Fußball ist unser Leben

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Yannick Lowin, redaktion

Die Bundesliga wird 50 Jahre alt. faktor schwelgt mit Fußballbuch-Autor Hardy Grüne und Bernd-M. Beyer vom Göttinger Werkstatt-Verlag in Erinnerungen.

Hardy Grüne und Bernd-M. Beyer verbinden ihre Arbeitzeit mit Fußball-Büchern: Grüne schreibt sie, Beyer bringt sie im Werkstatt – Verlag heraus. Die beiden Fußball-Experten kennen sich seit Jahren. Auf der Tribüne im Göttinger Jahnstadion blicken sie gemeinsam zurück und fachsimpeln über aktuelle Entwicklungen der Liga.

Welches ist das früheste Ereignis, das Ihnen in Verbindung mit der Bundesliga einfällt?

Grüne: Ich erinnere mich da als Erstes an die Sportschau; an Schwarz-Weiß-Fernsehen und Samstagabend. Ich habe geguckt, mein Vater hat geguckt. Das Interesse für Fußball hatte ich über die Weltmeisterschaft 74 in Deutschland entwickelt. Als die WM zu Ende war, habe ich dann auf Bundesliga umgeschwenkt.

Beyer: Ich hatte ähnliche Erlebnisse wie Hardy. Da ich als Jugendlicher nicht die Möglichkeit hatte, ins Stadion zu gehen, verbinde ich die Bundesliga mit der Sportschau und Ernst Huberti. Wir hatten erst spät einen Fernseher bei uns zu Hause, aber ich habe bei unseren Nachbarn gucken dürfen. Damals, als die Bundesliga eingeführt wurde, habe ich in Köln gewohnt. Da war der 1. FC Köln natürlich eine große Nummer. Wir haben immer vorm Fernseher geschrien. Und der Vater vom Nachbarskind, der sich gerade fürs Theater fertigmachte, kam dann rüber gelaufen, noch mit Rasierschaum im Gesicht, und fragte: „Was ist los, was ist los? Han de Kölner en Tor jeschossen?“

Welches Bundesliga-Ereignis fanden Sie am aufregendsten?

Grüne: Bei mir kommen da witzigerweise Erinnerungen an Spiele von Bundesligisten, aber nicht im Rahmen der Bundesliga, in den Sinn. Also das 7:3 von Uerdingen gegen Dresden (19. März 1986 im Viertelfinale des Europacups, Anm. der Red). Das ist ein absolut wahnwitziges Spiel gewesen. Außerdem das Relegationsspiel von Borussia Dortmund gegen Fortuna Köln 1983. Da war ich live im Stadion, als Kobra Wegmann in der eigentlich nicht mehr existierenden Spielzeit das 2:0 erzielte, was das dritte Spiel nötig gemacht hat – das war unglaublich.

Beyer: In der Saison 2000/2001 ging’s ja zwischen Schalke und Bayern um die Meisterschaft, die nun beide nicht meine Vereine sind (Beyer ist Dortmund-Fan, Anm. der Red.). Deswegen hatte ich meiner Frau zugesagt, an dem Nachmittag im Harz wandern zu gehen. Irgendwie dachte ich mir dann aber, irgendwas passiert da noch zum Schluss. Ich guckte auf die Uhr und sagte zu meiner Frau: „Lass uns mal einen Schritt zulegen.“ Es wurde immer knapper. Zum Schluss sind wir durch den Wald gerannt, meine Frau sagte mir ständig, dass ich ,einen Schatten hätte‘. Als wir das Auto erreicht hatten, habe ich das Radio angestellt, und da hieß es, Schalke sei Meister. In dem Moment dachte ich mir: „So ein Mist, wieso sind wir so gerannt?“ Zehn Sekunden später hat Bayern dann das entscheidende Tor gemacht. Das war das einzige Mal, das ich mich mit Bayern gefreut habe.

Herr Grüne, gibt es eine Epoche der Bundesliga, die Sie am meisten begeistert?

Grüne: Das ist so eine Altersfrage. Der erste Gedanke ist: ‚Früher war alles besser.‘ Doch der Fußball in den Achtzigern war sicherlich nicht besser. Das war aber eben meine Hochphase, in der ich zu vielen Spielen gefahren bin, und ich die Spieler alle kannte, und die Bundesliga bzw. der Fußball insgesamt ein Zentrum meines Lebens alltags war. Heute bin ich da wesentlich distanzierter. Manchmal habe ich schon Schwierigkeiten, die Spieler auf den Mannschaftsfotos der Clubs auseinanderzuhalten. Insofern sind’s die Achtziger, aber das liegt in der eigenen Biografie begründet. Denn fußballerisch waren die – aus heutiger Sicht gesehen – schrecklich. Außerdem gab es auf den Tribünen relativ viel Gewalt. Das war also sicherlich nicht die glorreichste Phase der Bundesliga-Geschichte.

Herr Beyer, gibt es einen Bundesliga-Spieler oder Trainer, den Sie bewundern?

Beyer: Mir sind vor allem zwei Trainer im Gedächtnis geblieben, die meiner Meinung nach am innovativsten waren in der Bundesliga. Das war einmal Hennes Weisweiler, der bei Mönchengladbach bzw. später bei Köln einen ganz neuen Stil hat spielen lassen und wesentlich zur Popularität von Gladbach in den Siebzigern beigetragen hat. Das war nicht einfach blindes Drauflosstürmen, sondern das war wirklich eine moderne Spielweise. Und zum anderen Ernst Happel, der wie Weisweiler aus Holland beeinflusst wurde und das moderne Spiel beim HSV weitergeführt hat, also vor allem das Pressing. Das waren auf der einen Seite zwei Modernisierer, aber auf der anderen Seite auch zwei kantige Typen, die ihren ganz eigenen Umgang mit der Presse und der Öffentlichkeit gepflegt haben.

Auf welchen Gebieten hat sich die Liga in den 50 Jahren am meisten verändert?

Grüne: Ich würde eher fragen, wo hat sie sich nicht verändert? Es sind immer noch elf Spieler, es gibt immer noch einen Ball. Ansonsten hat sich die Bundesliga radikal verändert. Ich schreibe aktuell an einem Buch über die Geschichte der Fankultur in der Bundesliga. In diesem Zusammenhang lässt sich eine relative Kontinuität von 1963 bis in die frühen Neunziger feststellen. Danach kam die Grenzöffnung und vor allem das Privatfernsehen mit Anpfiff und Ran, die wirklich etwas verändert haben. Vor allem haben sie andere wirtschaftliche Möglichkeiten aufgezeigt und ein anderes Publikum erschlossen.

Was schauen Sie sich eher an: Ein Bundesliga- Spiel oder ein Spiel in einer Amateur-Liga?

Grüne: Ich habe nie Fernsehfußball gemocht. Das war für mich immer zweite Wahl. Lieber bin ich ins Stadion gegangen. Dadurch bin ich automatisch eher zu kleineren Vereinen gekommen. Das ist etwas, was ich immer noch gerne mag. Deswegen gehe ich auch mal in die Kreisliga. Da ist so eine gewisse Neugier dabei, und ich versuche, die Aura des Vereins aufzunehmen. Aber in dieser Hinsicht unterscheide ich mich von Bernd Beyer.

Beyer: Ja, ich gucke oder höre eher mal ein Spiel im Fernsehen oder im Radio. Manchmal sogar lieber im Radio. Was ist das Besondere am Fußball aus dem Radio? Beyer: Man kann es sich schön denken. (lacht) Nein, das ist einfach diese Aura. Wobei das teilweise auch überzogen wird. Die Radio-Reporter versuchen, Elemente aus Lateinamerika zu übernehmen: Jeder Torschrei wird aufgeblasen zu einem ekstatischen Ereignis. Davon abgesehen ist es ein bisschen Nostalgie – vor allem bei der ARD-Bundesligakonferenz, wo das noch ein bisschen mehr in Moll abläuft. Man hört im Wechsel etwas von den verschiedenen Schauplätzen, und die Stimmen vermitteln noch so ein wenig erdige Atmosphäre. Ein guter Reporter, der es schafft zu kommentieren und dabei noch Pointen zu setzen oder neue Redewendungen zu finden, der ist schon ein Genuss für mich.

Welches sind für Sie aktuell die größten Probleme der Bundesliga?

Grüne: Wirklich große Probleme kann ich nicht sehen, wenn ich das mit anderen Ligen vergleiche wie in Spanien, wo die Überschuldung groß ist oder in England, wo zunehmend ausländische Besitzer in die Vereine drängen und da viel verändern. Bei uns gibt es so etwas ja dank der 50 + 1-Regel nicht (Sie untersagt eine Übernahme der Stimmen-Mehrheit durch Investoren bei Fußball-Vereinen, Anm der Red.). Und Hoffenheim als Problem bezeichnen möchte ich nicht, auch nicht RB Leipzig. Diese Entwicklungen finde ich nicht gut, aber so ist es nun mal. Manche sagen, wir haben ein Hooligan- Problem. Das finde ich vollkommen überzogen. Hier haben sich vor allem die Blickwinkel verändert. Fußball-Gewalt war in den Achtzigern deutlich schärfer als heute, aber der Fokus war einfach nicht darauf gerichtet. Klar, Pyrotechnik spaltet, aber das sehe ich auch nicht als Problem.

Beyer: Ein Problemfeld, das ich sehe, ist der Spagat zwischen Kommerzialisierung und dem ‚ehrlichen‘ Fußball. Also inwieweit darf man Stars einkaufen oder anderen Vereinen wegkaufen? Inwieweit kann man das mit dem Merchandising übertreiben? Da gibt es auch schon Fans, die sagen: „Das ist mir alles zu viel.“ Auf der anderen Seite denke ich, dass der Fußball ohne solche kommerziellen Elemente nicht funktionieren kann. Aber der Bundesliga ist dieser Spagat im Gegensatz zu Spanien oder England ganz gut gelungen.

Herr Beyer, wann und warum hat sich der Werkstatt- Verlag auf Fußballbücher spezialisiert?

Beyer: Das war Anfang der Neunziger. Bis dahin waren wir auf politische und ökologische Sachbücher spezialisiert, wobei wir thematisch nicht ganz eingeengt waren. So kam auch mal ein Buch auf den Tisch, das eine kritische Sichtweise auf den Fußball geworfen hat – mit dem Titel ,Der gezähmte Fußball‘. Das hat uns zum einen angesprochen, weil in ihm eine Art der Betrachtung von Fußball vorkam, nämlich aus der Fansicht, die wir geteilt haben. Zum anderen vertrat es eine sozialkritische bzw. sozialhistorische Sichtweise auf das ganze Geschehen – Fußball wurde hier als Massenkultur begriffen, mit all ihren Phänomenen und Problemen. Das hat letztlich nicht nur uns Verlagsmenschen angesprochen, sondern auch eine unheimliche Resonanz in der Leserschaft gefunden. Denn so eine Art Fußballbuch gab es bis dahin nicht. Daraufhin haben wir gesagt, das entwickeln wir weiter.

Welchen Stellenwert hat die Bundesliga für den Werkstatt-Verlag?

Beyer: Einen sehr hohen. Wir haben mit den meisten Bundesligisten eine intensive Kooperation: Viele Vereine wie der HSV oder Borussia Mönchengladbach haben Jubiläumschroniken herausgebracht oder Chroniken erstellt, die die Geschichte des Vereins von der Gründung bis heute behandeln. Die Kooperationen mit den Bundesligaclubs sind für uns vor allem aus kommerziellen Gründen von großer Bedeutung. Daneben haben wir aber immer auch den Ehrgeiz, Buchprojekte zu realisieren, die uns inhaltlich überzeugen, aber bei denen kein großer kommerzieller Erfolg zu erwarten ist oder die sogar subventioniert werden müssen. Es geht uns eben auch nicht darum, nur die schönen Seiten des Fußballs zu verherrlichen.

Und was würden Sie beide sich für die nächsten 50 Jahre Bundesliga wünschen?

Grüne: …dass Göttingen 05 irgendwann in der Bundesliga spielt. (lacht)

Beyer: Natürlich wünscht man sich, dass das spielerische Niveau weiter so bleibt; dass insbesondere die Ansätze, die es in den letzten zehn Jahren im Nachwuchsbereich gegeben hat, fortgeführt werden; dass man da nicht erlahmt. Und dass man die Rahmenbedingungen so lässt, wie sie sind.

Vielen Dank für das Gespräch!