Fürs Leben lernen

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Text von: Redaktion

Die Zahl der Schülerfirmen in Südniedersachsen steigt – davon profitieren Schüler und regionale Unternehmen.

Marc (15) und Sebastian (14) haben sich vor dem Infostand ihrer Schülerfirma „Holzbiber“ aufgestellt und sprechen vorbeigehende Besucher der ersten großen überregionalen Schülerfirmenmesse der Landesschulbehörde Braunschweig an. Die findet in der Göttinger Geschwister-Scholl-Gesamtschule statt, denn im südlichen Niedersachsen bestehen so viele Schülerfirmen wie sonst nirgends im Land. Zwölf weitere Schülerunternehmen zwischen Gifhorn, Harz und Göttingen sind vertreten, um ihre Geschäftsidee vorzustellen.

„Darf ich Ihnen mal diese Präsentationsmappe zeigen?“, fragt Marc. Ganz können die beiden Schüler der Grundund Hauptschule Wittingen ihre Nervosität nicht verbergen, dennoch treten sie selbstbewusst auf und informieren über die Produkte des Kleinstunternehmens. „Schülerfirmen gelten besonders in der Haupt- und Förderschule als Unterrichtsmethode, die hilft, Schüler wieder verstärkt für die Schule zu gewinnen“, weiß Ronald Geyer (Foto), Multiplikator für nachhaltige Schülerfirmen in Niedersachsen. So versuche auch die Rütli-Schule in Berlin Neukölln – seit vergangenem Jahr Synonym für Versagen von Schule – Schüler u. a. mit Schülerunternehmen wieder für den Unterricht zu motivieren. Geyers Aufgabe als Multiplikator ist es, den Lehrerkollegen die Schülerfirma als Unterrichtsmethode schmackhaft zu machen. Er selbst unterrichtet an den Northeimer Berufsbildenden Schulen I für Wirtschaft und Verwaltung, wo es inzwischen allein zwölf Unternehmen dieser Art gibt.

Schülerfirmen „beackern“ die unterschiedlichsten Geschäftsfelder: Sie organisieren Klassenfahrten und Events, betreiben eine Schulcafeteria, verkaufen in der großen Pause Schreibutensilien oder stellen wie „Holzbiber“ Brenn- und Anzündmaterial aus ausrangierten Holzpaletten her. „Die Schüler entwickeln mit ihrem Lehrer einen Geschäftsplan und setzen diesen in die Tat um“, erläutert Geyer. Dabei soll verstärkt darauf geachtet werden, das wirtschaftliche Handeln ökologisch und sozial zu gestalten.

Die Vorteile einer Schülerfirma liegen auf der Hand: Schüler lernen nicht nur wirtschaftliche Zusammenhänge in der Praxis kennen, sondern machen sich darüber hinaus in Teamarbeit fit und lernen Verantwortung zu übernehmen – Schlüsselqualifikationen, die im Berufsleben von Bedeutung sind. „Das kann den späteren Berufseinstieg erleichtern“, glaubt Geyer. Im Schülerunternehmen ist vieles wie im späteren Leben. Bei „Holzbiber“ etwa müssen die Schüler eine schriftliche Bewerbung einreichen, ehe sie mitarbeiten dürfen. Ebenso müssen sie sich entscheiden, ob sie lieber in der Werkstatt oder im Büro arbeiten wollen. Derzeit wird laut Geyer darüber nachgedacht, wie mit Schülerfirmen der Weg in die Selbständigkeit gefördert werden kann. „Vier Schüler, die in einer Schülerfirma aktiv waren, haben jetzt in Northeim ein eigenes Geschäft“, so der Multiplikator. Womöglich habe ihnen das erworbene Wissen im Schülerunternehmen diesen Schritt erleichtert.

Über die reine Präsentation hinaus, bestand ein Ziel der Messe ebenfalls darin, Kooperationsmöglichkeiten von Schule und Wirtschaft aufzuzeigen. Viele Schülerfirmen kooperieren bereits mit Unternehmen. Schülerfirmen in Northeim beziehen zum Beispiel Schreibmaterialien vom Unternehmen „Kassebeer“. Die Schülerfirma „Stiftl“ an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Göttingen bestellt T-Shirts mit Schullogo bei der Firma „Dino“. So entstehen Kontakte, die für beide Seiten lohnend sein können: „Einige Unternehme haben über die Schülerfirmen bereits ihre späteren Auszubildenden gefunden“, weiß Geyer. Auch die Wirtschaftsjunioren unterstützen die Idee der Schülerfirma. „Sie begrüßen das Konzept durch die Bank, weil die Schüler hier wichtige Kompetenzen erwerben“, erklärt Frank Richardt, Mitorganisator der Messe und Lehrer an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Göttingen.

Dass sich die Kompetenzen ihrer Schüler vermehren, stellen die Lehrer meist nach etwa einem Jahr fest. Richardt erinnert sich an ein Mädchen aus der achten Klasse, das mit klopfendem Herzen eine telefonische Nachbestellung von Schreibmaterial vorzunehmen hatte. „Der Mitarbeiter des Unternehmens am anderen Ende der Leitung war erstaunt, wie bestimmt sie ihre Order vortrug“, erzählt Richardt. Bei aller Praxisnähe eines Schülerunternehmens bleiben dennoch einige Erfahrungsbereiche außen vor. So haben die Jungunternehmer noch nichts mit dem Finanzamt zu tun. „Schülerfirma ist Unterricht“, betont Geyer. Mit ihren Geschäftsideen fahren Schüler durchschnittlich einen Gewinn ein, der zwischen 500 und 1.000 Euro im Jahr liegt. Damit unterliegen sie keiner Steuerpflicht. Hingegen ist auch für sie die einfache Buchführung Pflicht. Rechtlich verantwortlich zeichnet in jedem Fall immer der betreuende Lehrer. Geyer ist sich darüber bewusst, wie wichtig das Engagement der Lehrer für das Gelingen einer Schülerfirma ist. Das ganze Konzept stehe und falle mit dem Herzblut der Kollegen. „Der Lohn ist, dass man zufriedenere Schüler hat“, sagt er lächelnd.

Mit dem Gewinn, den ihre Firmen einbringen, verfahren die Schüler ganz unterschiedlich. „Wir werden einen Ausflug machen“, erzählt Anna-Lena (14) von der Schülerfirma „Stiftl“. Bei „Holzbiber“ wurde ebenfalls schon ein Plan geschmiedet. Jungunternehmer Marc: „Wir werden zusammen essen gehen.“

Die Idee des Schülerunternehmens stammt ursprünglich aus dem angelsächsischen Raum. Seit Mitte der neunziger Jahre fassen Schülerfirmen auch in Deutschland Fuß. Mittlerweile gibt es in Niedersachsen die meisten Schülerfirmen in Deutschland, nämlich über 250. Rund 40 davon sind allein in der Region Südniedersachsen angesiedelt. Das Konzept der Schülerfirmen gilt als bildungspolitischer Exportschlager. Ronald Geyer: „Niedersächsische Multiplikatoren sind inzwischen in nahezu allen Bundesländern tätig.“Text: TANJA UHDE Fotografie: ALCIRO THEODORO DA SILVA