Gänsehaut-Feeling

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

faktor reiste mit Philipp Bremer an die Mosel und erlebte die Faszination der Weinkultur.

Er fährt langsam, sein Blick schweift gen Norden. „Hier bekomme ich immer Gänsehaut“, sagt Philipp Bremer und schaut versonnen in die Weinberge, die sich seitlich vom Rhein zeigen und stolz ihre Reben gen Himmel strecken.

Der Rheingau auf der hessischen Seite, Rheinhessen auf der Seite von Rheinland-Pfalz – hier auf der Schiersteiner Brücke erhascht man den ersten Blick auf das, was Bremer ausmacht: Wein.

Ja, es scheint Liebe zu sein. Und wenn ich Philipp Bremers verzückten Blick sehe, dann ist es gewiss auch Leidenschaft, die die lange Familientradition erklären könnte. Doch wir vermuten, dass es mehr ist, was das Unternehmen Fr. Bremer seit 225 Jahren in Göttingen lebendig hält.

Und so begleitet faktor den Inhaber der siebten Generation auf eine Weinreise an die Mosel – und zwar einer ganz besonderen: Es geht um die Anpflanzung von Reben auf einem Weinfeld.

Es gehört dem Winzermeister Martin Schömann, der zugleich drei Parzellen der „Göttinger Weinbergbesitzer KG“ im „Zeltinger Himmelreich“ bewirtschaftet. 2009 hat dieser Zusammenschluss von Menschen unterschiedlichster Berufe, zu denen auch Bremer gehört, die Felder gekauft und an Schömann verpachtet.

Anreise

Die Fahrt dorthin dauert einige Stunden, und Bremer nutzt die Gelegenheit, einen Abstecher an die Nahe zu machen, um dort Ware einzuladen. „„Wenn mein Vater früher unterwegs war, haben auch immer die Flaschen hinten im Kofferraum geklappert“, erinnert er sich. „Das ist bei uns üblich – sobald wir auch nur in die Nähe eines Weingebiets kommen, kaufen wir dort auch etwas.“

Doch natürlich gehört immer ein Gespräch dazu, der persönliche Kontakt sei „ganz wichtig“. Ein kleiner Schnack, über die Ausmaße der Frostschäden, mit der Weinbergbesitzerin auf der Sonnenterrasse, und die Fahrt geht weiter durch den Hunsrück.

Plötzlich sagt Bremer: „Jetzt – das ist immer der schönste Moment“, und schon sehen wir, was er meint: Hinter der Kurve schmiegt sich das idyllische Zeltingen im Moseltal an die Weinberge. „Jedes Mal ist es immer ein bisschen mehr, wie nach Hause kommen“, schwärmt er.

Er, der seine Weinhandlung inmitten eines Nicht-Anbaugebietes betreibt, ist begeistert von der Landschaft, die durch die Rebenhänge geformt ist. Hier ist er gerne, immer wieder mal für wenige Tage. Auch des Freundes wegen, der uns schon erwartet. „Schön, dich wiederzusehen“, begrüßt er Martin Schömann.

Die Geschäftsbeziehung begann vor 30 Jahren, als Schömann damals eine Probeflasche bei Ruth Bremer abgab. Die Tante von Philipp Bremer, jahrelang „gute Seele“ des Geschäfts, war so begeistert, dass sie gleich 1.000 Liter Riesling bestellte. „Das hat mich schwer beeindruckt“, sagt Schömann.

Und jetzt ist es so, dass die beiden Männer sich gegenseitig schätzen. Denn: Bremer ist gelernter Winzer, und Schömann ist gelernter Weinhändler. „Wenn der Winzer schon weiß, dass ihm nicht nur ein Händler gegenüber sitzt, sondern einer, der wirklich weiß, worauf es ankommt, dann können beide nur davon profitieren“, erzählt Schömann.

Und das zeigt sich in besonderer Weise bei der Probe im Weinkeller. Dort fachsimpelt er mit Bremer über den Gärprozess, die Geschmacksnuancen und die Restsüße. Restsüße – ein Thema, über das sie sich ereifern können, denn beide bedauern, dass lieblicher Wein völlig zu Unrecht so selten nachgefragt wird. „International wird dieser Wein sehr geschätzt, aber hier tut man sich noch schwer damit“, erklärt Bremer, der dafür plädiert, diesem guten Geschmack eine Chance zu geben.

Er, Weinkenner und -händler zugleich, weiß, wovon er spricht. Ach, mit dem Händler sei immer so ein Negativ-Image verbunden, als würde man nur Profit machen wollen, sagt er. Doch sei das Wichtigste, dem Kunden Emotionen und Genuss zu vermitteln, das Gefühl für den Wein und die Geschichte dazu. Und das geht in besonderer Weise, wenn der Händler zugleich das Wissen des Winzers hat. „Emotion, alles ist Emotion“, sagt Schömann.

Und so langsam werden sie nervös, ob die Anpflanzung der Reben, die für den nächsten Tag angesetzt ist, überhaupt stattfinden kann. Die Sonne hat die Felder ausgetrocknet. Der Boden ist zwar gelockert, Pflanzmaschine und Arbeiter werden da sein, die Rieslingreben lagern in Wasserkübeln. Doch ein Gewitter könnte aufziehen und alles zunichtemachen, oder die Erde ist doch zu trocken.

Anpflanzung

Es ist früher Morgen, die Sonne scheint. Die erste Rebe soll gesetzt werden. Drei Männer sind mit der Raupe schon vor Ort. Diese wird an einem langen Seil nach oben gezogen, ein Mann fährt, die anderen beiden sitzen hinter ihm. Und während die Raupe in festgesetzten Abständen Löcher in die Erde bohrt, reicht einer dem anderen je eine Pflanze, dieser versenkt sie in den fruchtbaren Schieferboden, der wieder locker die Wurzel umschließt.

Es geht los. Der Motor startet, die Männer sind bereit. Bremer ist aufgeregt. „So eine Anpflanzung erlebt man nicht alle Tage. 50 Jahre können die Reben Wein geben, bis wieder gesetzt werden muss.“ Ja, es ist wie eine Geburt. Die Geburt eines Weines. Auch wenn erst in drei Jahren der Jungwein gelesen wird und in sechs Jahren der erste richtige Wein. „Es ist wie mit Kindern, die man langsam aufwachsen sieht.“

Die Raupe setzt sich in Bewegung, alles läuft sprichwörtlich wie am Schnürchen. Reihe für Reihe plumpsen die Reben in die Erde, 3.000 Quadratmeter mit 50 Prozent Steigung warten auf frisches Grün. Auch Schömann freut sich. „Wissen Sie“, sagt er, „was Philipp Bremer hier macht, ist das Erhalten der Weinkultur.“

Viele Flächen liegen mittlerweile brach. Die ältere Generation, die noch die harte tägliche Feldarbeit macht, stirbt langsam aus, junge Leute kommen kaum nach. Die meiste Denkarbeit braucht man beim Rebschnitt, die andere Arbeit geht in Fleisch und Blut über. „Gefühl muss man haben und den Rebstock verstehen“, erklärt Schömann.

„Und dann kommen Leute aus Göttingen, die Interesse daran haben, dass wir hier an der Mosel weiter guten Wein machen.“ Dass der Weinberg nicht aufgegeben wird, das sei ihr großer Verdienst. Natürlich muss da zuallererst auch der Absatz stimmen, aber er habe mit den Göttinger Weinbergbesitzern zum Glück verlässliche Partner an seiner Seite.

Mittlerweile ist Bremer dabei, die Holzpflöcke am Ende jeder Reihe umzusetzen, sobald sie gepflanzt ist, und unterstützt damit die Arbeiter.

Geduld

Doch plötzlich streikt die Maschine. Ein Ersatzteil muss besorgt werden. Die Zeit verrinnt. Und trotzdem: „Mir geht es richtig gut“, sagt Bremer und wirkt tatsächlich völlig entspannt. „Die Zeit scheint langsamer zu vergehen. Wenn das ständige Nachdenken wegfällt, bedeutet das eine völlig andere Arbeitsqualität. Was kann ich für mein Geschäft daraus ableiten? Geduld!“

In der Stadt, im Vertrieb, sei er getriebener. Hier im Weinberg liebt er es, nur mit der Natur zu arbeiten und „die Hände in der Erde zu haben“. Ja, es erfüllt ihn mit tiefer Ehrfurcht vor der Natur. Dieses Wissen, dass nur im Einklang mit Klima, Boden und Pflanze ein richtig guter Wein reifen kann.

Gelassenheit, das Gespür für den Moment haben, die Zeit zum Pflanzen, zum Reifen und zum Lagern zu gewähren. Nein, es macht ihm nichts aus, dass das Ersatzteil nicht sofort herbei geschafft werden kann. Es wird sich schon was finden. „Es macht keinen Sinn, sich über Dinge zu ärgern, die nicht veränderbar sind“, sagt er.

Die Anpflanzung wird abgebrochen, die Hälfte ist gepflanzt. Die restlichen Reben werden später in die Erde gesetzt. Aber ein Anfang ist gemacht, Philipp Bremer war bei der „„Geburt“ dabei und aller Aufregung, die damit verbunden ist.

Abreise und Ausblick

Ein letzter Blick auf das Feld, den letzten Karton Wein im Auto verstauen, ein letzter Blick auf das geliebte Tal, und die Heimreise beginnt. Dahin, wo kein Wein wächst.

Ja, es ist tatsächlich mehr als Liebe und Leidenschaft, die das Geschäft Bremer von Generation zu Generation weiterleben lässt: Es ist die Wertschätzung der Natur und die des Menschen. Das Bestreben, eine Kultur lebendig zu halten, die schon Jahrtausende währt.

Ob eine seiner drei Töchter (12, 15 und 16 Jahre) die Weinhandlung in die achte Generation führt? Er sieht es gelassen. Bisher hat es sich immer gefügt, dass es weiterging.

Auch ihn hatte man damals nach seinem Weinbaustudium nicht gezwungen, nur mal höflich nachgefragt, ob er nicht doch einsteigen wolle.

Natürlich hofft er auf eins seiner Kinder, möchte sogar für sie eigens einen „Übungsweinberg“ am Wall errichten. Aber, so sinniert er, eigentlich ist die Firma Fr. Bremer ein vollständiges Familienmitglied, das man nicht einfach verlassen kann.

Scheidung also ausgeschlossen? Es ist zu hoffen. Für alle, die ohne Reben in Südniedersachsen einen Weinkenner vor Ort schätzen. Einen, der mit jedem guten Tropfen auch ein schönes Gefühl vermitteln kann.