentlich nicht kommen.

„Aber“, so Schrader, „ich überlege mir schon, ob die Figuren irgendwann älter werden sollen. Oder ob sie ewig Schüler bleiben.“

Eine Gewissensfrage für den Autor.

„Wie, älter werden? Wir haben doch gerade eine so gute Zeit!“, ruft der 13-jährige Jonas. Seine Klassenkameraden nicken zustimmend. „Also das Abi geschafft zu haben, ist ein tolles Gefühl. Aber arbeiten?“, sagt sein Bruder, der 18-jährige Lukas, ältester der Gruppe und verzieht das Gesicht.

„Lieber essen als arbeiten“, pflichtet ihm Kröte bei, der sich auf die bestellte Erdbeertorte freut. Wir haben die kleinen Hauptfiguren der Göttinger Sieben mit zum Interviewtermin im Café Gartenlaube eingeladen, bei dem wir von ihrem Erfinder erfahren möchten, wie die kleinen Helden entstanden sind.

Auch die jugendlichen Detektive sind neugierig. „Tobias, ist Schreiben für dich Arbeit?“, nimmt Xiaoli den Gesprächsfaden auf. „Nein, im Gegenteil, für mich ist das echtes Vergnügen. Ich kann dabei herrlich entspannen“, antwortet Tobias mit einem breiten Lächeln.

Nur seine Freunde, so erzählt er weiter, fänden es manchmal schon etwas befremdlich, dass er sich oft samstags oder sonntags stundenlang zum Schreiben zurückzieht.

Als Xiaoli nachbohrt: „Wieso denn nur am Wochenende?“, erzählt der Schreiber uns, dass er eigentlich hauptberuflicher Referent im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Bonn ist.

„Uih, dann bist du genauso arbeitsam wie unser fleißiges Würmchen!“, sagt Maike und zwinkert dem Klassenprimus zu. „Aber psst“, flüstert Tobias, „meine Kolleginnen und Kollegen wissen nämlich noch nicht, dass ich Autor bin.“

Er sieht Jonas aufgerissene Augen. Naja, sein Beruf solle ja auch nicht unter seinem Hobby leiden, rechtfertigt er sich. „Ist ja voll krass“, entfährt es Jonas lautstark.

„Was ist krass?“, will die Bedienung wissen, die gerade an den Tisch kommt. „Ähm, er meint die tolle Erdbeertorte, die doch bestimmt für mich ist“, versucht Kröte abzulenken und nimmt ihr schon den Teller aus der Hand.

„Na, du musst ja Hunger haben“, sagt sie und lächelt.

Tobias zwinkert und raunt ihr zu: „Das ist wohl meine Schuld.“ Lukas hakt nach: „Wieso deine Schuld?“ „Na, weil ihr doch meine Kinder seid“, sagt Tobias sichtlich stolz.

Sie schauen sich alle gegenseitig an, Würmchen ergreift als erstes wieder das Wort: „Wie sind wir eigentlich geworden, was wir sind?“

Das wollen nun alle wissen.

Tobias greift in seine Tasche, holt drei Kassetten raus und gibt sie an Maike.

„Ey, sowas gibt’s noch?“, staunt sie und liest vor: „TKKG, Die drei ???, Enid Blyton.“ „Ja, es sind alles Detektivgeschichten. Und wisst ihr was?“, Tobias macht eine kurze Pause, um die Spannung zu steigern.

„Diese werden sogar noch von Studenten gern gehört!“ Er sieht in die ungläubigen Gesichter und gesteht, dass er damals genauso überrascht war. „Du hast damals in Göttingen Jura und Sozialwissenschaften studiert“, weiß Würmchen, der sich bestens auf das Gespräch vorbereitet hat.

Tobias nickt zustimmend und verrät: „Richtig, und das Interesse meiner Kommilitonen hat mich auf die Idee gebracht, mir selbst solche Geschichten auszudenken.“

„Irre, wir sind das Hirngespinst eines Studenten!“, ruft Maike aus und kriegt einen Lachanfall. Jetzt meldet sich auch ihr Terrier Gustav mit Gebell, der die ganze Zeit brav unter dem Tisch lag.

Die anderen Gäste schauen kurz auf. „Cool, aber wieso wohnen wir alle in Göttingen?“, fragt Xiaoli flüsternd, um keine weitere Aufmerksamkeit zu wecken.

Tobias lächelt in die Runde und gesteht, dass er sie alle gern bei sich haben wollte. „TKKG spielt in der fiktiven TKKG-Stadt, Die drei ??? in Kalifornien und Enid Blyton in England – das war mir als Kind immer viel zu weit weg von meiner Wirklichkeit. Und außerdem finde ich es schöner, wenn die Leser den Ort des Geschehens auch kennen. Das schafft eine sogenannte Leserbindung.“

„Moment, du bist jetzt 40 Jahre alt. Vor drei Jahren hast du erst den ersten Band publiziert. Wo waren wir in all den Jahren davor?“, rechnet Lukas nach.

„In der Schreibtischschublade“, gibt Tobias zu. Er habe sich lange Zeit gefragt, ob das, was er schreibt, ,das Zeug‘ für eine Veröffentlichung hat.

Außerdem musste er sich um seine Ausbildung kümmern, hat Fachartikel zu juristischen Themen, zu Menschenrechten und Terrorismus geschrieben, absolvierte ein Studienjahr in Frankreich, machte den Magister und wurde dann Mitarbeiter bei der Unabhängigen Justizkommission der UN, die in Sarajevo den Wiederaufbau des Justizund Gerichtssystems in Bosnien-Herzegowina betrieb.

„Das war doch damals Krisengebiet“, weiß Würmchen. Tobias wirkt nachdenklich und sagt mit etwas belegter Stimme: „Keine schöne Zeit. Ich habe die Schattenseiten der medienwirksam genannten ‚humanitären‘ Hilfe gesehen und war fassungslos über die damit einhergehenden Ungerechtigkeiten.“

Und um andere Menschen darüber aufzuklären, habe er einige Aufsätze geschrieben.

Würmchen bringt sein weiteres Wissen ein: „Die Schriftstellerin Juli Zeh hat doch auch Bücher über den Jugoslawienkonflikt geschrieben.“ Tobias stimmt ihm zu: „Ja, und sie hat Lesungen in Bosnien-Herzegowina gehalten. Wir waren nämlich damals Kollegen und teilten uns ein Büro.“

„Ich kann mir denken, was dann kam“, meldet sich nun Kröte wieder zu Wort, der kurz zuvor noch ein zweites Stück Torte bestellt hat.„Sie war schon bekannte Schriftstellerin, und da hast du gedacht, du fragst sie mal, wie das so läuft. Woher man weiß, ob der Stoff gut ist und wie das so ist mit den Verlagen.“

Tobias grinst. „Du hast das richtige Näschen! So war es tatsächlich. Juli Zeh hat mich ermuntert, euch den anderen Menschen vorzustellen. Aber die Suche nach einem Verlag war echt mühsam“, erinnert er sich.

Denn der lokale Bezug zu Göttingen stellte sich als Hemmschuh heraus. Wer in München will schon Geschichten aus Göttingen lesen?

Die Verlage sagten alle ab.

Erst als Juli Zeh einige Jahre später nachhakte, habe er endlich den entscheidenden Schritt gemacht, berichtet er.

„Was ein Glück!“ rufen alle erleichtert aus und reden durcheinander, jetzt ist es ihnen egal, ob die anderen Gäste zuhören. Und Tobias muss erklären, dass die Bücher erst gedruckt werden, wenn er Abnehmer für eine genügend große Auflage hat, das nenne sich ‚Books-on-demand‘.

„Und was liegt da näher, als den örtlichen Buchhandel und das Tourismusbüro zu fragen“, schlussfolgert Maike.

„Ich bin stolz auf deinen Spürsinn“, sagt er und lächelt. „Die Bücher lesen sich wie ein Stadtführer, und das hat vielen gefallen. Aber auch wenn ihr eine Reise macht, begleite ich euch und dokumentiere eure Abenteuer.“

„Göttingen ist doch eine super Stadt“, bemerkt Maike und versteht das Problem der Verlage nicht, „… sie war sogar mal Filmstadt…“

Und plötzlich haben alle dieselbe Idee: „Ein Film! Ein Film von den Göttinger Sieben! Ja, Tobias, wir wollen einen Film mit uns. Dann kennen uns alle und sehen, wie schön es hier ist!“ Er schmunzelt und stimmt ihnen zu.

Doch leider kenne er keinen Filmemacher bedauert er. „Da schnüffeln wir mal im faktor-Netzwerk rum“, sind sich alle einig.

Der Nachmittag ist vorbei, die Verabschiedung ist herzlich. Tobias fährt zurück zu seinem Bonner Wohnort. Würmchen, Jonas, Kröte, Maike mit Gustav und Xiaoli wollen noch ins Schwimmbad, und Lukas murmelt was von einer neuen Freundin.

Und mich lässt die Filmidee auch nicht mehr los. Schnüffeln werde ich nicht, aber fragen: Kennen Sie jemanden?

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