Für die Zukunft bewahrt

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Text von: Claudia Krell

Die Universitätsbibliothek Göttingen digitalisiert Stammbuchkupfer und macht sie der Allgemeinheit zugänglich.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Link mit weiteren Informationen zum Thema aus unserer Frühjahrs-Ausgabe 2012.

In Göttingen, dem Hauptproduktionsort der Stammbuchkupfer, finden sich die Erinnerungsstücke verteilt auf viele Standorte wieder. Einige von ihnen macht die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) als Beitrag für das neu entstehende Portal ‚Kulturerbe Niedersachsen‘ online zugänglich – und trägt sie, wie einst die Marke ‚Göttingen bey Wiederhold‘, in die Welt hinaus. Die SUB, die in zahlreichen nationalen wie internationalen Projekten zur Digitalisierung von Kulturgütern und ihrer Präsentation engagiert ist, koordiniert das Projekt, zu dem sieben niedersächsische Einrichtungen ihre digitalen Schätze beisteuern.

Die digitalisierten Stammbuchkupfer sind ein Beitrag der SUB für das Portal, erklärt Mechthild Schüler. Sie betreut für die Uni-Bibliothek das Gesamtprojekt und erläutert: „Es ging uns verstärkt um die kulturtouristische Wertschätzung, das Schöne von allgemeinem Interesse.“ Mehr als 60 Sammelbücher aus privaten Nachlässen, häufig von Professoren, befänden sich im SUB-Archiv. „Wir haben uns zunächst auf die Motive konzentriert, die für das 275-jährige Bestehen der Universität interessant sind“, sagt Schüler. Knapp 100 Stiche haben es in die digitale Sammlung geschafft, viele stammen aus der frühen Zeit der Georgia Augusta.

Vorder- und beschriebene Rückseite der Stammbuchblätter sowie ein Farbkeil werden gescant, berichtet Martin Liebetruth, der Spezial-Digitalisierungen am Göttinger Digitalisierungszentrum (GDZ) verantwortet. Ein Scanner für spezielle Materialien wie lose Blätter, Karten und besonders wertvolle Bücher digitalisiert die Stiche in einer Auflösung von 600ppi (pixel per inch, englisch für Pixel pro Zoll) und macht alle Details sichtbar. „Je nach Feinjustierung der Beleuchtung können wir sogar die Papierstruktur herausarbeiten.“ Lose Blätter wie die Stammbuchkupfer verlangen dafür aber – unvermutet – nach mehr Zeit als gebundene Werke, sagt Liebetruth. Er verweist auf weitere Arbeitsplätze, an denen diese mit hoher Geschwindigkeit bearbeitet werden.

Die SUB und das hier ansässige GDZ gehören zu den Vorreitern der Massendigitalisierung. Das Zentrum wurde als erstes in Deutschland 1997 mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gegründet. Von Beginn an verfolgte es die Ziele, kostbare und in vielen Wissenschaftsbereichen noch immer gefragten Altbestände zu digitalisieren sowie als Kompetenzzentrum Erfahrungen und Verfahren weiterzutragen. So etwa als Projektpartner für die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) oder die Europeana, erklärt Ralf Stockmann, Leiter des SUB-Kompetenzzentrums Digitalisierung und Initiator der Europeana4D. „Mit der interaktiven Visualisierung von Daten in Raum und Zeit beschreiten wir neue Wege in der Wissensvermittlung.“ Er verweist auch auf die herausragenden digitalen Bestände, zu denen die Mathematiksammlung mit Werken von Gauss und die frühen Meilensteine der Zoologie gehören. Eine Sonderrolle nimmt die Digitalisierung der aus dem Jahr 1454 stammenden Gutenbergbibel ein.

Mit einem Alter von 200 Jahren oder mehr zählen die Stammbuchkupfer also längst nicht zu den ältesten Werken, die durch Martin Liebetruths Hände wandern. „Generell weisen sie einen erstaunlich guten Erhaltungszustand auf“, sagt er. „Das Papier, meist Bütten, ist von höherer Qualität und nicht durch Säurezersetzung gefährdet.“ Verblassende Widmungen, ein wenig vergilbte Farben oder Stockflecken sind die größten Probleme früherer, privater Aufbewahrung. Die SUB legt nun umso größeren Wert auf korrekte Lagerung und Handhabung. „Als Gedächtnisinstitution haben wir die Aufgabe, mit solchen Materialien sorgsam umzugehen.“

Mit dem Einscannen ist es noch lange nicht getan. Was folgt, ist akribische Kleinarbeit, damit Objekte wie die Stammbuchkupfer nicht nur erhalten bleiben, sondern auch sinnvolle Informationen liefern. „Der Inhalt eines Stichs vermittelt sich zwar relativ direkt“, meint Liebetruth. Doch die Einordnung sei wichtig: „Was früher z.B. als ‚Die Allee‘ bekannt war, ist heute die Goetheallee.“ Bibliothekarisch gesprochen komme es auf die Metadaten an, also all das, was zusätzlich über einen Scan festgehalten werde: Illustrator, Verlag, Entstehungsjahr, Motiv und Geschichte oder handschriftliche Notizen können dazu zählen. Erst diese Angaben machen es möglich, Objekte sinnvoll zu erfassen: „Mit ihnen können weitere thematische Sammlungen zusammengestellt werden. Ohne sie lässt sich dagegen nur eine Bildstrecke von 1 bis 1.000 uninspiriert durchklicken“, verdeutlicht Schüler. Sie vergleicht mit Urlaubsfotos: „Die Erinnerungen aus Andalusien werden sortiert, vielleicht verschlagwortet und in eine Reihenfolge gebracht.“ Oder, näher am Gegenstand gesprochen: „Würden wir den Digitalisaten keine Metadaten mitgeben, wäre das wie eine Bibliothek voller Bücher – aber ohne Verzeichnis, was wo zu finden ist.“

Über das Portal ‚Kulturerbe Niedersachsen‘

Das Portal Kulturerbe Niedersachsen baut auf dem Vorgängerprojekt OPAL auf, dem von der Stiftung Niedersachsen unterstützten ‚Online-Portal der Kulturschätze Niedersachsens‘. Es soll ein zentraler Ort für Digitalisate werden, die auf verschiedene Bibliotheken, Museen und Archive in Niedersachsen verteilt sind. Außerdem sollen die digitalen Exponate in der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) und der Europeana, dem Äquivalent auf europäischer Ebene, zu finden sein. Nutzungsmöglichkeiten für Privatnutzer, Forschung, Lehre und Unterricht sind in der Regel frei. Kommerzielle Verwertungsrechte werden im Einzelfall bestimmt. Koordinatorin Mechthild Schüler: „Jede Einrichtung legt selbst fest, wie sie mit weiteren Anfragen umgeht. Sowohl was die Bereitstellung hochwertiger Dateiformate angeht als auch die Gebühren, die dafür anfallen.“ Beteiligt sind derzeit neben der SUB die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek Hannover, das Herzog-Anton-Ulrich-Museum Braunschweig, die Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, die Landesbibliothek Oldenburg, das Niedersächsische Landesarchiv und das Niedersächsische Landesmuseum Hannover. „Ich bin außerdem optimistisch, dass immer mehr Einrichtungen ihre Sammlungen zugänglich machen werden“, sagt Schüler. „Mittlerweile tragen auch kleinere Institutionen ihren Wunsch nach Beteiligung an uns heran zum Beispiel Heimatmuseen.“ Wo heute Ausstellungen vorbereitet würden, geschehe dies meist mit digitaler Unterstützung. „Viele verfügen aber nicht über die entsprechende Online-Präsenz, um die Ergebnisse der Allgemeinheit zugänglich zu machen.“ Dafür biete das Portal Kulturerbe Niedersachsen eine ideale Infrastruktur.

Am 27. April startet das Portal ‚Kulturerbe Niedersachsen‘ offiziell. Gefeiert wird dies mit einem Festakt im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK), das gemeinsam mit der EU die Finanzierung für das Projekt trägt. Ab dann können auch die Stammbuchkupfer der SUB über die Adresse kulturerbe.niedersachsen.de bei einem virtuellen Rundgang entdeckt werden.